Happige Vorwürfe: Nationalbank verschärft die Schuldenkrise
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Happige VorwürfeNationalbank verschärft die Schuldenkrise

Die Euro-Mindestkurs-Politik der SNB ist gut für die hiesige Wirtschaft. Sie schade aber den Krisenländern wie Griechenland oder Spanien – meint zumindest die Ratingagentur S&P.

von
whr/hpa
Während die Nationalbank das Geld bei den soliden Eurostaaten ins Trockene bringt, stehen die Eurokrisenländer im Regen.

Während die Nationalbank das Geld bei den soliden Eurostaaten ins Trockene bringt, stehen die Eurokrisenländer im Regen.

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) kauft nach Einschätzung der Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) im ganz grossen Stil Anleihen starker Euro-Länder wie Deutschland, Holland oder Finnland. Das Geld für diese Anleihenkäufe stamme indirekt von den Krisenländern. Damit verteile die SNB Geld von den Krisenländern in die Kern-Eurozone um.

Der in den vergangenen Jahren im Zusammenhang mit der Schuldenkrise stark angeschwollene Zufluss von Kapital auf Schweizer Banken stammt nach einer am Dienstag veröffentlichten Analyse von S&P zu einem bedeutenden Teil aus Euro-Krisenländern wie Griechenland oder Spanien. Die Schweiz importiere seit 2008 netto Kapital.

Banken parken Geld bei der SNB

Davor war die Schweiz tendenziell eher ein Kapitalexporteur gewesen. Während die Schweizer Banken die Gelder bei der SNB parken, blähen sich die Devisenreserven der Währungshüter wegen der Untergrenze-Politik zum Euro weiter stark auf. Um den Kurs von 1.20 Fr. zu halten, musste die SNB mehrfach massiv Euro kaufen.

Zwischen Ende 2009 und Juli 2012 verdreifachten sich durch diese Effekte die Devisenreserven der SNB auf umgerechnet 312 Mrd. Franken. Die Bilanz der SNB multiplizierte sich um den Faktor 3,4.

SNB investiert in starke Euro-Länder

Die Mittel investieren die Schweizer Währungshüter laut S&P zu einem bedeutenden Teil in Staatsanleihen von Euroländern, die nach wie vor über ein solides Bonitätsrating verfügen. Es sind dies Deutschland, Frankreich, die Niederlande, Finnland und Österreich.

S&P schätzt, dass die SNB von Anfang 2012 bis Juli 2012 auf diesem Wege Regierungsobligationen dieser Länder in Höhe von 80 Mrd. Euro gekauft hat. Dies entspricht knapp der Hälfte des durch Anleihen gedeckten Finanzbedarfs dieser Staaten. Die SNB selbst gibt keine Details darüber bekannt, wie sie ihre Reserven bewirtschaftet.

SNB weist Vorwürfe zurück

Die SNB weist die Vorwürfe von S&P zurück. Der Bericht der Ratingagentur beinhalte einen «fundamentalen Fehler», schreibt die SNB auf Anfrage von 20 Minuten. Die Zahl von 80 Milliarden Euros, die die SNB in starke Euro-Länder investiert haben soll, sei nicht nachvollziehbar.

Die Käufe der SNB tragen laut S&P «bedeutend» dazu bei, dass die Zinsen für deutsche, französische, niederländische, finnische und österreichische Anleihen sinken. Diese reduzierten sich, gemessen an einem Mehrjahresmittelwert, von 3,04 Prozent im Vorjahr auf 2,15 Prozent im bisherigen Jahresverlauf 2012.

«Recycling» von Euros

Indem die SNB dieses «Recycling» von Euros betreibt, trägt sie laut S&P zu den Ungleichgewichten in der Eurozone bei. Die Zinsen von Ländern mit grossen Wirtschafts- und Schuldenproblemen erreichten in den vergangenen Monaten mehrfach kritisch hohe Niveaus, was das Misstrauen der Finanzmärkte widerspiegelt.

Im Fokus steht derzeit vor allem Spanien. Um die Lage zu stabilisieren, und weil grosse Investoren vorsichtig geworden sind, kauft die Europäische Zentralbank (EZB) in einem nicht unumstrittenen Programm Anleihen von Euro-Krisenländern auf, um so die Zinslast für diese Staaten zu senken.

Anfang September hatte EZB-Präsident Mario Draghi bekräftigt, die Zentralbank werde zur Bekämpfung der Krise uneingeschränkt Anleihen kaufen. (whr/hpa/sda)

Jordan bekräftigt Mindestkurs

Der kurzfristige Wirtschaftsausblick habe sich - auch für die Schweiz - in den letzten Monaten allerdings eingetrübt, sagte SNB-Präsident Thomas Jordan am Dienstag an einem Kongress in Pfäffikon SZ. Der Mindestkurs sei daher «die angebrachte Geldpolitik für die Schweiz», betonte er erneut.

Die Währungshüter seien auch bereit, jederzeit Massnahmen zu ergreifen, sollte sich der Aufwertungsdruck auf den Franken wieder verschärfen. «Es existiert weder eine praktische noch eine theoretische Obergrenze für Devisenkäufe», sagte Jordan.

«Schlicht bekloppt»

Der Banken-Professor Hans Geiger ist über den Angriff der US-Ratingagentur S&P erstaunt und wütend. «Dass die Agentur unsere Nationalbank beschuldigt, sie würde die Euro-Krise noch verstärken, ist schlicht bekloppt.» Das gehöre nicht zu ihren Aufgaben. Standard & Poors gehört neben Fitch und Moody's zu den drei wichtigsten Ratingagenturen der Welt. Sie sollte gemäss Geiger dem Anleger helfen, das Risiko von Obligationen einzuschätzen. S&P könne hingegen der Nationalbank nicht "politisch korrekte" Anlagen vorschreiben, die den Markt verfälschen würden.

Die Politik der Nationalbank werde wohl von der Mehrheit der Schweizer Bevölkerung mitgetragen. Sie diene in erster Linie der Exportindustrie und dem Tourismus. Geiger: «Das bedeutet nicht, dass ich die Geldpolitik der SNB als völlig unproblematisch halte.» In Tat und Wahrheit gehe die SNB mit ihren sehr hohen Beständen an Euro-Anleihen ein gewaltiges Währungsrisiko ein. Geiger: «Die Schweizerische Nationalbank fährt seit einem Jahr eine Hochrisiko-Strategie.» (hpa)

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