Krieg in Libyen: Nato beschiesst mögliche Gaddafi-Verstecke

Aktualisiert

Krieg in LibyenNato beschiesst mögliche Gaddafi-Verstecke

Die Nato führt ihre Angriffe auf die Städte Bani Walid und Sirte fort. Derweil schlagen Ärzte in Tripolis Alarm. Die humanitäre Lage sei erschreckend.

Die NATO hat in Libyen ihre Luftangriffe in der Region um Bani Walid verstärkt, wo die Aufständischen den langjährigen Machthaber Muammar Gaddafi vermuten. Die Militärallianz bombardierte in der Gegend der südöstlich von Tripolis gelegenen Stadt am Dienstag sechs Ziele.

Getroffen wurden nach NATO-Angaben vom Mittwoch unter anderem drei Boden-Boden-Raketenwerfer sowie Militäranlagen etwa zur Unterbringung von Munition, Raketenwerfern und Panzern. Am Tag zuvor hatte die NATO in der Region drei Ziele beschossen.

Die Medien der Rebellen meldeten zudem in der Nacht zum Mittwoch neue Gefechte in der Umgebung von Bani Walid. Ihren Angaben zufolge konnten die Rebellen einen Angriff von Gaddafi-Anhängern zurückschlagen.

Schweizer Munition in Libyen

Angriffe auch auf Sirte

Gaddafi zeigt sich im TV

Erneute Angriffe flog die NATO nach eigenen Angaben am Dienstag auch in der Region von Gaddafis Heimatstadt Sirte. Dort wurden 19 Ziele beschossen, darunter drei Panzer, zwölf mit Waffen ausgestattete Fahrzeuge, eine Radaranlage sowie militärische Posten. Sirte gilt als weiterer möglicher Aufenthaltsort Gaddafis.

Gaddafi lädt zur Massenhochzeit

Die Aufständischen haben den Bewohnern von Sirte bis zum kommenden Samstag Zeit gegeben, um die Waffen zu strecken. Sollten sich diese nicht ergeben, so wollen die Rebellen die Stadt mit militärischer Gewalt unter ihre Kontrolle bringen.

Triumphzug im Golfwagen von Gaddafi

Rebellen in Libyen setzen deutsche G36-Gewehre ein

Die Rebellen in Libyen setzen laut Medienberichten deutsche G36-Gewehre ein. Die Waffen des Herstellers Heckler & Koch seien den Rebellen beim Sturm auf die Residenz des libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi in Tripolis in der vergangenen Woche in die Hände gefallen.

Seif al-Islam, der bessere Gaddafi

Dies ergaben Recherchen des ARD-Magazins «Kontraste» und der «Stuttgarter Zeitung». Augenzeugen hätten dies berichtet, der Herstellerstempel und die so genannte Beschussmarke würden die deutsche Produktion belegen.

Beim G36 handelt es sich um das Standardgewehr der Bundeswehr. Bei den in Libyen aufgetauchten Gewehren handelt es sich den Berichten zufolge allerdings um den Typ G36 KV. Dies sei ein für Spezialeinheiten hergestelltes Modell mit einem verkürzten Lauf.

Den Berichten zufolge ist bisher unklar, wie viele Waffen wann, von wem und auf welchem Weg nach Libyen geliefert wurden. Heckler & Koch habe auf Anfrage ausgeschlossen, die Waffen nach Libyen geliefert zu haben. Das Bundeswirtschaftsministerium teilte demnach mit, es habe keine Genehmigung für eine G36-Lieferung erteilt.

MSF: Flüchtlinge harren in Notlagern aus

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) wies derweil auf die erschreckende humanitäre Lage Migranten und Flüchtlingen in Tripolis hin. In einer Mitteilung vom Mittwoch berichtet MSF von rund 1200 Menschen nicht-libyscher Herkunft, die in Notlagern vor den Kämpfen Schutz suchten.

Viele von ihnen würden an Atemwegsinfektionen, Hautkrankheiten oder Magen-Darmbeschwerden leiden, erklärte MSF-Mitarbeiter Paulo Reis. Es mangle an Medikamenten und Hilfsgütern. Zudem würden die Bewohner der Notlager wiederholt von bewaffneten Männern bedroht.

1,3 Milliarden für die Rebellen

Der Geldfluss an die Übergangsregierung nimmt zu: Grossbritannien darf eingefrorene libysche Finanzmittel in Höhe von fast einer Milliarde Pfund (1,3 Milliarden Franken) für humanitäre Zwecke freigeben. Das UNO-Sanktionskomitee genehmigte eine entsprechende Anfrage aus London.

Dies teilte der britische UNO-Botschafter mit. Die Mittel waren im Zuge der UNO-Sanktionen gegen die Führungsriege um den langjährigen Machthaber Muammar Gaddafi wegen seines Vorgehens gegen die Zivilbevölkerung eingefroren worden. Auch andere Länder wollen Mittel von gesperrten Konten zur Verwendung für humanitäre Hilfsmassnahmen in Libyen freigeben.

Unterdessen machen die libyschen Rebellen Druck: Bis Samstag sollen sich die Anhänger des untergetauchten Diktators Gaddafi ergeben, sonst ist weiteres Blutvergiessen unvermeidlich. Nach Rebellenangaben kamen seit Beginn des Aufstandes gegen das Gaddafi- Regime vor sechs Monaten mindestens 50 000 Menschen ums Leben.

«Leiden muss ein Ende haben»

Angesichts der humanitären Lage fordert die UN0 nun schnelles Handeln. Die humanitäre Situation erfordere dringendes Eingreifen, sagte UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon. «Das Leiden der Bevölkerung muss ein Ende haben», betonte er am Dienstag (Ortszeit) vor dem UNO- Sicherheitsrat. Besonders wichtig sei die Wasserversorgung, da geschätzte 60 Prozent der Bevölkerung ohne sanitäre Versorgung sei.

Frankreich brachte eine Beobachtermission ins Spiel, an der sich auch Deutschland beteiligen könne. Bei der von ihm vorgeschlagenen Beobachtermission gehe es nicht um militärische Hilfe, sagte Frankreichs Aussenminister Alain Juppé der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (Mittwoch). «Man wird Beobachter nach Libyen entsenden müssen. Es braucht eine Wiederaufbautruppe, aber keine Interventionstruppe.» Frankreich «wäre froh darüber», wenn Deutschland sich an einer Beobachtermission beteiligte, sagte Juppé.

Ablehnung

Der Übergangsrat der Aufständischen steht einer solchen Mission nach UNO-Angaben aber ablehnend gegenüber. «In unseren Gesprächen mit dem NTC (Übergangsrat) wird ganz deutlich, dass die Libyer jede Art eines militärischen Einsatzes durch die UNO oder andere verhindern möchten», sagte der Libyen-Sondergesandte Ian Martin.

Am Dienstag hielten Kämpfer der ehemaligen Regierungstruppen noch Sirte sowie die Wüstenstadt Sebha im Zentrum des Landes. Nato- Kampfflugzeuge nahmen die letzten Gaddafi-Hochburgen erneut unter Beschuss. Zahlreiche Militäreinrichtungen in Sirte und in Bani Walid seien Ziel von Angriffen gewesen, teilte die Nato mit.

Unterdessen ist Gaddafis Sohn Al-Saadi nach Berichten des arabischen Senders Al-Dschasira angeblich bereit, sich den Rebellen zu ergeben. Dies habe der für Tripolis zuständige Rebellenkommandeur Abdelhakim Belhadsch gesagt, meldete der Sender am Dienstagabend.

Al-Saadi will in Libyen bleiben

Demzufolge habe Al-Saadi Gaddafi in einem Telefonat mit Belhadsch über die Möglichkeit, sich zu ergeben, gesprochen. Der Gaddafi-Sohn wolle Libyen nicht verlassen und suche Kontakt zum Übergangsrat, um zu verhandeln, habe Belhadsch erklärt. Anhand des Telefonanrufs glaube er auch zu wissen, wo Al-Saadi Gaddafi sich aufhalte.

Italienische Medien hatten berichtet, dass sich Al-Saadi Gaddafi zusammen mit seinem Vater nach wie vor in Libyen aufhalte und in der Wüstenstadt Bani Walid untergetaucht sei. Dagegen hätten sich Gaddafis Frau Safija, die Söhne Hannibal und Mohammed sowie die Tochter Aischa nach Algerien abgesetzt.

Die ohnehin angespannten Beziehungen zwischen den Aufständischen in Libyen und dem Nachbarland Algerien hatten sich dadurch weiter verschlechtert. Der Übergangsrat forderte von Algerien die Auslieferung der Familie Gaddafis.

Rebellen glauben an Festnahme Gaddafis

Die Aufständischen in Libyen haben sich zuversichtlich geäussert, den bisherigen Machthaber Muammar al Gaddafi festnehmen zu können. Man habe eine «gute Vermutung» darüber, wo Gaddafi sich aufhalten könnte, sagte Ali Tarhuni, Minister im Nationalen Übergangsrat der Rebellen, am Dienstag vor Journalisten in Tripolis. Einzelheiten nannte er nicht. (sda/dapd)

Libyen soll Fall des Lockerbie-Attentäters untersuchen

Die US-Regierung hat an den Übergangsrat in Libyen appelliert, den Fall des seit seiner Freilassung in Tripolis lebenden einzigen verurteilten Lockerbie-Attentäters zu prüfen. Die Aufständischen sollten sich damit auseinandersetzen, wie mit der Rückkehr Abdel Baset al Megrahis nach Libyen umgegangen worden sei, erklärte das Außenministerium am Montag. Al Megrahi war nach seiner Ankunft im Jahr 2009 von Anhängern des langjährigen Machthabers Muammar al Gaddafi wie ein Held empfangen worden.

Regierungsvertreter hätten wegen des Falls ranghohe Mitglieder des nationalen Übergangsrats der Rebellen kontaktiert, sagte Ministeriumssprecherin Victoria Nuland. Ein «neues, freies und demokratisches Libyen» werde vermutlich eine andere Haltung «gegenüber einem verurteilten Terroristen» vertreten als dies bislang der Fall gewesen sei. Die Aufständischen hätten eine Prüfung zugesagt, sobald eine funktionsfähige Regierung im Amt sei, erklärte Nuland.

Der krebskranke al Megrahi wurde vor zwei Jahren von der schottischen Regierung freigelassen und liegt nach Angaben seiner Familie im Koma. Der Übergangsrat der Rebellen hatte seine Auslieferung ins Ausland am Sonntag abgelehnt. (dapd)

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