Hochstapler: NATO verhandelte mit falschem Taliban
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HochstaplerNATO verhandelte mit falschem Taliban

Peinlicher Flop für westliche Streitkräfte in Afghanistan: Ein vermeintlicher Taliban-Anführer, mit dem man über ein Ende des Krieges sprach, war offenbar ein Hochstapler.

von
kri
Mitglieder des neuen afghanischen Friedensrats wartem am 7. Oktober 2010 in Kabul auf die Ankunft Präsident Karzais.

Mitglieder des neuen afghanischen Friedensrats wartem am 7. Oktober 2010 in Kabul auf die Ankunft Präsident Karzais.

Während Monaten schienen Geheimgespräche zwischen den Taliban und der afghanischen Regierung einen möglichen Ausweg aus dem neunjährigen Konflikt zu weisen. Besonders verheissungsvoll war die Anwesenheit eines bestimmten Rebellenführers: Mullah Akhtar Muhammad Mansour, einer der ranghöchsten Kommandanten der Taliban und möglicherweise die Nummer 2 hinter ihrem Gründer, Mullah Omar.

Für ein Treffen mit dem afghanischen Präsidenten Hamid Karzai war der vermeintliche Mansour sogar mit einem NATO-Flugzeug eingeflogen und in den Präsidentenpalast geleitet worden. Laut einem Bericht der «New York Times» ist die afghanische Regierung jedoch auf einen Hochstapler hereingefallen. «Er ist es nicht», zitiert die Zeitung einen westlichen Diplomaten, der in die Verhandlungen involviert war. «Und wir haben ihm viel Geld gegeben.» Amerikanische Regierungsvertreter bestätigten am Montag, dass sie die Hoffnung aufgegeben hätten, dass es sich bei besagtem Afghanen um Mullah Mansour oder wenigstens ein führendes Mitglied der Taliban handle.

Verhandeln ja, aber mit wem?

Die Episode zeugt von der ungewissen und manchmal bizarren Atmosphäre, in der die afghanische Regierung und die NATO nach einem Ausweg aus dem Konflikt mit den Taliban suchen. Sollte der Weg zu einem möglichen Frieden denn wirklich über Gespräche führen, zeigt der Fall ein praktisches Problem auf: Viele Taliban-Anführer – die meisten von ihnen Geistliche aus ländlichen Gebieten, die kaum lesen und schreiben können – haben weder die USA, die NATO noch afghanische Regierungsvertreter je persönlich zu Gesicht bekommen.

Die anfänglichen Zweifel der Amerikaner an der Identität des Mannes sollen nach dem dritten Treffen zugenommen haben. Ein Afghane, der den vermeintlichen Unterhändler vor Jahren persönlich gekannt hatte, deutete hinter vorgehaltener Hand an, der Mann am Tisch habe keine Ähnlichkeit mit Mullah Mansour. Während manche afghanische Regierungsvertreter noch hoffen, der Mann würde für weitere Gespräche ins Land zurückkehren, sind die USA und andere Vertreter westlicher Staaten zum Schluss gekommen, dass es sich definitiv nicht um Mansour handelt.

Rätseln über das Phantom

Doch wer war er dann? Seit der dritten Gesprächsrunde, die in den vergangenen Wochen stattgefunden haben muss, rätseln Amerikaner und Afghanen über diese Frage. Einige halten ihn für einen Betrüger, der sich schlicht bereichern wollte.

Andere vermuten einen Agenten der Taliban. «Die Taliban sind schlauer als die Amerikaner und unser Geheimdienst», sagte ein afghanischer Regierungsvertreter, der mit dem Fall vertraut ist, gegenüber der «New York Times». Wieder andere vermuten ein doppeltes Spiel des pakistanischen Geheimdienstes ISI. Die Taliban selbst halten offiziell an der Version fest, dass gar nie Gespräche stattgefunden haben.

Kind der Hoffnung

Trotz substantieller Zweifel sind immerhin drei Treffen zustande gekommen. Offenbar war man sowohl auf amerikanischer als auch auf afghanischer Seite von den moderaten Forderungen eingenommen: Freies Geleit für die Taliban-Anführer, Jobs für ihre Soldaten und die Freilassung von Gefangenen. Der Abzug ausländischer Streitkräfte sowie eine Regierungsbeteiligung waren hingegen kein Thema. Nicht zuletzt aufgrund solcher Aussagen halten einige afghanische Regierungsvertreter nach wie vor an der Hoffnung fest, der mysteriöse Unterhändler könnte am Ende doch Mullah Mansour sein.

Sayed Amir Muhammad Agha, ein ehemaliger Taliban-Kommandant, der die Gruppierung verlassen hat und in der Vergangenheit als Mittelsmann agierte, widersprach in einem Interview: «Jemand wie ich könnte hervortreten und behaupten, ich sei ein einflussreicher Taliban. Aber ich sage Ihnen, da ist nichts im Gange. Wenn ich mit den Taliban spreche, akzeptieren sie keinen Frieden und wollen weiterkämpfen. Sie sind nicht müde.»

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