Krankschreibungen und «Blaumacher» wegen Nebenwirkungen der Corona-Impfung
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Leserinnen und Leser erzählen«Natürlich habe ich blaugemacht nach meiner Impfung»

Weil die Corona-Impfung Nebenwirkungen haben kann, lassen sich viele krankschreiben. Darunter auch Leute ohne Beschwerden, wie die Schilderungen der 20-Minuten-Community zeigen.

von
Barbara Scherer
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Die Corona-Impfung kann Nebenwirkungen haben.

Die Corona-Impfung kann Nebenwirkungen haben.

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Neben Schmerzen an der Einstichstelle treten bei etwa der Hälfte der Geimpften Müdigkeit und Kopfschmerzen auf. 

Neben Schmerzen an der Einstichstelle treten bei etwa der Hälfte der Geimpften Müdigkeit und Kopfschmerzen auf.

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Bei einem Drittel machen sich Muskelschmerzen oder ein Fiebergefühl breit.

Bei einem Drittel machen sich Muskelschmerzen oder ein Fiebergefühl breit.

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Darum gehts

  • Viele lassen sich nach der Impfung krankschreiben wegen der Nebenwirkungen.

  • Darunter gibt es aber auch viele Blaumacher.

  • Mitglieder der 20-Minuten-Community erzählen, warum sie nach der Impfung nicht zur Arbeit gehen.

  • Ein Personalexperte ordnet die Fälle ein.

Mehr als zwei Millionen Menschen sind in der Schweiz bereits vollständig geimpft. Doch die Corona-Impfung geht nicht an allen spurlos vorbei: Einige klagen über Nebenwirkungen, wie Kopfschmerzen und Fieber. Darum lassen sich viele nach der Impfung krankschreiben – auch wenn es ihnen gar nicht so schlecht geht.

Auch in der 20-Minuten-Community haben einige die Gelegenheit genutzt und ein paar Tage blaugemacht nach der Corona-Impfung. Personalexperte Werner Raschle, Inhaber und CEO des Personalvermittlers Consult & Pepper, ordnet die Fälle ein und gibt Tipps.

«Ich musste schliesslich auch mit Corona arbeiten»

Anna*, 23, Beraterin: «Natürlich habe ich blaugemacht nach meiner Impfung. Ich musste schliesslich während meiner Corona-Erkrankung zuhause arbeiten – obwohl es mir echt nicht gut ging! Darum sind mir ein bis zwei freie Tage nach der Impfung sehr gelegen gekommen, um mich zu erholen.»

Das sagt der Experte: «Hierbei handelt es sich um unentschuldigtes Fernbleiben vom Arbeitsplatz. Das ist rechtlich nicht korrekt. Zudem zeigt das Verhalten auch auf, dass es mit dem Arbeitgeber ein paar Differenzen gibt, die nach dem Impfen aus dem Weg geräumt werden sollten. Hier ist ein Gespräch mit dem Chef sinnvoll.»

«Impfung so gelegt, damit es ein verlängertes Wochenende gibt»

Michi, 28, Lehrer: «Bei uns im Schulhaus fehlen zwei von drei Personen jeweils ein bis drei Tage nach der zweiten Impfung. Ich vermute, dass die meisten von ihnen die Gunst der Stunde nutzen und so bezahlte Ferientage einziehen. Von einigen Kollegen weiss ich, dass sie die Impfung so legen, dass sie anschliessend ein verlängertes Wochenende haben.»

Das sagt der Experte: «Wie man die Impftermine legt, ist in den meisten Kantonen jedem selber überlassen, und es gibt keine rechtlichen Vorgaben. Bewusst auf ein verlängertes Wochenende zu hoffen, ist also eher eine
Stilfrage. Mutig und richtig ist, die Beobachtungen im Lehrerkollegium anzusprechen, was zweifellos Wirkung haben würde.»

«Mein Chef hat auch nicht gearbeitet»

Marie, 21, Mitarbeiterin Administration: «Mein Chef hat nach der Impfung drei Tage nicht gearbeitet. Weil ich ihn überhaupt nicht mag, mache ich wahrscheinlich genau das Gleiche und lass mich drei bis vier Tage krankschreiben nach meiner Impfung.»

Das sagt der Experte: «Das sieht nach einer wenig motivierenden Arbeitssituation aus. Ich denke, diese Mitarbeiterin wird sich bald auf die Suche nach einer neuen Anstellung machen. Dabei könnte ihr jetziges Verhalten aber zu einem grossen Hindernis werden in einer anstehenden Jobsuche.»

«Bei der zweiten Imfpung mach ich blau»

Edwin, 35, Pflegefachperson: «Ich hatte den Plan, mich nach der Impfung krank zu melden. Denn ich schleppe mich normalerweise halbtot zur Arbeit und hätte mir einen freien Tag verdient. Leider sind dann viele meiner Mitarbeitenden wegen der Impfung ausgefallen. Also habe ich mich trotz Gliederschmerzen und Schüttelfrost zur Arbeit geschleppt. Bei der zweiten Impfung hol ich meinen Plan aber nach!»

Das sagt der Experte: «Für kranke Kollegen einzuspringen, ist pflichtbewusst und lobenswert. Der Plan, später absichtlich zu fehlen, ist es nicht. Zudem ist das arbeitsrechtlich nicht korrekt. Ob man trotz Nebenwirkungen zur Arbeit geht, muss jeder und jede für sich entscheiden. Gerade im Pflegebereich, wo es um Leben und Tod gehen kann, gelten andere Regeln.»

«Viele melden sich krank, das mache ich auch»

Urs, 45, Elektromonteur: «Ich habe nach meiner ersten Impfung keine Nebenwirkungen gehabt. Viele meiner Mitarbeitenden haben gesagt, sie hätten welche und haben sich krankgemeldet. Weil ich das unfair finde, habe ich mich auch krankgemeldet.»

Das sagt der Experte: «Rechtlich gesehen ist das ein unentschuldigtes Fernbleiben vom Arbeitsplatz, was eine fristlose Kündigung nach sich ziehen kann. Ich empfehle, die möglichen Konsequenzen nicht in Kauf zu nehmen. Zudem dürfte ein Teil der Mitarbeitenden tatsächlich krank gewesen sein. Und es ist ja eine gute Sache, keine Nebenwirkungen gehabt zu haben.»

«Sechs Mitarbeitende haben sich krankgemeldet»

Dominik, 43, Produktionsleiter: «Ich leite ein Team mit 15 Mitarbeitenden. Bei mir haben sich bisher sechs Mitarbeitende impfen lassen. Alle sechs sind schon bei der ersten Impfung krankgeschrieben worden. Das ist unglaublich aber wahr! Bei der zweiten Impfung mache ich wohl am besten gleich Betriebsferien.»

Das sagt der Experte: «Nach meiner Erfahrung ist der Ausfall nach der zweiten Impfung aufgrund von Nebenwirkungen um einiges höher als bei der ersten. Allerdings nicht über 50 Prozent und in den meisten Fällen fehlen die Leute nur am Folgetag. Es macht also Sinn, direkt nach der Impfung mit einem kurzen Ausfall von etwa der Hälfte der Arbeitnehmenden zu rechnen.»

Blaumachen, ist schwer zu beweisen

Bei den meisten Arbeitnehmern ist vertraglich vereinbart, dass ein Arztzeugnis erst ab dem dritten Tag der Krankheit vorzuweisen ist. «Vor diesem Hintergrund ist es schwierig, hier als Arbeitgeber etwas zu tun, wenn vermutet wird, dass jemand nach der Impfung einen Tag blaumacht und gar nicht krank ist», erklärt Michèle Stutz, Fachanwältin SAV Arbeitsrecht beim Beratungsunternehmen MME Legal Tax Compliance. Fakt sei, dass viele tatsächlich kurzfristig einen Tag krank sind – vor allem nach der zweiten Impfung. Ist jemand einen Tag krank, habe der Arbeitgeber keinen Beweis, dass jemand arbeitsfähig war. «Darum ist der Lohn normal geschuldet», so Stutz. Sollte ein Arbeitgeber aber erfahren, dass ein Arbeitnehmer nicht krank war, ist dies eine klare Vertragsverletzung. «Für diesen Tag wird dann kein Lohn geschuldet», erklärt Stutz.

Personalexperte Werner Raschle geht zudem davon aus, dass es in der Schweiz im internationalen Vergleich wenig Blaumacher gibt. Durch das Homeoffice hätten viele Unternehmen zudem bemerkt, dass Mitarbeitende auch ohne Kontrollen arbeiten. «Es macht also durchaus Sinn, auch in der nächsten Zeit einerseits den Mitarbeitenden zu vertrauen und andererseits dieses Vertrauen nicht zu missbrauchen», so Raschle.

*Alle Namen von der Redaktion geändert.

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