«London calling»: Natürlich wird gedopt
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«London calling»Natürlich wird gedopt

Wenn ein olympischer Held durch seine Leistungen Geschichte schreibt, taucht das Unwort Doping auf. Das ist die grösste Unsitte des Sports im 21. Jahrhundert.

von
Klaus Zaugg
London

Die Begebenheit hat sich vor vier Jahren in Peking zugetragen. Michael Phelps hatte soeben die achte Goldmedaille gewonnen. Eine Jahrhundertleistung. Doch eine der ersten Frage an der Medienkonferenz war: «Wann sind Sie das letzte Mal auf Doping getestet worden?»

In London 2012 ist es nicht sehr viel anders. Im Zusammenhang mit grandiosen Leistungen (wie den Triumphen von Usain Bolt) wird beinahe reflexartig die Frage gestellt: Hat er «geladen»? Als wolle jede Berichterstatterin und jeder Berichterstatter gratismutig zeigen, dass sie bzw. er auch gegen Doping sei.

Wie organisiertes Verbrechen in der globalen Wirtschaft

Natürlich wird «geladen». Wer glaubt, alle Helden von London seien sauber, der glaubt auch, dass der Zitronenfalter seinen Lebensunterhalt mit dem Falten von Zitronen verdient. Doping gehört zum Sport wie das organisierte Verbrechen zur globalen Wirtschaft und die Untreue zur Ehe. Es geht um etwas ganz anderes. Wer von den Doping-Polizisten nicht erwischt wird, ist sauber. Seine Heldentaten sind zu bejubeln. Erst wer erwischt wird, ist unnachgiebig nach den Buchstaben der Reglemente zu verurteilen und zu sperren. So einfach ist das.

Naiv? Keineswegs. In der globalen Berichterstattung über die Hochzeit von Prinz William und Kate haben die Chronistinnen und Chronisten auch nicht ständig über die Möglichkeit einer Scheidung und des Fremdgehens spekuliert. Obwohl wir alle wissen, dass die Hälfte der Ehen wieder geschieden werden. Ja, wir haben nicht einmal übers Fremdgehen spekuliert, als die Romanze zwischen Francine Jorid und Florian Ast begann. Wenn ein Unternehmen ein gutes Geschäftsergebnis publiziert, dann spekulieren die Analysten auch nicht gleich, ob wohl hinter dem Gewinn Lug und Betrug steckt. Obwohl wir längst wissen, dass getrickst und betrogen wird.

Es gilt die Unschuldsvermutung

Dafür wird umso genüsslicher ausgebreitet, wenn doch fremdgegangen und geschieden wird. Und umso härter wird geurteilt, wenn doch Betrug hinter einem Geschäftsergebnis steht. Oder wir können es noch einfacher sagen: Es gilt im Rechtsstaat die Unschuldsvermutung. Die dürfen auch olympische Helden für sich in Anspruch nehmen.

Hat Usain Bolt «geladen»? Nein. Weil er bis heute nicht erwischt worden ist. So einfach ist das. Und das sollten wir so akzeptieren. Ja, es stimmt: Die Sprinter laufen heute schneller als jene Belzebuben, die nachweislich gedopt hatten (wie Ben Johnson 1988). Aber es gibt möglicherweise auch noch andere Erklärungen für die Leistungssteigerung. Zum Beispiel die Verbesserung der Technik und der legalen Trainingsmethoden.

Doping-Vorverurteilung schadet dem Sport

Die Doping-Vorverurteilung schadet dem Sport und die Doping-Jagd, so bitter notwendig sie auch sein mag, ist immer noch juristischer Wildwest. In einzelnen Ländern gibt es Gesetze, die es möglich machen, Staatsanwaltschaft und Polizei in Marsch zu setzen (z.B. Frankreich und Italien). In anderen Ländern gibt es hingegen keine Rechtsgrundlage (z.B. in der Schweiz). Am erfolgreichsten waren bisher in der Dopingfahndung beziehungsweise in der Überführung der Täter und Hintermänner nicht die Sportverbände. Sondern die Steuerbehörden. Indem sie die Geldflüsse in diesem globalen Geschäft aufdeckten.

Und da ist noch etwas: Die Chancengleichheit, eines der Grundrechte im Sport, ist bei weitem nicht gegeben: Es ist nicht einmal notwendig, China oder Schwarzafrika zu bereisen, um zu erahnen, dass in diesen Gegenden unangemeldete Dopingkontrolle im Training während den Aufbauphasen zu Olympischen Spielen ein bisschen weniger häufig und ein bisschen schwieriger durchzuführen sind als beispielsweise in der Schweiz oder in Deutschland.

Was, wenn Usain Bolt erwischt werden würde?

Vor den Spielen 2004 in Athen haben die Schweizer Dopingfahnder mit Ex-Weltmeister Oscar Camenzind auf dem Klausenpass einen möglichen Olympiasieger hochgehen lassen. Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber in China wäre das möglicherweise nicht passiert. Und noch eine Frage ist berechtigt: Gehen die Dopingfahnder gegen eine Lichtgestalt wie Usain Bolt mit dem gleichen Eifer vor wie gegen Gewichtheber aus Weissrussland? Was passiert, wenn einer wie Usain Bolt erwischt werden sollte? Werden die zuständigen Funktionäre der Versuchung der Vertuschung widerstehen? Usain Bolt gehört zu den Sportlern mit dem weltweit grössten Vermarktungspotenzial.

Es ist nicht ganz auszuschliessen, dass vor den Dopingfahndern alle gleich sind. Und ein paar gleicher. Gerade weil solche Zweifel berechtigt sind, muss erst gelten: Nicht erwischt = unschuldig und sauber. Ohne Wenn und Aber.

Doping ist eine Geissel des Sportes

Doping ist eine Geissel des Sportes. Der Kampf gegen Doping ist mit allen Mitteln zu führen und zu fördern. Aber eben auch unter grösstmöglicher Respektierung der Rechtsstaatlichkeit und der Chancengleichheit. Ich lasse mir die Begeisterung für einen Jahrhundertathleten wie Usain Bolt oder die Helden der Tour de France nicht durch Doping-Gerüchte schmälern.

Obwohl ich weiss, dass der Zitronenfalter keine Zitronen faltet. Trotzdem ist der Zitronenfalter ein schönes Wesen und wen ich einen sehe, dann denke ich auch nicht jedes Mal daran, dass er nicht Zitronen falten kann.

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