Lehren aus Fukushima: Naturkatastrophen kappen Lieferketten
Aktualisiert

Lehren aus FukushimaNaturkatastrophen kappen Lieferketten

Das Erdbeben in Japan Anfang Jahr hat der Hightech-Industrie schmerzlich vor Augen geführt, wie wenig sie über ihre globale Logistik weiss. Nun erlebt das gute alte Lager ein Comeback.

von
ahi

Solange die Lieferketten von Unternehmen funktionieren, interessiert sich keiner dafür, wie sie funktionieren. Wenn aber die Produktion ganzer Fabriken zum Stillstand kommt, weil Mikrochips, Kunstharze oder Linsen für Objektive fehlen, kommen Manager ins Schwitzen. Nach dem Erdbeben in Japan im März perlten die Schweissperlen nur so von den Stirnen der Chefs.

Das Spezialharz, das aus Nordjapan kommt

Seit der Katastrophe von Fukushima weiss man einiges mehr über globale Logistikprozesse. Denn im Frühjahr 2011 rissen die Lieferketten von hunderten von Firmen. Etwa die von Apple, Opel oder Canon: «Das Beben hat mehr Lieferketten gestört als jede Katastrophe zuvor», sagt der Direktor der Logistik-Abteilung des Massachusetts Institute of Technology in der «Zeit».

Forscher und Unternehmen kamen zu zwei Erkenntnissen. Erstens: «Es gibt nicht mehr viele Orte auf der Welt, an denen ein bestimmtes Produkt integral hergestellt wird», so Volker Wittke, Experte für globale Komponentenproduktion an der Uni Göttingen. Das liege daran, dass sich Zulieferbetriebe oft auf Nischen spezialisierten und wegen dem Fachwissen und spezifischer Infrastruktur an den selben Orten konzentrieren. Erst nach dem Beben in Japan bemerkte man, dass 90 Prozent eines speziellen Harzes, das in der Handy-Produktion gebraucht wird, aus Nordjapan kamen.

Keiner hat den Blick fürs Ganze

Die zweite, weit erstaunlichere Erkenntnis: Kaum jemand hat den Überblick. «Viele Unternehmen merkten erst nach dem Beben, dass ihnen ein Bauteil fehlt, wussten aber gar nicht, wer es herstellt», so Stephan Wagner, Professor für Logistik-Management an der ETH Zürich in der «Zeit». Das Problem: Die einzelnen Glieder einer Lieferkette haben ihrerseits wieder Lieferketten, und deren Glieder haben nochmal weitere Zulieferer. Am Ende bleiben grosse Fragezeichen, lange Gesichter und Fabriken, die tagelang stillstehen.

Die Bildstrecke zeigt, dass die Katastrophe in Japan vor allem die Lieferketten von Hightech-Firmen gekappt hat. Deren Einkaufsabteilungen wurden auf dem falschen Fuss erwischt. Das soll sich nicht wiederholen. Viele Unternehmen versuchen deshalb, ihre Lieferketten abzusichern, indem sie ihre Bauteile von verschiedenen Zulieferern beziehen – am besten aus verschiedenen Regionen der Welt.

Das Ende der «Just-in-Time-Production»?

Auch legen die Unternehmen heute vermehrt Vorräte an, berichten Fachleute. Früher wäre das undenkbar gewesen: Es galt wegen der benötigten Lagerräume als zu teuer. Stattdessen bestellten Unternehmen, zum Beispiel Autobauer, ihre Komponenten so, dass sie genau dann geliefert wurden, wenn sie verbaut wurden.

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