Aktualisiert 04.04.2009 12:01

Gesundheit

Nazi-Scherge entgeht der Auslieferung

Die Abschiebung des mutmasslichen NS-Verbrechers John Demjanjuk nach Deutschland ist von einem US-Gericht in letzter Minute gestoppt worden.

Ein Richter im US-Staat Virginia ordnete nach einem Eilantrag des 89-Jährigen wegen gesundheitlicher Probleme am Freitag eine Überprüfung an.

Die Münchner Staatsanwaltschaft hatte im März einen Haftbefehl wegen dringenden Verdachts der Beihilfe zum Mord an mindestens 29 000 Juden gegen Demjanjuk erwirkt. Er soll im Sommer 1943 als Aufseher im Vernichtungslager Sobibor daran beteiligt gewesen sein, die Menschen von den Zügen direkt in die Gaskammern zu treiben.

Demjanjuk sollte in der Nacht zum Montag nach München geflogen und in Haft genommen werden. Der staatenlose 89-Jährige, der seit 1952 in Cleveland im US-Staat Ohio lebt, beantragte jedoch Asyl in den USA und gab an, der Flug würde ihn «schweren körperlichen und geistigen Schmerzen aussetzen, die nach einer vernünftigen Definition dieses Ausdrucks eindeutig auf Folter hinauslaufen». Möglicherweise wolle die deutsche Justiz mit dem Verfahren gegen ihn nur ihr früheres lasches Vorgehen gegen NS-Verbrecher überspielen.

Merk weist Foltervorwurf als unerträglich zurück

Die bayerische Justizministerin Beate Merk wies das zurück: «Das ist eine Unverschämtheit!» Demjanjuks Erklärung «ist zynisch und absolut unerträglich», sagte Merk am Samstag am Rande der CSU-Klausur in Bad Staffelstein.

Demjanjuk, der nach Angaben seines Anwalts an einer frühen Form von Leukämie leidet und nierenkrank ist, sollte in Begleitung eines Arztes und eines Pflegers von Cleveland über New York nach München geflogen werden. Nach einer ärztlichen Untersuchung in Cleveland ordnete ein US-Gericht an, die Abschiebung auszusetzen, bis über Demjanjuks Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens entschieden sei.

Sein Sohn John Demjanjuk jr. sagte, die Familie sei erleichtert. Viele Menschen seien von der Unschuld seines Vaters überzeugt und hielten ihn für ein Opfer des Krieges. «Er würde in einem deutschen Krankenhaus landen. Ich glaube nicht, dass sie ihn jemals vor Gericht stellen würden», sagte er.

Der gebürtige Ukrainer war nach dem Krieg in einem Lager bei München und war 1952 in die USA ausgewandert, wo er später die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt. Wegen einer Verwechslung mit einem als «Iwan der Schreckliche» berüchtigten SS-Mann im KZ Treblinka war er 1988 an Israel ausgeliefert und zum Tode verurteilt, 1993 aber freigelassen worden und in die USA zurückgekehrt. (dapd)

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