Aktualisiert 09.02.2010 17:41

Forschungsreisen

Nazis am Südpol

Adolf Hitler starb nicht 1945 im Bunker der Reichskanzlei, sondern floh in eine geheime Eisfestung in der Antarktis. Was ist dran an diesem zählebigen Mythos?

von
Daniel Huber

Ende Januar 1939, vor genau 70 Jahren, erreichte eine Forschungsexpedition auf der «MS Schwabenland» die Eiswüste der Antarktis. Unter dem Kommando von Kapitän Alfred Ritscher sollte die 82-köpfige Besatzung einen Teil des unwirtlichen Kontinents erforschen — und für das Dritte Reich in Besitz nehmen. Ausserdem sollte der erfahrene Polarforscher im südlichen Eismeer mögliche Stützpunkte für die deutsche U-Bootflotte auskundschaften — schliesslich steuerte das Nazi-Reich bereits mit voller Kraft auf den Krieg zu.

Hakenkreuze im ewigen Eis

Als die «Schwabenland» am 17. Dezember 1938 in See stach, führte sie zwei grosse Flugboote des Typs Dornier Do J II

(«Wal») und zahlreiche Abwurfpfeile sowie Hakenkreuzfähnchen mit. Nach der Ankunft auf dem Südkontinent wurde damit ein deutsches Hoheitsgebiet von rund 600 000 km² in der bis anhin herrenlosen Eis-Einöde abgesteckt: Neu-Schwabenland.

Allerdings hatte Norwegen Wind von der deutschen Expedition bekommen und seinerseits Anspruch auf das Gebiet erhoben, das heute als Königin-Maud-Land zum norwegischen Antarktis-Territorium gehört. So unterblieb eine offizielle Inbesitznahme von Neu-Schwabenland durch das Deutsche Reich.

Bestand hatte hingegen die Namensgebung der deutschen Forscher: Heute noch tragen zahlreiche Berge, Inseln und Halbinseln in dieser Gegend deutsche Namen.

Die «Schwabenland» brach bereits Mitte Februar zu ihrer Rückfahrt nach Deutschland auf. Pläne für weitere Expeditionen wurden durch den Kriegsausbruch im September zunichte gemacht.

«Neu-Berchtesgaden»: Hitlers antarktisches Refugium

Nach dem Krieg aber wurde die Schwabenland-Expedition zu einem der wichtigsten Stützpfeiler für zahlreiche Verschwörungstheorien. Erforschung und Vermessung der Eis-Einöde sei nur ein Vorwand gewesen; Tarnung für den eigentlichen Zweck der Reise: den Bau einer geheimen Antarktis-Festung. Ein ins Eis gebohrtes Tunnelsystem habe als Zuflucht für die aus den Ruinen des Dritten Reichs geflohenen Nazi-Grössen gedient. Hitler selbst, so die Überzeugung mancher Verschwörungstheoretiker, sei nach der Niederlage in die Festung «Neu-Berchtesgaden» in der Antarktis geflohen.

U-Boote und «Reichsflugscheiben»

Neben der Schwabenland-Expedition sind es vor allem fünf weitere Begebenheiten, auf die sich die wirren Theorien stützen:

Erstens waren da die zwei deutschen U-Boote, U-530 und U-977, die erst im Sommer 1945 — lange nach Kriegsende — im argentinischen Hafen Mar del Plata einliefen. Was hatten die Boote in der Zwischenzeit gemacht? Sie hatten hochrangige Nazis in die Antarktis gebracht, glaubten manche Ewiggestrige hoffnungsvoll.

Da passte es — zweitens — perfekt ins Bild, dass bald erste Ufo-Sichtungen gemeldet wurden. Immerhin hatte Hitler doch immer wieder neue Wunderwaffen versprochen. So wurden aus den Ufos flugs so genannte «Reichsflugscheiben».

«Tabarin» und «Operation Highjump»

Drittens: Die Alliierten konnten natürlich eine im ewigen Eis fortbestehende Filiale des Dritten Reichs nicht tolerieren. So sollen die Briten in einer Kommando-Operation unter dem Decknamen «Tabarin» versucht haben, «Neu-Berchtesgaden» mit SAS-Elitetruppen auszuheben. Die Royal Navy hatte jedoch die Antarktis-Expedition «Tabarin» schon im frühzeitigen Stadium an zivile Stellen abgegeben.

Da die Briten scheiterten, kam es viertens in der Logik der Verschwörungstheorie zur «Operation Highjump» der US-Navy. Die Amerikaner schickten 1946/1947 eine Flotte von 13 Schiffen in die antarktischen Gewässer, um ihre Ausrüstung in extremer Kälte zu testen und sich auf einen möglichen Krieg gegen die Sowjetunion in der Arktis vorzubereiten. Ein Vorwand, so die Verschwörungstheoretiker, in Wahrheit hätten die Amerikaner erfolglos versucht, Hitlers Antarktis-Feste einzunehmen.

Dislozierte Atomtests

So war es — fünftens — aus dieser paranoiden Perspektive nur folgerichtig, dass die Amerikaner schliesslich zum nuklearen Hammer griffen, um die Eisfeste zu vernichten. So interpretiert die Verschwörungstheorie zumindest die drei Atombomben, die 1958 tatsächlich in geheimen Tests gezündet wurden. Allerdings explodierten die Bomben südlich von Kapstadt in 160 bis 750 km Höhe — und mindestens 2200 km von «Neu-Schwabenland» entfernt.

Doch solche Kleinigkeiten interessieren Verschwörungstheoretiker bekanntlich nicht. Die Fülle von Widerlegungen ist für sie meist nur ein Indiz für Grösse und Macht der von ihnen halluzinierten Verschwörung. Und mit der Zeit verfestigt sich das Geflecht von Fakten und Fiktionen zu einem unausrottbaren Mythos — so wie der Schnee in der Antarktis allmählich zu ewigem Eis wird.

Die Lage von «Neu-Schwabenland» in der Antarktis

(Bild: Wikipedia.org)

Alfred Ritscher

Der 1879 geborene Kapitän und Polarforscher hatte schon vor dem Ersten Weltkrieg an einer deutschen Arktis-Expedition teilgeniommen, die freilich scheiterte. Nach dem Krieg war er 1925 als Spezialist für Luftnavigation bei der Lufthansa tätig. Bereits 1934 liess er sich von seiner jüdischen Frau Susanne scheiden, um seine Karriere im Kriegsministerium nicht zu gefährden. Tatsächlich wurde er im gleichen Jahr schon Regierungsrat im Oberkommando der Kriegsmarine.

Seiner Frau gelang es, nach einem fingierten Selbstmord unterzutauchen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Ritscher Vorsitzender der «Vereinigung zur Förderung des Archivs für Polarforschung e. V.». 1959 erhielt er 80-jährig das Grosse Bundesverdienstkreuz. Er starb 1963 in Hamburg.

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