Aktualisiert 25.06.2009 13:34

Iranische ProtestikoneNedas Familie aus Wohnung vertrieben

Die iranischen Behörden haben die Familie der getöteten Neda gezwungen, ihre Wohnung zu verlassen. Die Schuld am Tod der «Märtyrerin» schieben sie unter anderem der britischen BBC in die Schuhe.

von
Peter Blunschi

Die Wohnung der Familie von Neda Agha-Soltan an der Meshkinistrasse im Osten von Teheran steht seit einigen Tagen leer. «Sie wurde gezwungen, das Haus zu verlassen», sagte ein Nachbar dem «Guardian». Bereits unmittelbar nach dem Tod der 26-jährigen Studentin, die zur Ikone der Protestbewegung wurde, hatten die Behörden die Angehörigen unter Druck gesetzt. Sie mussten Neda sofort beerdigen, durften keine Trauerfeier abhalten und keine schwarze Fahne am Haus anbringen, wie es die persische Tradition gebietet.

Wo sich die Familie Agha-Soltan nun befindet, ist unklar. Gemäss dem Korrespondenten des «Guardian» patrouillierten Geheimpolizisten in der Strasse vor dem Haus. Die Leute sind verängstigt: «Wir hatten keine ruhige Minute in den letzten Tagen, von der Familie ganz zu schweigen», berichtete der Nachbar. Freunde hätten die Familie trösten wollen, doch die Polizei habe sie nicht vorgelassen und einige verhaftet: «Nedas Familie erhielt nicht einen ruhigen Augenblick, um zu trauern.»

Zeitung beschuldigt die BBC

Im Propagandakrieg um Neda bemüht sich die Regierung, die Schuld am Tod der jungen Frau von sich zu weisen, nachdem sie anfangs den auf Video dokumentierten Vorfall noch zu leugnen versucht hatte. Eine Zeitung behauptete, Neda sei von «Terroristen» der Volksmudschaheddin getötet worden, einer linksradikalen Gruppierung, die in den Anfangsjahren der islamischen Republik zahlreiche Attentate verübt hatte. Sie hätten die durch die Kundgebungen verursachten Sicherheitslücken ausgenützt.

Noch weiter ging die regierungstreue Zeitung «Javan»: Sie beschuldigte den kürzlich aus dem Iran ausgewiesenen BBC-Korrespondenten John Leyne, er habe «Verbrecher» angeheuert, die Neda erschiessen sollten, damit er einen Dokumentarfilm drehen konnte. Bei der Bevölkerung stossen diese abenteuerlichen Verschwörungstheorien auf taube Ohren. «Wenn das wahr ist, warum lassen sie die Familie dann keine Beerdigung oder Trauerfeiern abhalten?» fragte ein anderer Mann aus der Nachbarschaft laut dem Bericht des «Guardian».

Arzt ist Coelhos «bester Freund»

Gegenüber dem TV-Sender Al Dschasira hat sich die Friedensnobelpreisträgerin und Menschenrechtsanwältin Shirin Ebadi bereit erklärt, die Familie von Neda Agha-Soltan juristisch zu vertreten «gegen die Leute, die ihre Erschiessung angeordnet und jene, die geschossen haben». Selbst wenn Neda an der Kundgebung der Opposition beteiligt gewesen wäre, hätten sie kein Recht gehabt, sie zu töten, sagte Ebadi, die regelmässig politische Gefangene und Opfer von Menschenrechtsverletzungen vertritt.

Zu Wort gemeldet hat sich auch der brasilianische Bestsellerautor Paulo Coelho. Der leidenschaftliche Twitterer und Blogger hatte am Montag behauptet, er kenne den Arzt, der Neda zu retten versuchte und als erster den Vorfall geschildert hatte. Dieser heisse Arash und sei sein «bester Freund» im Iran. In einem in Coelhos Blog publizierten Mailverkehr bestätigte Arash, dass er im Video zu sehen ist. Dieses sei von einem Freund aufgenommen worden. «Sie starb in meinen Armen», schrieb der Arzt. Am Mittwoch gelang es Arash, Teheran zu verlassen und nach London auszureisen.

Bearbeitete Version des Videos von Al Dschasira

$$VIDEO$$(Quelle: YouTube)

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