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«Nehmen Sie die DVD nachher wieder mit»

Die Show «Scarred» von MTV schockt Zuschauer und Fachleute. Popkultur-Expertin Meret Fehlmann im Interview mit 20minuten.ch zur Knochenbrecher-Show, der MTV-Methode des Tabubruchs und der baldigen Einstellung der Sendung.

Frau Fehlmann, hat ihnen «Scarred» gefallen?

Ich hab ehrlich gesagt nicht die ganze Sendung angeschaut. Der Skater mit dem Armbruch hat mir gereicht. Ich konnte fast nicht hinsehen. Es hat mir den Magen umgedreht. Wenn der «Stern» schreibt, die Sendung sei voyeuristisch und reisserisch in der Umsetzung, dann würde ich das unterschreiben.

Sie möchten die DVD also nicht behalten?

Nein, nehmen Sie die nachher wieder mit.

Hat sie die Sendung geschockt?

Die Bilder schon, das Format nicht. «Scarred» reiht sich ein in eine lange Serie von televisionären Tabubrüchen, die MTV immer wieder gewagt hat. Das letzte Beispiel war «Jackass», schon dort wurden Stunts gezeigt, welche selten ohne Verletzungen ausgingen. Das war neu. Ein anderes Beispiel, war «Dismissed». Da gings schon im Vorabend heftig zur Sache, auch mit homosexuellen Teilnehmern, was ebenfalls ein Tabubruch war.

Grässliche Sportunfälle waren bisher eine Nische unter den Internetvideos. Immer versehen mit dem Hinweis «Warning: Graphic Content».

Ja. Und nun werden diese Bilder über das Fernsehen in die Stube geliefert. Ob das gescheit ist, oder nicht, das habe ich nicht zu beurteilen. Der pädagogische Aspekt ist allerdings betont. Der Vorspann und die immer wieder eingeblendeten Röntgenbilder weisen darauf hin, dass eine eher unangenehme Realität abgebildet wird, deren Nachahmung nicht ratsam ist.

Ist das nicht ein Feigenblatt, um mit der Zurschaustellung der Pechvögel die Sensationslust der Zuschauer zu befriedigen?

Klar. Aber ohne dieses Feigenblatt lässt sich die Sendung natürlich nicht verkaufen. Auch bei der Enttabuisierung von Sex und Gewalt am Bildschirm musste zu Anfang der pädagogische Aspekt vorgeschoben werden. Auch diese Dinge konnten im Fernsehen nur unter dem Vorwand thematisiert werden, man wolle die Öffentlichkeit warnen. Hier spielt derselbe Mechanismus.

MTV gilt als Barometer der Popkultur. Haben Sie Angst, ähnliche Bilder wie in «Scarred» in Zukunft auch auf anderen Sendern zu sehen? Können die Knochenbrecher salonfähig werden?

Eher nicht. MTV hat es zwar immer verstanden, den Zeitgeist einzufangen und zu kommerzialisieren. Mit «Scarred» wird das allerdings nicht klappen. All die Pleiten-Pech-und-Pannen-Clip-Shows, decken das Bedürfnis des Durchschnittsbürger nach dem Betrachten der Fiaskos anderer ab. MTV zelebriert mit «Scarred» eine Trashkultur in extremis und kehrt sich vom Mainstream ab. Das hat nichts mit Popkultur zu tun. Popkultur definiert sich über die Massentauglichkeit. Und die hat «Scarred» definitiv nicht. Das will in einem Jahr niemand mehr sehen.

Sind Ihnen denn Publikumsreaktionen auf die Sendung bekannt?

Ja. Die Sendung wird in einschlägigen Skaterforen diskutiert. Jemand hat geschrieben, er habe die Sendung aus Müdigkeit geschaut. Er sei zu müde gewesen, um wegzuzappen. Das klingt doch eher wie eine Entschuldigung. Positive Reaktionen habe ich keine mitgekriegt.

*Meret Fehlmann ist Assistentin am Institut für Populäre Kulturen der Universität Zürich.

Karin Leuthold, Maurice Thiriet, 20minuten.ch

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