«Nehmt die Schleier ab, Schwestern»
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«Nehmt die Schleier ab, Schwestern»

In der muslimischen Welt wird debattiert, ob das Kopftuch eine Frage der Religion ist oder ob es sich dabei viel eher um ein Accessoire mangelnder Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau handelt.

Die Kritik am Kopftuch kommt auch aus der islamischen Welt selbst. In diesem Jahr veröffentlichte die Muslimin Elham Manea auf einer arabischen Website einen offenen Brief. Diesen begann die aus Jemen stammende Wissenschaftlerin mit der Aufforderung: «Nehmt die Schleier ab, Schwestern.»

Sie glaubt wie viele andere, dass weder der Koran noch die islamische Tradition eine Verschleierung vorschreiben. Doch der leidenschaftliche Ton ihres Aufsatzes erregte Aufmerksamkeit. Manche begrüssten ihn als ein zeitgerechtes Manifest gegen die konservativen Strömungen innerhalb des Islams. Traditionalisten verachten Maneas Brief jedoch als die Verirrungen einer Muslimin, die der Westen verblende habe.

In Europa beschäftigt der Schleier auch die Gerichte. In Grossbritannien wurde kürzlich einer muslimischen Rechtsanwältin, die auch vor Gericht ihren Ganzkörperschleier nicht ablegen wollte, von ihrem Arbeitgeber der Fall entzogen. Ein Richter hatte bemängelt, er könne wegen des Schleiers die Ausführungen der 27-jährigen Shabnam Mughal nicht verstehen. Diese Entscheidung rief Empörung in der islamischen Welt hervor. Aber auch in Europa - wo derzeit heftig über die Integration von Zuwanderern diskutiert wird - schlägt die Debatte um die Schleier muslimischer Frauen hohe Wellen.

Einige Länder haben bereits Konsequenzen gezogen: In den Niederlanden und in Italien ist es verboten, in der Öffentlichkeit sein Gesicht zu verhüllen. Die offizielle Begründung für die entsprechenden Gesetze: Es gebe generell Sicherheitsbedenken, wenn Personen in der Öffentlichkeit ihre Gesichter bedeckten.

In Frankreich, dem westeuropäischen Land mit den meisten Muslimen, gibt es seit 2004 ein Gesetz, das das Tragen von Schleiern in öffentlichen Schulen untersagt - genau wie das Tragen jüdischer Kippas und christlicher Kreuze. Die französische Regierung hatte damals argumentiert, man wolle die Säkularisierung aufrechterhalten. «Es gibt im Moment einen hohen Druck endlich zu entscheiden, ob das Tragen eines Schleiers richtig oder falsch ist», sagt Tarafa Baghajati vom Europäischen Netzwerk gegen Rassismus in Brüssel. «Das Problem ist, dass eine solche Entscheidung unmöglich ist.»

«Mehr als nur ein Stück Stoff»

Denn es geht nicht einfach nur um ein Kleidungsstück. «Im Westen gilt der Schleier als ein starkes Symbol», sagt Dogu Ergil, Professor für soziale und religiöse Entwicklungen an der Universität von Ankara. «Schleier verstärken die Angst, dass in unserer Mitte Fremde leben, die uns feindlich gesinnt sein könnten.» In der Tat ist in vielen muslimischen Ländern die Entscheidung für das Tragen eines Schleiers nicht mehr nur religiös bedingt, sondern sie transportiert auch ein politisches Statement. Der Schleier ist ein Symbol gegen die vermeintlichen Ungerechtigkeiten gegenüber dem Islam.

Dennoch ist die Kopftuchfrage vor allem ein religiöses Problem. Denn Katholiken erhalten im Falle von Unsicherheiten bei Glaubensfragen Empfehlungen vom Vatikan. Doch im Islam gibt es eine solche zentrale Autorität nicht. Muslime müssen selbst Koranpassagen interpretieren, Geschichten über den Propheten Mohammed lesen und die verschiedenen existierenden religiösen Verordnungen über die unterschiedlichen Verschleierungsarten studieren. Dies führt zu einer grossen Vielfalt bei der Auslegung der Kopftuchfrage. (dapd)

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