Neid, Intrige, Heimlichkeit: Die Stunde der Oscar-Juroren
Aktualisiert

Neid, Intrige, Heimlichkeit: Die Stunde der Oscar-Juroren

Einmal im Jahr müssen alle Filmschaffenden Hollywoods ihren Schönheitsschlaf zu unchristlich früher Zeit unterbrechen - wenn morgens um halb sechs die Oscar-Nominierungen bekannt gegeben werden.

Das ist der Zeitpunkt, zu dem der Veranstaltung in den Medien weltweit die grösstmögliche Aufmerksamkeit gesichert werden kann. Und es ist die Stunde der 5800 älteren Herrschaften, die über die Vergabe der begehrtesten Trophäen der amerikanischen Kulturindustrie entscheiden.

Im Durchschnitt sind diese Mitglieder der Academy of Motion Picture Arts and Sciences über 60 Jahre alt, was ihren tendenziell etwas konservativen Geschmack erklärt. Die Namen werden streng geheim gehalten, aber in jedem Fall sind alle bedeutenden Schauspieler, Regisseure und Produzenten dabei - Leute wie Steven Spielberg, Julia Roberts oder Jack Nicholson. In den erlesenen Kreis aufgenommen wird, wer vom Vorstand aufgrund seiner Verdienste um die Filmkunst dazu eingeladen wird. Der Jahresbeitrag beläuft sich auf 200 Dollar.

Dafür bringt die Mitgliedschaft in der gemeinnützigen Vereinigung aber auch gewisse Vorteile mit sich. Das ganze Jahr über bekommt man gratis Filme zugeschickt. «Es ist eine wunderbare Art, die private Videothek aufzustocken», schwärmte einmal ein Akademie-Mitglied. «Und wenn man sie nicht mag, kann man sie immer noch verschenken.»

Auch das ein oder andere Mittagessen springt raus. «Die Lobbyisten, die Präsidentenwahlkämpfe führen, wären stolz, wenn sie so viel Geld und Zeit hätten», sagt Paul Johnson vom Fachmagazin «Hollywood Reporter». Denn seit der deutsche Schauspieler Emil Jannings 1929 den ersten aller Oscars erhielt, ist die Preisvergabe zum wichtigsten Ereignis einer Branche geworden, die oft als die zweitgrösste der amerikanischen Wirtschaft bezeichnet wird.

Viel ist schon darüber geschrieben worden, wie man sich die Gunst der Hollywood-Elite erwirbt. Thomas Mann, der während seines Exils in Los Angeles zwölf Jahre lang mit Akademie-Mitgliedern verkehrte, empfahl, es mit einem guten Witz zu versuchen. Doch bei der Auswahl spielen natürlich auch langgehegte persönliche Vorlieben und Abneigungen mit - hier wird schliesslich über Kollegen abgestimmt. Ein Teil der Juroren hat selbst einmal einen Oscar bekommen - oder hofft noch darauf. Zuweilen wird mit harten Bandagen gekämpft: So sollen Konkurrentinnen einmal negative Presseberichte über Nicole Kidman und eine angebliche Affäre mit dem damals noch verheirateten Jude Law gestreut haben, um ihre eigenen Chancen zu steigern.

Die Oscars werden inzwischen in 25 Kategorien vergeben, und das bringt gewisse Probleme mit sich. Nicht immer ist die Mehrheit der Juroren vom Fach. Da sind etwa die Oscars für Tonschnitt und Tonmischung: Bei den Nominierungen stimmen in diesen Sparten nur die 415 Tontechniker unter den Akademie-Mitgliedern ab, doch bei der eigentlichen Oscar-Entscheidung beteiligen sich alle. Deshalb kommen hier zuweilen überraschende Ergebnisse zu Stande.

Ihren Namen bekam die Trophäe übrigens von dem Akademie-Mitglied Margaret Herrick (1902-1976). Sie soll beim Anblick des Goldritters spontan ausgerufen haben: «Der sieht ja aus wie mein Onkel Oscar!»

Deine Meinung