Covid-Zahlen aus Australien wecken keine Zweifel an der Impfung

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Daten missinterpretiertNein, Covid-Zahlen aus Australien wecken keine Zweifel an der Impfung

Im australischen Bundesstaat New South Wales landeten Ende Dezember 140 Geimpfte, aber keine Ungeimpften mit Covid-19 auf der Intensivstation. Warum das nicht heisst, dass die Impfung das Infektionsrisiko erhöht.

von
Fee Anabelle Riebeling
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Wer nicht gegen Covid-19 geimpft ist, kommt einigen Impfgegnerinnen und Impfgegnern zufolge besser mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 zurecht. (Im Bild:  Demonstration verschiedener Gruppierungen im deutschen Essen, 2022)

Wer nicht gegen Covid-19 geimpft ist, kommt einigen Impfgegnerinnen und Impfgegnern zufolge besser mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 zurecht. (Im Bild:  Demonstration verschiedener Gruppierungen im deutschen Essen, 2022)

IMAGO/Gottfried Czepluch
Daten aus dem australischen Bundesstaat New South Wales (NSW), von dem Sydney die Hauptstadt ist, sollen das angeblich bestätigen, wie es auf Social Media heisst. Dieser Behauptung widersprechen Fachleute aber.

Daten aus dem australischen Bundesstaat New South Wales (NSW), von dem Sydney die Hauptstadt ist, sollen das angeblich bestätigen, wie es auf Social Media heisst. Dieser Behauptung widersprechen Fachleute aber.

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Zwar seien dort Ende Dezember 140 Geimpfte, aber keine Ungeimpften mit Covid-19 auf der Intensivstation gelandet. Das beweise aber nicht, dass die Impfung das Infektionsrisiko und die Wahrscheinlichkeit einer Spitaleinweisung erhöht.

Zwar seien dort Ende Dezember 140 Geimpfte, aber keine Ungeimpften mit Covid-19 auf der Intensivstation gelandet. Das beweise aber nicht, dass die Impfung das Infektionsrisiko und die Wahrscheinlichkeit einer Spitaleinweisung erhöht.

20min/Marvin Ancian

Darum gehts

  • Das Risiko für eine Hospitalisierung und Einweisung auf die Intensivstation mit Covid-19 steigt mit der Anzahl der Impfdosen – das behaupten Impfgegnerinnen und -gegner derzeit auf Social Media. 

  • Sie stützen sich dabei auf Daten aus dem australischen Bundesstaat New South Wales.  

  • Zwar zeigen die Daten tatsächlich höhere Einweisungsraten bei denjenigen, die mehr Impfdosen erhalten haben, aber das heisst laut Fachleuten nicht, dass es die Impfung ist, die die Wahrscheinlichkeit einer Spitaleinweisung erhöht. 

«Krank sind vor allem die Geimpften» – diese oder ähnliche Aussagen sind auf Social Media häufig zu lesen. Auch in den Kommentaren bei 20 Minuten tauchen sie auf. Dies, obwohl sie bereits mehrfach widerlegt worden sind. Aktuell stützen sich Impfkritikerinnen und Impfkritiker auf Zahlen aus dem australischen Bundesstaat New South Wales (NSW), die vom dortigen Gesundheitsministerium herausgegeben werden. Doch auch die beweisen nicht, was die Impfgegnerinnen und -gegner behaupten, urteilen australische Fachleute.

Die Daten zeigten zwar höhere Einweisungsraten bei denjenigen, die öfter geimpft sind, aber das beweise nicht, dass es die Impfung ist, die die Wahrscheinlichkeit einer Spitaleinweisung erhöht. Eine grössere Rolle spielten dabei andere Faktoren wie Alter und chronische Erkrankungen – und der Aspekt, dass davon betroffene Personen mit grösserer Wahrscheinlichkeit mehr Impfdosen erhalten haben.

Richtige Zahlen, falsche Schlüsse

Dieser Bericht besagt für die letzten beiden Dezemberwochen 2022, dass in NSW insgesamt 1779 Personen mit einer Covid-19-Diagnose hospitalisiert wurden. 140 weitere landeten auf der Intensivstation. Von diesen hatten 58 Personen vier oder mehr Impfdosen erhalten, 29 Personen waren dreifach geimpft, 17 Personen zweifach und eine Person einfach. Bei 35 Personen war der Impfstatus unbekannt. Ungeimpfte fanden sich indes nicht unter den Patienten auf der Intensivstation (siehe Bildstrecke).

Das werten Impfgegnerinnen und Impfgegner als Beweis dafür, dass gegen Covid-19 geimpfte Menschen eher mit dem Virus auf der Intensivstation landen als Ungeimpfte. Andere behaupten sogar, das Risiko für einen schweren Verlauf steige mit der Anzahl Impfungen: «Je mehr Impfdosen man in Australien erhalten hat, desto wahrscheinlicher ist es, dass man auf der Intensivstation landet. Funktionieren Impfstoffe normalerweise so?»

Fachleute widersprechen

Es gibt kaum noch Ungeimpfte in Australien

Redaktoren der Nachrichtenagentur AP haben Fachleute mit den Behauptungen konfrontiert. Die zeigen sich jedoch alles andere als besorgt: Zwar zeigten die Daten «höhere Einweisungsraten bei denjenigen, die mehr Impfdosen erhalten haben, das beweise aber nicht, dass die Impfung selbst die Wahrscheinlichkeit einer Spitaleinweisung erhöht.» Man gehe davon aus, dass der Grossteil der Einweisungen in die Intensivstation auf geimpfte Personen entfällt, da inzwischen fast jeder Erwachsene in Australien geimpft ist. Das bestätigt ein Blick auf die nationalen Gesundheitsdaten: Mehr als 97,4 Prozent der über 16-Jährigen in Australien haben eine Impfdosis erhalten, 96 Prozent zwei Dosen und 72,4 Prozent drei Dosen. Im Bundesstaat NSW sieht es ähnlich aus. Dort sind 97,1 Prozent der über 16-Jährigen einfach und 85,8 Prozent zweifach gegen Covid-19 geimpft. 70,5 Prozent kommen für eine dritte Dosis in Frage.

Wichtige Faktoren werden nicht berücksichtigt

Laut Jeffrey Morris, dem Direktor der Abteilung für Biostatistik an der University of Pennsylvania School of Medicine in Philadelphia, ignorieren die impfkritischen Stimmen wichtige Faktoren. Einfach nur auf die Gesamtzahlen zu schauen, sei «bedeutungslos», zitiert Apnews.com aus einer E-Mail von ihm. Auch Beamtinnen und Beamten des öffentlichen Gesundheitswesen und externe Fachleute merkten auf Nachfrage der Nachrichtenagentur an, dass in den Social-Media-Posts andere Faktoren wie Alter und chronische Krankheiten aussen vor gelassen würden. Diese seien die wahre Ursache für die Einlieferung auf die Intensivstation.

Laut dem NSW-Bericht für Ende Dezember entfielen in New South Wales fast die Hälfte aller Einweisungen in die Intensivstation und 87 Prozent aller Todesfälle auf Menschen im Alter von 70 Jahren oder älter.

Korrelation und Kausalität verwechselt

Auch Ian Marschner, Professor für Biostatistik an der Universität Sydney, hält die von Impfkritikerinnen und Impfkritikern gezogenen Schlüsse für falsch. Es sei ein «klassischer Fall dessen, was Statistiker als ‹Confounding› bezeichnen», zitiert Apnews.com aus einer Mail von Marschner. In anderen Worten: «Der Zusammenhang zwischen der Covid-19-Impfung und der Einlieferung in die Intensivstation ist kein kausaler Zusammenhang.» Es handele sich lediglich um eine Korrelation, die durch die zugrundeliegenden Unterschiede bei den Risikofaktoren zwischen den stark Geimpften und den nicht Geimpften erklärt werden kann.»

So sieht es laut der Nachrichtenagentur auch Daniel Demant, Experte für öffentliche Gesundheit an der University of Technology in Sydney: «Würden diese Daten um Alter, Behinderung und immunschwächende Bedingungen bereinigt, würden wir keinen Unterschied sehen.»

Fiona Stanaway, klinische Epidemiologin von der University of Sydney, bringt in einer Mail an Apnews.com noch einen weiteren Aspekt ins Spiel: Es sei wahrscheinlicher, dass Menschen geimpft sind und Auffrischungsimpfungen erhalten, wenn sie älter sind und Komorbiditäten haben. «Diese Faktoren sind es, die zur Einweisung in die Intensivstation führen, nicht der Impfstatus.»

Impfung ist und bleibt wichtig

Nicht nur auf Social Media, auch in den Medien werden die Daten aus NSW missinterpretiert. So wird etwa auf Weltwoche.ch der Eindruck erweckt, dass die Zahlen aus dem australischen Bundesstaat eigentlich aufhorchen lassen müssten, Australien aber versuche, die vermeintlich neuen Erkenntnisse zu vertuschen. So heisst es dort: «Australien hat umgehend auf diese Entwicklung reagiert. Nicht etwa mit einem Impfstopp oder einer Untersuchung, sondern mit reduzierter Kommunikation.»

Das Gesundheitsministerium von NSW sieht das völlig anders, wie es in einer E-Mail an Apnews.com schreibt: «Es gibt keine Beweise für die Annahme, dass eine Impfung das Risiko einer Spitaleinweisung wegen Covid-19 erhöht. Im Gegenteil, die Auffrischung der Covid-19-Impfung ist der wichtigste Faktor zum Schutz vor schwerwiegenden Folgen der Infektion.» Eine Einschätzung, die auch Schweizer Fachleute teilen

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