Noch eine Falschbehauptung: Nein, das WEF plante keinen «katastrophalen globalen Cyberkrieg»

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Noch eine FalschbehauptungNein, das WEF plante keinen «katastrophalen globalen Cyberkrieg»

Ein kurzer Clip aus einer WEF-Veranstaltung wird auf Social Media dahingehend interpretiert, dass die «Eliten» einen «katastrophalen weltweiten Cyberkrieg» planen. Das ist falsch: Es wird vielmehr ein solcher befürchtet. 

von
Fee Anabelle Riebeling
Jean-Claude Gerber
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«Sie planen es!» – diese Behauptung taucht oft im Zusammenhang mit dem World Economic Forum in Davos auf.

«Sie planen es!» – diese Behauptung taucht oft im Zusammenhang mit dem World Economic Forum in Davos auf.

Screenhot Tiktok
Für Verschwörungsanhängerinnen und -anhänger kommt das 1971 gegründete Forum einer Art Zentrum des Bösen gleich.

Für Verschwörungsanhängerinnen und -anhänger kommt das 1971 gegründete Forum einer Art Zentrum des Bösen gleich.

AFP
Aktuell kursiert ein Video in den sozialen Medien, das angeblich zeigt, dass das WEF einen «katastrophalen globalen Cyberkrieg» ankündigt. Dem ist aber nicht so. 

Aktuell kursiert ein Video in den sozialen Medien, das angeblich zeigt, dass das WEF einen «katastrophalen globalen Cyberkrieg» ankündigt. Dem ist aber nicht so. 

Screenshot Tiktok

Darum gehts

  • Ein Ausschnitt einer WEF-Pressekonferenz wird auf Social Media aus dem Zusammenhang gerissen und das darin Gesagte falsch interpretiert.

  • Zwar thematisiert WEF-Mann Jeremy Jurgens einen «katastrophalen globalen Cyberkrieg», aber er kündigt ihn nicht an. 

  • Er präsentiert vielmehr die Ergebnisse einer Umfrage unter 300 Geschäftsführern aus aller Welt.

  • Von diesen gab die deutliche Mehrheit an, damit zu rechnen, in den nächsten zwei Jahren einen Cyberkrieg zu erleben. 

  • Diese Sorge ist mit der globalen geopolitischen Instabilität begründet. 

Auch in diesem Jahr sind im Zusammenhang mit dem World Economic Forum (WEF) zahlreiche Verschwörungstheorien aufgetaucht. Zu den Top 5 der Falschbehauptungen 2023 zählt etwa, dass die Organisatoren der Konferenz Pädophilie guthiessen.

Falsch ist auch die Behauptung, die WEF-Prominenz verlange explizit nach ungeimpften Flugzeug-Crews. Genauso wie die, dass die Verantwortlichen in diesem Jahr mit «Ärger» rechneten. Und auch am letzten Tag der diesjährigen WEF-Ausgabe kursiert in den sozialen Medien eine Falschbehauptung, die sich auf ein Panel am zweiten Konferenztag bezieht. In den entsprechenden Beiträgen wird behauptet, das WEF plane einen «katastrophalen weltweiten Cyberkrieg». Das stimmt aber nicht.

Aussagen von WEF-Mann werden umgedeutet

Verbreitet wird die Falschbehauptung etwa in einem Tiktok-Clip. Darin ist ein rund 30-sekündiger Ausschnitt aus der Pressekonferenz zum Global Cybersecurity Outlook 2023 zu sehen. Einer der verwendeten Hashtags ist #worldreset – damit nimmt der Ersteller des Posts Bezug auf eine gängige, aber haltlose Verschwörungstheorie. Laut dieser soll das WEF einen Umbruch im Interesse der WEF-Teilnehmenden planen und den Menschen die Freiheit nehmen wollen.

Oft gilt die Pandemie in dieser Vorstellung als absichtlich erzeugt.

Hinweise auf die vermeintlich bösen Absichten des WEF finden sich auch in der über das Video gelegten Schrift sowie in den Kommentaren unter dem Clip. Dort heisst es etwa: «Sie planen es!» Mit «es» ist ein «katastrophaler weltweiter Cyberkrieg» gemeint, von dem einer der Event-Teilnehmenden, Jeremy Jurgens, geschäftsführender Direktor des WEF, in dem Ausschnitt spricht. Ein anderer User orakelt: «Sie sagen dir immer, was sie vorhaben. Das ist Teil ihrer Spielregeln.»

Aussage aus dem Zusammenhang gerissen

Der Videoausschnitt ist echt, wenn auch zusammengeschnitten, wie ein Vergleich mit dem Original-Video zeigt. Die Interpretation des darin Gesagten durch die Userinnen und User ist aber Quatsch. Jurgens kündigte keinen Cyberkrieg an, wie auf Tiktok behauptet, sondern verkündete die Ergebnisse einer Umfrage unter 300 Geschäftsführern aus aller Welt. «Das auffälligste Ergebnis ist, dass 93 Prozent der Cybersicherheitsexperten und 86 Prozent der Cyberwirtschaftsführer glauben, dass die globale geopolitische Instabilität in den nächsten zwei Jahren wahrscheinlich zu einem katastrophalen Cyberangriff führen wird», sagt Jurgens wörtlich. 

Das Ergebnis übersteige «bei weitem alles, was wir in früheren Umfragen gesehen haben», so Jurgens weiter. Als Grund nennt er die immer grösser werdende Komplexität von mit der Cybersicherheit zusammenhängenden Aspekten. Dieser Part ist jedoch nicht mehr Teil des auf Social Media verbreiteten Ausschnitts. Ebenfalls abgeschnitten wurden die Aussagen Jurgens über positive Entwicklungen, etwa dass Firmen immer mehr in Cybersicherheit investieren und dieser deutlich mehr Beachtung schenken als «je zuvor». Das widerspricht den Behauptungen in den sozialen Medien. 
Der ganze Report findet sich hier.

Cyberangriffe sind kein neues Phänomen

Bereits 2010 warnte Richard A. Clarke, der unter den US-Präsidenten Bill Clinton und George W. Bush für Terrorismusabwehr zuständig und später Sonderberater für Cybersicherheit im Weissen Haus war, dass eine feindliche Cyberattacke sogar grösseren Schaden als ein Nuklearschlag anrichten könnte. Denn ein erfolgreicher Hackerangriff eines feindlichen Staates könnte auf einen Schlag die Energie- und Wasserversorgung, das Telekommunikations- oder das Finanzsystem eines Landes ausschalten.

Der Krieg Russlands gegen die Ukraine zeigt, dass Cyberangriffe heute fester Bestandteil der modernen Kriegsführung sind. So berichteten ukrainische Quellen im Februar 2022 parallel zum Einmarsch der russischen Truppen in der Ukraine von «massiven Cyberangriffen». Gleichzeitig rief die Ukraine die internationale Hacker-Community dazu auf, dem Land zu Hilfe zu kommen. Die Ukraine ist seit der Annexion der Krim durch Russland 2014 immer wieder Ziel russischer Cyberattacken. So stellten Ende Dezember 2015 russische Hacker 700’000 Menschen in der westukrainischen Region Iwano-Frankowsk den Strom ab. Aufgrund solcher Vorfälle hat die Ukraine eine starke Cyberabwehr aufgebaut, die im aktuellen Krieg mit Russland die meisten Cyberangriffe erfolgreich abwehren konnte.

Auch die Schweiz ist immer wieder Ziel von Cyberangriffen. So werden im Zuge der Corona-Pandemie vermehrt Spitäler angegriffen. Bei den Angreifenden handelt es sich um Cyberkriminelle, die «mit möglichst wenig Aufwand an viel Geld kommen wollen», wie Pascal Lamia, Leiter Operative Cybersicherheit beim Bund, gegenüber 20 Minuten sagte. Allgemein mahnen Expertinnen und Experten, dass die Schweiz schlecht gerüstet sei gegen Cyberkriminalität. «Cyberangriffe sind das grösste Sicherheitsrisiko für Unternehmen», sagte etwa Swissmem-Präsident Martin Hirzel vergangenen Sommer. Das hat auch der Bund erkannt. So nahm die Schweizer Armee zum Beispiel vergangenen April an der weltweit grössten Cyberabwehr-Übung «Locked Shields» teil, um die Abwehr solcher Attacken zu trainieren.

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