Kursierende Falschbehauptung: Nein, der Sänger von Kalush Orchestra hat am ESC keinen Hitlergruss gemacht

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Kursierende FalschbehauptungNein, der Sänger von Kalush Orchestra hat am ESC keinen Hitlergruss gemacht

Putin unterstellt der Ukraine, ein Nazi-Problem zu haben. Nun meinen einschlägige Portale und Social-Media-Nutzer, Belege dafür gefunden zu haben – beim ESC. Doch die angeblichen Beweise sind so falsch wie die Behauptung selbst.

Kalush-Orchestra-Frontmann macht auf Eurovision-Bühne politischen Aufruf.

20min/Adriel Monostori

Darum gehts

Nach ihrem Rekord-Gewinn beim Eurovision Song Contest (ESC) wird der ukrainischen Band Kalush Orchestra von prorussischen Aktivisten eine Nähe zum Faschismus unterstellt. Am Sonntagabend soll Rapper Oleh Psjuk auf der ESC-Bühne im italienischen Turin angeblich seine rechte Gesinnung zur Schau gestellt haben.

Die vermeintlichen Beweisaufnahmen kursieren seither auf Social Media. Auch in einem Kommentar zu einem Artikel auf Weltwoche.ch wird die Behauptung verbreitet, genauso wie in einem Artikel des russischen Portals RT.com. Die für die Verbreitung von Falschmeldungen bekannte Plattform Report24.news meint, den Hitlergruss sogar während der Performance entdeckt zu haben. 

Doch: An keiner der Unterstellungen ist etwas dran. Die mit dem Vorwurf verbreiteten Video-Sequenzen sind kräftig geschnitten.

Behauptung

Psjuk hat den Hitlergruss gezeigt.

Bewertung

Nichts deutet darauf hin. Der Sänger jubelte in Richtung Publikum.

Fakten

Mit häufig völlig unbelegten Nazi-Vorwürfen versuchen Medien und Politik in Russland immer wieder, die Ukraine und den Westen insgesamt als Rechtsradikale und Nationalsozialisten zu brandmarken und so Moskaus Angriffskrieg auf das Nachbarland zu rechtfertigen. Aktuell etwa im Fokus: Die Band Kalush Orchestra, die mit ihrem Song «Stefania» das Publikum in Europa faszinierte und mit einem Sensationsergebnis den Grand Prix in Turin gewann. Nach ihrer Performance im Wettbewerb forderte Psjuk besonders mit Blick auf die Verteidiger des Stahlwerks Asowstal in Mariupol: «Helft bitte der Ukraine, Mariupol, helft Asowstal jetzt!»

Der unbelegte Vorwurf, den Hitlergruss gezeigt zu haben, bezieht sich vor allem auf eine Szene nach der Übergabe der Trophäe an Kalush Orchestra kurz vor Ende der ESC-Übertragung. Während die Band die Bühne verlässt, ist Psjuk mit ausgestrecktem rechtem Arm und erkennbar gespreizter Hand zu sehen. Er feiert mit der Geste offensichtlich den Sieg.

Kurze Clips davon werden mit dem Nazi-Vorwurf in sozialen Medien verbreitet – allerdings sind die Ausschnitte häufig manipuliert: Bei den einen setzt die Szene erst so spät ein, dass Psjuks Hand nur von der Seite gezeigt wird. Bei anderen ist der Bildausschnitt so sehr verkleinert, dass die Kamera die gespreizte Hand nicht erfasst.

Ein Twitter-Video, das Kalush Orchestra beim Verlassen der ESC-Bühne aus einem anderen Winkel zeigt, deutet darauf hin, dass der Rapper Psjuk tatsächlich der Menge zuwinkte.

Auch an der von Report24.news aufgestellten Behauptung, Psjuk würde den Hitlergruss sogar während des Auftritts machen, ist nichts dran. Das beweist das von Getty-Images-Fotograf Giorgio Perottino aufgenommene Bild: Psjuk hat den rechten Arm nicht zum Gruss erhoben. Er hält damit vielmehr sein Instrument. So wie hier bei der Generalprobe am 13. Mai 2022:

Kalush Orchestra aus der Ukraine gewann den diesjährigen Eurovision Song Contest.

Kalush Orchestra aus der Ukraine gewann den diesjährigen Eurovision Song Contest.

Getty Images

Auch der polnischen ESC-Moderatorin Ida Nowakowska wird rechtsradikales Gedankengut unterstellt. Als sie die zwölf Punkte aus ihrem Land für «Stefania» verkündete, soll auch sie angeblich den Hitlergruss gezeigt haben. 

Dabei ist für einen kurzen Moment zu sehen, dass sie ihre Finger offenbar zum Peace-Zeichen formt, wie im folgenden Ausschnitt am Ende oben links zu sehen ist. Danach wird die Hand nicht mehr von der Kamera erfasst.

Prorussische Aktivisten werfen Psjuk zudem vor, mit seinem Aufruf zur Unterstützung der Kämpfer von Asowstal (siehe Video oben) für Faschisten geworben zu haben. Nach ungenauen Schätzungen hielten sich zuletzt in dem weitläufigen Werk rund 1000 ukrainische Soldaten auf. Am Montag wurde bekannt, dass gut 260 von ihnen das Stahlwerk verlassen haben. Ein Grossteil der Asowstal-Verteidiger gehört dem Regiment «Asow» an, das Russland als nationalistisch und rechtsextremistisch einstuft.

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