Behauptung überprüft: Nein, die Covid-Impfung führt nicht zu schlimmeren Grippe-Verläufen

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Behauptung überprüftNein, die Covid-Impfung führt nicht zu schlimmeren Grippe-Verläufen

Auf Social Media wird behauptet, ein australischer Gesundheitsexperte habe im TV gesagt, dass gegen Covid-19 geimpfte Personen mit schwereren Grippesymptomen rechnen müssen als ungeimpfte. Doch weder hat er das gesagt, noch ist an der Behauptung etwas dran.

von
Fee Anabelle Riebeling

Darum gehts

Auf Telegram kursiert ein Video, das angeblich zeigt, wie der Gesundheitschef des australischen Bundesstaates Victoria, Brett Sutton, darauf hinweist, dass Menschen, die gegen Covid-19 geimpft wurden, unter schlimmeren Grippesymptomen leiden würden: «Die Clown-Show in den Mainstream-Medien ist um einen Aspekt reicher: Wenn man gegen Covid geimpft ist und die Grippe bekommt, hat man in der Regel einen viel schwereren Verlauf», heisst es etwa im Begleittext auf Telegram.

Doch der von dem Verfasser oder der Verfasserin gezogene Schluss ist falsch. Zwar ist der Clip echt, allerdings zeigt er nur einen kleinen Ausschnitt eines eigentlich viel längeren Interviews mit dem australischen TV-Sender 7News. Dadurch entsteht ein falscher Eindruck von dem Gesagten. Die Aussage Suttons wurde aus dem Kontext gerissen.

«Das hat er nicht gesagt»

Schaut man statt der 0.55 Minuten langen Kurzfassung, die auf Social Media und Telegram zur Untermauerung der Falschbehauptung verbreitet wird, den originalen 4.51 Minuten langen Beitrag an, wird deutlich, dass Sutton sich dafür ausspricht, sich sowohl gegen Covid-19 als auch gegen Grippe impfen zu lassen (Minute 0.39 und Minute 3.40, siehe Video oben).

«Aussagen aus dem Zusammenhang zu reissen, ist aktive Desinformation.»

Sprecherin des Gesundheitsamtes in Victoria.

Auch das Gesundheitsamt in Victoria widerspricht den Falschbehauptungen auf Social Media: «Der Chef des Gesundheitsamts von Victoria sagte nicht, dass eine Covid-19-Impfung die Grippe schlimmer mache», zitiert Correctiv.org aus einer Antwort des Amts. «Aussagen aus dem Zusammenhang zu reissen, ist aktive Desinformation und ein Versuch, die Reaktion der öffentlichen Gesundheit in Victoria auf die Covid-19-Pandemie und andere Infektionskrankheiten zu untergraben», zitiert die Nachrichtenagentur AFP eine Sprecherin.

Anlass für Interview war Anstieg der Grippe-Fälle

Anlass für das bereits am 29. April 2022 ausgestrahlte Interview ist der zu diesem Zeitpunkt registrierte deutliche Anstieg an Grippefällen in Victoria. Obwohl sich der Winter in der Region damals erst näherte, seien schon fast 900 Fälle registriert worden, so der Moderator. «Das sind neunmal so viele wie im gesamten Jahr 2021.» Erwähnt wird auch die «neue Grippeimpfkampagne», die die Menschen dazu bringen soll, sich impfen zu lassen, bevor der Winter voll zuschlage.

In diesem australischen Winter sei die Grippeimpfung besonders wichtig, erklärt Sutton: «Wir hatten in den vergangenen Jahren praktisch keine Grippe mehr» (Minute 0.54). Deshalb habe man «nicht die natürliche Immunität, die wir sonst zu Beginn der Wintersaison hätten» (Minute 1.25).

Mediziner widersprechen Behauptung

Auch aus medizinischer Sicht spricht nichts für die auf Telegram verbreitete Behauptung, die erstmals bereits direkt nach Ausstrahlung des TV-Beitrags kursierte. «Es gibt keine Hinweise oder Anhaltspunkte, dass die Impfung gegen Covid-19 die Grippe-Symptomatik verstärkt oder verändert. Die Grippe-Impfung und die Covid-19-Impfung können gleichzeitig oder in beliebigen Abständen zueinander erfolgen», erklärt BAG-Sprecher Simon Ming auf Anfrage.

So sieht es auch die von den Faktencheckerinnen und Faktencheckern der AFP befragte Ashley Mansell vom Zentrum für angeborene Immunität und Infektionskrankheiten am Hudson Institute of Medical Research: «Meines Wissens gibt es keine Hinweise darauf, dass eine Grippeimpfung (oder eine Covid-Impfung) die Anfälligkeit für eine der beiden Infektionen erhöht.»

Sogar positiver Zusammenhang möglich

Dem von Correctiv.org befragten Friedemann Weber, Direktor am Institut für Virologie der Justus-Liebig-Universität in Giessen, ist ein solcher Zusammenhang ebenfalls nicht bekannt: «Tatsächlich ist es – wenn überhaupt – eher andersrum, nämlich dass eine Impfung für einen gewissen Zeitraum die Empfänglichkeit für andere Infektionen herabsetzt.» Einen Hinweis darauf lieferte eine im Fachjournal «Plos One» veröffentlichte Studie. Auch zwei Studien aus dem Frühjahr 2021 kamen zu einem ähnlichen Schluss.

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