Im Kreis laufende Tiere senden uns keine Zeichen

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Behauptungen geprüftNein, diese im Kreis laufenden Tiere senden uns keine geheimen Zeichen

Nach Berichten über Schafe, die tagelang ununterbrochen im Kreis laufen, sind auf Tiktok weitere Videos von Kreise ziehenden Tieren aufgetaucht. Zu bedeuten hat das nichts.

von
Fee Anabelle Riebeling

Die 20-Minuten-Faktenchecks gibt es nicht nur hier, sondern auch auf Tiktok: @20min_factcheck

20min

Darum gehts

Hunde, Truthähne, Pferde – auf Tiktok häufen sich Videos, in denen Tiere zu sehen sind, die im Kreis laufen. Mal zeigen die Clips nur eine Tierart, mal wurden verschiedene Szenen zusammengefügt. Laut den Userinnen und Usern, die die Kurzfilmchen hochgeladen haben, sind die Bilder aktuell – und damit ein Zeichen dafür, «dass etwas passieren wird».

User @truth.on.fire versieht seinen Beitrag sogar mit dem Hashtag «#signsofapocalyse», im Video selbst ist von «Apokalypse die Rede. Unter einem anderen Clip, in dem chinesische Studenten auf einem Sportplatz im Kreis kriechen, fragt er «#whatshappening?» – «Was geschieht da?» Die gruselige Musik, mit der die Videos unterlegt sind, verstärkt den Eindruck, dass da etwas nicht stimmen könnte.

Doch: Der Eindruck täuscht. Zwar sind die geposteten Szenen echt, aber zum einen sind sie nicht alle aktuell und zum anderen gibt es für das Kreiseziehen meist eine ganz einfache – und ganz und gar nicht mysteriöse – Erklärung:

«Rentier-Zyklone» kommen sogar in «Frozen II» vor

Wann und wo die Aufnahmen entstanden sind, ist unklar. Fest steht aber: Dass Rentiere im Kreis laufen und sogenannte «reindeer cyclones» (Rentier-Zyklone) bilden, ist nicht mysteriös, sondern eine Verteidigungsstrategie, über die auch 20 Minuten schon berichtete. Durch die ständige Bewegung ist es Raubtieren wie Menschen unmöglich, ein einzelnes Rentier anzugreifen. Dieses Verhalten tritt in Gruppen von mindestens 20 bis 25 Tieren auf und ist auch in Gehegen zu beobachten, wie Forschende im Jahr 2002 im Fachjournal «Rangifer» schrieben. Die eingezäunten Tiere liefen dabei ausnahmslos gegen den Uhrzeigersinn. Ein Rentier-Zyklon kommt auch in «Frozen II» vor. Die Szene hat sogar einen eigenen Song.

Darum kriechen die Chinesinnen und Chinesen im Kreis

Vor der Kathedrale kreisen jährlich Pferde

Das Video, in dem Tiere vor einem Sakralbau ihre Kreise ziehen, wird auch auf Twitter verbreitet – und eingeordnet. Zu sehen sind darin Pferde, die wie jedes Jahr an der Kathedrale der spanischen Gemeinde Mondoñedo vorangetrieben werden. Anlass ist «As San Lucas», ein lokaler Feiertag, der während des San-Lucas-Festes jeweils im Oktober stattfindet. Das zeigt der Vergleich der Gebäude mit etwa Google Maps und Videos wie diesem hier:

Das galizische Fest zieht regelmässig viele Besucher an. Das Spektakel wird deswegen auch auf einer Leinwand übertragen. Dass die Pferde in der auf Social Media verbreiteten Szene im Kreis laufen, liegt laut Julika Fitzi, Veterinärin und tierärztliche Beraterin beim Schweizer Tierschutz (STS), daran, dass es sich um Fluchttiere handelt, die es gewohnt sind, in einen Kreis getrieben zu werden. «In dem Clip sind die Treiber gut zu sehen.»

Bei den Schafen kommen Krankheit und Platzmangel infrage

Die kreisenden Schafe in China waren bereits Mitte November 2022 Thema in Medien weltweit (siehe Video unten). Die Ursache ist nicht eindeutig geklärt. Vermutet wird eine durch Bakterien ausgelöste neurologische Störung. Neben einer gesenkten Kopfhaltung oder dem Hängenlassen der Ohren ist auch eine Dreh- oder «Manegebewegung» der Tiere typisch dafür. Tierexpertin Fitzi sieht das anders: «Eine Listeriose-Infektion halte ich für eine sehr weit hergeholte Erklärung, insbesondere, weil es daran erkrankten Tieren schlechter gehen würde und sie nicht mehr friedlich und auch teils recht aufgestellt im Kreis laufen würden.» Sie halte es für plausibler, dass es sich um ein «unbekümmertes Hinterherlaufen» handle, um ein Nachahmen dessen, «was andere Schafe in der Gruppe auch machen».

Eine weitere alternative Erklärung brachte der britische Agrarwissenschaftler Matt Bell ins Spiel: Laut ihm könnte das Verhalten der Tiere auch auf akuten Platzmangel zurückzuführen sein. Tiere, die über längere Zeit zusammengepfercht eingesperrt seien, seien frustriert und würden daher anfangen, im Kreis zu laufen. Dagegen spricht aber, dass im vorliegenden Fall nur einer von mehreren Ställen der Züchterin betroffen war. Und es ist wenig wahrscheinlich, dass sie ihre Tiere unterschiedlich hält.

Truthühner kreisen aus Angst, Neugier und Folgetrieb

Anders als auf Tiktok suggeriert, ist der Clip nicht aktuell. Aufgenommen hat ihn Jonathan Davis aus Randolph (US-Bundesstaat Massachusetts) am 2. März 2017. Damals sagte der Wildtierbiologe Tom Hughes von der National Wild Turkey Federation gegenüber Nationalgeographic.com, dass das Kreisen wahrscheinlich auf eine Kombination von Angst und Neugier bei den Tieren zurückzuführen sei: «Ich vermute, dass sie durch das seltsame Verhalten der toten oder sterbenden Katze verwirrt sind und einen genaueren Blick darauf werfen wollten, ohne ihr zu nahe zu kommen.» Dass Truthühner dazu tendieren, der Herde zu folgen, dürfte das Kreisen noch verstärkt haben.

Der Biologe Richard Buchholz erklärte auf Theverge.com, dass er ein ähnliches Verhalten bei Vögeln aus der Familie der Phasianidae beobachtet hat, zu denen Truthühner, Fasane und Hühner gehören. Bei diesen Vögeln jagen die Individuen den Schwänzen ihrer Vordermänner hinterher, um die Herde zusammenzuhalten. Dies könnte auch der Grund dafür sein, warum in der anderen Truthuhnszene drei Vögel einen Baum umkreisen, so Zoologin Arlette Niederer vom STS. Allerdings könne sie wegen fehlender Zusatzinfos nur spekulieren. Da sich die Tiere auf dem einzig sichtbaren grünen Fleck bewegten, sei auch vorstellbar, «dass sie sich in der aufgezeichneten Situation nur dort sicher gefühlt haben». Laut Fitzi kommt auch eine Art Balzverhalten infrage.

Mehrere mögliche Ursachen beim Hund

Warum sich der Hund im Kreis dreht, darüber können die beiden Expertinnen nur Mutmassungen anstellen. Laut Fitzi scheint es sich um einen alten, möglicherweise senilen Hund zu handeln. «Da sind solche Kreisbewegungen häufig. Eventuell sieht er auch schon schlecht und hat die Orientierung verloren.» Auch Hirnschäden könnten eine Rolle spielen, genauso wie Infektionen im Ohr oder das Vestibularsyndrom, das mit Störungen des Gleichgewichtsorgans einhergehe und bei Hunden anzutreffen sei, so Niederer. Ursache könnten unter Umständen auch schlechte Haltungsbedingungen in der Gegenwart, aber auch in der Vergangenheit sein.

Bei Raupen und Kois bloss Vermutungen

Aus der Ferne ist es kaum möglich, das Verhalten aller gezeigten Tiere wissenschaftlich fundiert einzuordnen. «Zu viele Aspekte bleiben offen», erklärt Niederer. Auch die Kürze der Ausschnitte spielt eine Rolle. Fragen wie «Was ging der Sequenz voraus?», «Wirken Menschen auf die Tiere ein?» oder «Zu welcher Jahreszeit wurde der Clip aufgenommen?» blieben offen. Solche Informationen seien wichtig, um das Gezeigte zu bewerten.

Bei den Raupen handelt es sich laut der Zoologin um eine klassische Schwarmbildung zum Schutz vor Feinden, so wie es einige Schmetterlingsarten zeigen. «Eventuell führen auch Bodenbeschaffenheiten dazu, dass diese Formation entsteht.» Auf Schwarmverhalten tippt Tierärztin Fitzi auch bei den im Kreis schwimmenden Fischen. Dazu passt auch die Beschreibung des originalen Videos auf Youtube. «Nach meiner Beobachtung gibt es einen Anführer unter den Kois, der entscheidet, in welche Richtung alle schwimmen müssen, und der Rest folgt einfach», heisst es da. Die Aufnahmen sind übrigens alles andere als neu. Sie wurden bereits im Jahr 2013 hochgeladen und zeigen Kois in einem Teich des Kek-Lok-Si-Tempels in Malaysia.

Ameisen im Teufelskreis

Nicht in dem Tiktok-Clip thematisiert wird die sogenannte Ameisenmühle, die es vor allem bei Wanderameisen gibt. Da die Tiere meist den Pheromonspuren ihrer Vorgänger folgen, kann dies bei einer Überkreuzung der Spuren zum Laufen im Kreis führen. Sobald mehrere Ameisen dieser Spur folgen, verstärkt sich die Pheromonspur, wodurch sich das Verhalten auf immer mehr Ameisen überträgt und letztlich zu einem grossen sichtbaren Strudel von Ameisen entwickelt. Aus diesem gibt es für die Tiere kein Entkommen: Weil sie nicht in der Lage sind, den Kreis zu verlassen, laufen sie so lange, bis sie an Erschöpfung sterben. 

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