«Geheime Daten» zeigen nicht, dass Geimpfte eher Covid bekommen

Publiziert

«Weltwoche»-ArtikelNein, «geheime Daten» zeigen nicht, dass Geimpfte anfälliger für Covid sind

In einem «Weltwoche»-Artikel behauptet Philipp Gut, Geimpfte steckten sich häufiger an als Ungeimpfte. Dabei unterlaufen ihm gleich mehrere Denkfehler. 20 Minuten klärt auf.

von
Daniel Graf
Fee Anabelle Riebeling
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«Covid aus der Spritze» betitelt «Weltwoche»-Redaktor Philipp Gut seine Recherche. 

«Covid aus der Spritze» betitelt «Weltwoche»-Redaktor Philipp Gut seine Recherche. 

20min/dgr 
Im Text beweist der Autor angeblich anhand von «geheimen Daten» der Bundeswehr, dass Geimpfte sich häufiger anstecken als Ungeimpfte. 

Im Text beweist der Autor angeblich anhand von «geheimen Daten» der Bundeswehr, dass Geimpfte sich häufiger anstecken als Ungeimpfte. 

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Bloss: Bei genauerer Betrachtung offenbaren sich gleich mehrere Denkfehler des «Weltwoche»-Redaktors. 

Bloss: Bei genauerer Betrachtung offenbaren sich gleich mehrere Denkfehler des «Weltwoche»-Redaktors. 

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Darum gehts

Mehrfach Geimpfte infizieren sich häufiger mit Corona als weniger oft Geimpfte und Ungeimpfte. Das sollen laut einem Artikel der «Weltwoche» (kostenpflichtiger Artikel) angeblich geheime Daten der deutschen Bundeswehr belegen. Doch weder sind die Daten, die «Weltwoche»-Autor Philipp Gut zugespielt wurden, geheim, noch gehen seine gezogenen Schlüsse auf. Es sind nicht Guts einzige Fehlannahmen.

Bei den vermeintlich «geheimen Datensätzen», auf die Gut seine Argumentation stützt, handelt es sich laut einem Sprecher des Kommandos Sanitätsdienst der deutschen Bundeswehr vielmehr um eine Verschlusssache, sie sind nur für den Dienstgebrauch und nicht für die Öffentlichkeit gedacht: «Das wurde so eingestuft, damit die Daten nicht unkommentiert an Dritte gelangen und falsche Schlüsse daraus gezogen werden.»

Dass die Daten nun doch an Dritte gelangt sind, kommt für die Bundeswehr nicht völlig überraschend, «weil ein relativ grosser Personenkreis darauf zugreifen konnte.»

«Schlussfolgerung ist klar unzulässig»

Gut vergleicht in seinem Artikel die Infektionszahlen bei den laut ihm 181’976 Bundeswehrsoldatinnen und -soldaten (laut Bundeswehr sind es 182’963), die eine Impfquote von «fast 100 Prozent» aufwiesen, mit jenen der Gesamtbevölkerung, in der die Impfquote deutlich tiefer sei. Sein Resultat: Stand 18. November hätten sich 55 Prozent der Soldaten angesteckt, aber nur 43 Prozent der Gesamtbevölkerung. Das zeige: Geimpfte stecken sich häufiger an.

Für Antoine Flahault, Direktor des Global Health-Instituts der Universität Genf, ist dieser Schluss klar unzulässig: «In der Armee sind viele Menschen auf engem Raum und haben ständig mit anderen Leuten Kontakt, das Virus kann sich so gut ausbreiten. Ausserdem werden sich die geimpften Soldaten, die wissen, dass sie gut vor schweren Verläufen geschützt sind, anders verhalten als der Rest der Bevölkerung.»

«Uns war klar, dass in der Bundeswehr mehr Fälle entdeckt werden»

Dazu kommt laut dem Bundeswehr-Sprecher, dass in der Armee deutlich öfter getestet werde als beim Rest der Bevölkerung: «In der Bundeswehr wurde immer getestet – wenn es auf Lehrgänge ging, sich die Soldatinnen und Soldaten von A nach B bewegten und wenn sie Symptome aufwiesen.» Das sei auch dann der Fall gewesen, als die Testkapazitäten im Zivilen zurückgingen. Auch jetzt, wo Tests für die allgemeine Bevölkerung längst freiwillig und kostenpflichtig sind, sei das Testregime der Bundeswehr strikter. «Die Dunkelziffer dürfte im Zivilen viel höher als in der Bundeswehr sein.» Diesen Aspekt berücksichtigt Gut nicht. Die hohe Testfrequenz bestätigen auch zwei Bundeswehrangehörige gegenüber 20 Minuten.

Laut dem Sprecher sei schon vor Beginn des Fallzahlen-Monitorings klar gewesen, dass aufgrund des engmaschigen Testens bei der Bundeswehr aus den eigenen Reihen deutlich mehr Fälle gemeldet werden würden als aus der breiten Öffentlichkeit. «Das haben wir hingenommen, weil man das ja auch immer erklären kann.» Diese Chance sei ihnen von der «Weltwoche» nicht gegeben worden. Dadurch fehle nun die Einordnung der Daten. Entsprechend sei der Artikel der «Weltwoche» ein gutes Beispiel dafür, was passiert, wenn bei der Interpretation nicht auch die Umstände mit eingerechnet werden.

«Hätten wir etwas vertuschen wollen, hätten wir nicht mehr getestet»

Gut unterstellt der Bundeswehr zudem, sie betreibe punkto «der Informationen über die Impfnebenwirkungen» ein «Verwirr- und Versteckspiel, der militärischen Camouflage ähnlich». Grund dafür ist die Löschung eines Artikels auf der Bundeswehr-Website, auf der im Mai 2022 noch gestanden habe, dass von den bereits geimpften Angehörigen der Bundeswehr bisher keine schwerwiegenden Nebenwirkungen oder Todesfälle gemeldet worden seien, was laut Gut «nachweislich falsch» sei.

Von einem Verschleierungsversuch kann laut Aussage des Bundeswehrsprechers jedoch keine Rede sein: «Das muss man alles über die Zeit sehen: Anfangs gab es noch keine Fälle von Impfkomplikationen. Irgendwann gabs die dann und dann war die Info nicht mehr aktuell und man hat sie runtergenommen. Es geht dabei nicht darum, etwas zu vertuschen, sondern darum, aktuelle Informationen weiterzuverbreiten. «Wir erheben unsere Daten sehr genau und wissenschaftlich korrekt, da ist kein Platz für Vertuschungen.»

Guts Erkenntnis ist alles andere als neu

Auch die von Gut als neu dargestellte Erkenntnis, die Covid-19-Impfung schütze nicht vor Ansteckung, ist nicht neu. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat Anfang November das Coronavirus-FAQ zu Ansteckungen entsprechend aktualisiert. Doch schon im Winter 2021/22, als es mit dem Aufkommen von der ersten Omikron-Variante häufiger zu sogenannten Impfdurchbrüchen kam, rückte das Thema in den Fokus des Interesses, wie auch Flahault sagt: «Sonst hätten wir nicht diese Abfolge von Wellen seit zwölf Monaten, obwohl fast die gesamte in Frage kommende europäische Bevölkerung geimpft ist.»

Omikron kann aufgrund seiner vielen Mutationen noch besser der Immunantwort des Körpers entkommen als frühere Varianten, ein Aspekt, den Gut in seiner Betrachtung ausser Acht lässt (siehe Box).

«Schwere der Fälle wird nicht untersucht»

Flahault kritisiert noch einen weiteren Punkt im Artikel: «Die wichtigste Frage wird im Artikel gar nicht angesprochen, nämlich diejenige nach den schweren Verläufen. Es spielt überhaupt keine Rolle, ob die Soldaten häufiger milde Formen von Covid hatten, wenn sie seltener ins Spital eingeliefert wurden. Das ist es, was der Impfstoff in erster Linie bezweckt.» Auch Long Covid werde nicht angesprochen. «Litten die geimpften Soldaten seltener an Long Covid? Das scheint die Autoren überhaupt nicht zu interessieren.»

Die Frage nach der Schwere kann der Bundeswehr-Sprecher aus dem Stegreif beantworten: «Die schweren Verläufe unter unseren Soldatinnen und Soldaten können wir an zwei Händen abzählen. Insofern können wir bestätigen, dass die Impfung vor schweren Verläufen schützt.» Allerdings müsse man auch berücksichtigen, dass sich darunter nur Personen bis 65 Jahre befinden, die nicht zur Personengruppe mit dem grössten Risiko für schwere Verläufe zählen. «Das kann natürlich auch eine Rolle spielen.»

«Kenne keinen einzigen Soldaten, der die Impfung rückgängig machen möchte»

Gut beendet seinen Artikel mit einer Empfehlung an die Bundeswehr: «Wenn sie ihre Soldaten schützen will, muss sie die mRNA-Injektionen aus dem Katalog der obligatorischen Impfungen streichen.» Das «exzessive Impfen, Impfen, Impfen, Impfen» erhöhe die Infektionsgefahr und führe zu mehr krankheitsbedingten Ausfällen. Es sei ein «zielsicherer Schuss ins eigene Knie».

Die, für die die Impfvorgaben der Bundeswehr gelten, sehen das jedoch ganz anders: «Ich habe in Afghanistan gesehen, wie Covid-19 dort die Bevölkerung heimgesucht hat. Ohne Impfung und mit den praktisch nicht vorhandenen Hygienestandards ist das Virus dort durchgegangen wie ein Schneidemesser durch warme Butter», so ein Soldat zu 20 Minuten. Ich kenne keinen einzigen Kameraden, der die Zeit nun zurückdrehen und seine Covid-19-Impfung rückgängig machen möchte.»

Weltwoche-Redaktor nimmt Stellung

Antoine Flahault findet abschliessend klare Worte für den Weltwoche-Artikel: «Seit Beginn der Pandemie sehen wir Zeitschriften, die Daten direkt in ihren eigenen Rubriken veröffentlichen, ohne sie vorher von Wissenschaftlern überprüfen zu lassen.» Dies sei der Fall bei diesen in der Weltwoche veröffentlichten Informationen. «Das Abgleiten in diese neue Richtung erscheint gelinde gesagt höchst fragwürdig, und ich bin eindeutig dagegen. Was die Weltwoche hier macht, ist klare Desinformation.»

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