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Sprung aus Stratosphäre«Nein, ich werde nicht verglühen»

Felix Baumgartner will als Erster im freien Fall die Schallmauer durchbrechen. Der österreichische Extremsportler über die Gefahren, seine Ängste und seine Freundin.

von
Felix Burch

20 Minuten Online: Herr Baumgartner, Sie wollen von 36 000 Meter Höhe auf die Erde runterspringen. Wovor fürchten Sie sich?

Felix Baumgartner: Angst ist mein steter Begleiter. Ich habe jedoch gelernt, meine Angst positiv zu nützen. Anstatt mich von ihr blockieren zu lassen, hilft sie mir, indem sie meine Sinne schärft. In 36 576 Meter Höhe muss ich mich auf mich selbst verlassen können und darauf vertrauen, dass die Technik nicht versagt.

Noch diesen Sommer werden sie dort oben sein und springen. Was erwarten Sie sich von diesem Moment?

Ich denke, dass mich die verschiedensten Emotionen überwältigen werden. Jedoch müssen einige davon warten, da ich nur für zehn Minuten Sauerstoff auf meinem Rücken trage. Mein Aufgabe ist es, mich zu 100 Prozent auf meinen Job zu fokussieren. Nicht umsonst darf ich auf eine lange Liste von Projekten zurückblicken – und bin noch am Leben.

Was sagt Ihre Partnerin zu Ihrem Beruf?

Schon als ich sie kennenlernte, wusste sie, was ich mache. Ihr war bewusst, dass meine Ambitionen mich antreiben, neue Grenzen zu definieren. Sie weiss, was es heisst, sich neue Ziele zu stecken. Sie weiss auch, dass man solche nur erreichen kann wenn man bereit ist, dafür alles zu geben. Ihre Unterstützung bedeutet mir sehr viel.

Sie möchten von der Stratosphäre auf die Erde springen. Dabei werden Sie gleich fünf Weltrekorde aufstellen (siehe Box). Ist das nicht ein bisschen viel auf einmal?

Natürlich gibt es keine Garantie dafür, dass ich all die Rekorde brechen werde. Wenn es mir aber gelingt, einen dieser Rekorde aufzustellen – zum Beispiel der höchste Absprung oder die Schallgeschwindigkeit im freien Fall – dann haben wir gute Chancen, die andern auch zu erreichen. Es ist wie eine kinematische Kette. Nach diesen langen fünf Jahren Vorbereitung muss ich sagen, dass es toll wäre, alle Rekorde auf einmal zu brechen.

Beim Sprung könnten Ihre Adern platzen. Welche Gefahren lauern sonst noch?

Es gibt viele Gefahren, vom Start bis zur Landung: Wenn der Ballon nicht über die ersten tausend Höhenmeter steigt, wäre die Zeit zu knapp, um aus der Kapsel auszusteigen und den Fallschirm zu aktivieren. In der Stratosphäre gibt es zu wenig Sauerstoff. Der Druck ist so gering, dass das Wasser in meinem Blut ohne Schutzanzug zu kochen beginnen würde. Im freien Fall könnte ich in ein Flachtrudeln geraten, was starke Blutungen verursacht und zum Tod führen kann. Beim Erreichen der Schallgeschwindigkeit, könnten mich Schockwellen erschüttern. Aber wir haben viele Sicherheitsvorkehrungen getroffen, ich gehe nicht davon aus, dass diese Szenarien eintreffen werden.

Während den ersten 30 Sekunden werden sie sich nur beschränkt bewegen können. Inwiefern erschwert das den Start?

Die Luft in der Absprunghöhe ist fast ein Vakuum. Sie ist so dünn, dass es nichts gibt, um mich zu stabilisieren. Zu Beginn kann ich also keine Fallschirmspringertechniken anwenden. Darum muss ich versuchen, überflüssige Rotationen beim Absprung zu vermeiden. Wenn die Luft dann wieder dichter wird, muss ich unverzüglich meine Position stabilisieren, da mein Körper ansonsten schnell ausser Kontrolle geraten könnte.

Könnten die enormen Temperaturunterschiede zu einem Problem werden?

Während des Testsprungs im März erreichten wir Temperaturen von fast minus 70 Grad Celsius. Meine Hände und Füsse wurden sehr kalt und steif. Das Team hat Vorkehrungen getroffen, um dem entgegenzuwirken.

Könnten Sie verglühen?

Nein, ich werde im freien Fall nicht verglühen. Ich werde eine Geschwindigkeit von etwa 1125 km/h erreichen – nicht schnell genug, um diese immense Hitze zu produzieren. Space Shuttles sind beim Wiedereintritt 27 350 km/h schnell.

Was wird geschehen, wenn Sie die Schallmauer durchbrechen? Haben Sie eine Vorstellung, wie sich das anfühlen könnte?

Keiner von uns weiss, was es heisst, die Schallmauer im freien Fall zu durchbrechen. Verschiedene Systeme wurden entwickelt, um meine Sicherheit zu gewährleisten, aber es bleibt ein gewisses Restrisiko – bis nach dem Sprung ist das die grosse Unbekannte. Es wird spannend, herauszufinden, wie sich das anfühlen wird.

Wird ihr Sprung der Forschung nützen?

Er birgt grosses Potenzial. Immer mehr Menschen reisen ins All, der Space-Tourismus wird in den kommenden Jahren boomen. Man wird neue Anzüge und Sicherheitsvorkehrungen benötigen, um diese Reisen so sicher wie möglich zu gestalten. Wir werden eine Vielzahl an Informationen und Daten gewinnen, sodass wir hoffentlich einen Teil der Pionierarbeit zur Entwicklung für jene Bedürfnisse beitragen.

Ohne Red Bull wäre die ganze Operation nicht möglich. Verleiht Red Bull Flügel?

Ich könnte es nicht besser ausdrücken. Red Bull hat grossartige Arbeit geleistet um dieses Projekt voranzutreiben.

Was bedeutet für Sie die Zahl 502?

Diese Nummer bekam ich offiziell 1989 von der Base Association in den Vereinigten Staaten.

Sie haben sich diese 502 tätowieren lassen – sind sie ein Narzist?

Nein, diese Zahl hat einfach eine sehr persönliche Bedeutung für mich. Von der offiziellen Organisation registriert worden zu sein, war die Bestätigung für mich, meine wahre Sportart gefunden zu haben. Das wird ein entscheidender Moment in meinem Leben bleiben.

Was macht einen guten Base Jumper aus?

In meinem Fall haben zahlreiche Tests gezeigt, dass ich über sehr gute Reaktionen verfüge, was in diesem Sport sehr wichtig ist. Man muss die Fähigkeit haben, in Sekundenbruchteilen Entscheidungen zu treffen. Eine sorgfältige Planung und die Liebe zum Detail, sämtliche Möglichkeit durchzudenken, sind unumgängliche Voraussetzung, wenn man am Leben bleiben will. Und das trifft immer zu – egal, ob man von einer Klippe oder aus einer Kapsel in der Stratosphäre springt.

Ihre Hobbies sind Klettern, Boxen, Moto-Cross, Helikopter, Rallye. Machen sie auch etwas Normales in ihrem Leben?

All diese Dinge sind normal. Aber sicher, ich geniesse auch alltägliche Dinge – ein gutes Abendessen mit meiner Familie und Freunden, mit meiner Freundin ins Kino gehen. Ich bin kein Adrenalinjunkie. Ich bin nur jemand, der durch Herausforderungen wächst.

Was treibt Sie an?

Es ist ganz einfach: Ich bin eine sehr wettbewerbsaffine Person, ich liebe die Herausforderung. Aber wenn man man die Luft- und Raumfahrt für zukünftige Generationen verbessern kann, ist die Motivation noch grösser.

Was machen Sie nach dem Sprung aus dem All? Können Sie sich noch steigern?

Ich hoffe, mit diesem Sprung andere zu inspirieren, ihre Träume zu verfolgen und ihre Grenzen neu zu definieren. Aber was mich betrifft, freue ich mich schon auf die Zeit danach. Ich möchte meiner anderen grossen Leidenschaft nachgehen: dem Helikopterfliegen und weiter als Berufspilot tätig sein.

Einer der weltbesten Base-Jumper

Der 43-jährige Felix Baumgartner gehört zu den besten Base-Jumpern der Welt. Der Österreicher lebt in der Schweiz und den USA. Er hat sich in Arbon am Bodensee mit seiner Freundin ein Haus gekauft. Dort erholt er sich von seinen Abenteuern. Der Extremsportler machte sich mit mehreren Sprüngen einen Namen: Er sprang vom 88. Stockwerk der Petronas Towers in Kuala Lumpur, stürzte sich von der Christusstatue in Rio de Janeiro, zudem überquerte er als erster Mensch im freien Fall den Ärmelkanal. Die Liste seiner Rekord-Sprünge ist lang. Bevor seiner Karriere als Base-Jumper war Baumgartner Instrukteur und Fallschirmspringer beim österreichischen Bundesheer. Auch als Profi-Boxer versuchte er sich schon.

Projekt Stratos

Mit einem Heliumballon möchte Felix Baumgartner die Stratosphäre erreichen und dann mit Schutzanzug und Fallschirm zur Erde springen. Er will gleich mehrere Weltrekorde aufstellen:

1. längstdauernder freier Fall (5.35 Minuten)

2. längster freier Fall (34 500 Meter)

3. grösste im freien Fall erreichte Geschwindigkeit (1100 km/h)

4. höchster Absprung der Welt (aus 36 000 Meter)

5. höchste bemannte Ballonfahrt (auf 36 000 Meter)

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