Aktualisiert 15.02.2018 11:16

Abstinenzler«Nein, verdammt, ich trinke keinen Alkohol!»

Bist du schwanger? Bist du Muslim? Mit solchen Fragen müssen sich Abstinenzler herumschlagen.

von
B. Zanni
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«Ich mag den Geschmack von Alkohol nicht. Es brennt im Hals und schmerzt», sagt die 23-Jährige Melanie.

«Ich mag den Geschmack von Alkohol nicht. Es brennt im Hals und schmerzt», sagt die 23-Jährige Melanie.

Privat
Zu den Abstinenzlern zählt auch Elena Cusinato, die sich selber als fleissige Partygängerin bezeichnet. «Ich mag mich selber nicht, wenn ich getrunken habe», erzählt die 19-Jährige.

Zu den Abstinenzlern zählt auch Elena Cusinato, die sich selber als fleissige Partygängerin bezeichnet. «Ich mag mich selber nicht, wenn ich getrunken habe», erzählt die 19-Jährige.

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14 Prozent der Schweizer Bevölkerung lassen aktuell die Finger von Alkohol. Das sind zwei Prozentpunkte mehr als noch im Jahr 2012, wie aus dem Schweizer Suchtpanorama von Sucht Schweiz hervorgeht.

Melanie (22): «Ich weiss, dass ich trotzdem normal bin»

Auch Melanie rührt keinen Alkohol an. «Ich mag den Geschmack von Alkohol nicht. Es brennt im Hals und schmerzt», sagt die 23-Jährige. Doch bestelle sie an Partys ein Cola oder ein Wasser, stosse sie oft auf Unverständnis. «An Weihnachtsessen würde ich gern mit einem Kleber auf der Stirn herumlaufen, auf dem steht: ‹Nein, verdammt, ich trinke keinen Alkohol!›», sagt die Versicherungsangestellte.

Abgesehen von ihren Freunden erlebe sie immer wieder Leute, die sie zum Trinken animieren wollen. «Sie können nicht glauben, dass man auch ohne Alkohol Spass haben kann.» Zudem verstünden sie nicht, dass Alkohol nicht schmecken könne. «Manchmal schauen sie mich an, als käme ich von einem anderen Planeten.» Mittlerweile bemühe sie sich aber nicht mehr um Erklärungen. «Denn ich weiss, dass ich trotzdem normal bin und meine Erklärungen bei manchen Leuten ohnehin nichts nützen.»

Würden andere Leute Alkohol trinken, störe sie dies auf keinen Fall. «Sind sie betrunken, halte ich mich aber eher fern und gehe früh nach Hause.» Die Menschen in feuchtfröhlicher Stimmung beneide sie in keinem Moment. «Ich habe gern die Kontrolle über meinen Körper.»

Elena Cusinato (19): «Sie fragen, ob ich schwanger sei»

Zu den Abstinenzlern zählt auch Elena Cusinato, die sich selber als fleissige Partygängerin bezeichnet. «Ich mag mich selber nicht, wenn ich getrunken habe», erzählt die 19-Jährige. Deshalb rührt die Kauffrau seit dem 16. Lebensjahr keinen Alkohol mehr an und feiert stattdessen mit Red Bull oder bestellt einen alkoholfreien Cocktail an der Bar. Dies werfe bei vielen Leuten Fragen auf. «Oft fragen sie mich, ob ich denn Auto fahren müsse oder schwanger sei.»

Es komme aber auch vor, dass sie für betrunken gehalten werde, erzählt Cusinato lachend. Sage sie, dass sie eben gar nichts getrunken habe, antworteten die verwunderten Leute oft: «Respekt!» Wie betrunken wirke sie wohl, weil sie sich am Verhalten der betrunkenen Leute amüsiere, vermutet die junge Frau. Dass sie nicht mehr mittrinke, bereue sie nicht. «Mein Bruder trinkt am Wochenende regelmässig und ist am nächsten Tag mit einem Kater gestraft.»

R.T.* (21): «Fahre betrunkene Freunde nach Hause»

Auch für R.T.* kommen Getränke wie Wein oder Bier nicht infrage. «Alkohol reizt mich einfach nicht. Ich war noch nie ein Fan vom Trinken», sagt der 21-Jährige. Er ziehe «Klarheit und Realität» dem angeheiterten oder betrunkenen Zustand vor. «Es genügt mir, sehen zu müssen, wie andere betrunken herumkotzen.» Lieber übernehme er die Rolle des Samariters und fahre seine betrunkenen Freunde nach Hause.

Auch am Geburtstag eines guten Freundes liess sich der Zugverkehrsleiter nicht zu einem Schluck Whiskey überreden. «Hat man auch heimlich nicht den Drang, Alkohol zu trinken, kann man auch dem Gruppendruck problemlos widerstehen.» Seit einem Jahr ist R.T. auch abstinenter Raucher. Vier Jahre lang habe er ein bis zwei Päckchen täglich geraucht. «Ich merkte dann aber, dass meine Lunge beim Fussballspielen nicht mehr so gut mitmachte.» Zudem spare er dank eines alkohol- und zigarettenfreien Lebens extrem viel Geld.

Pascal (38): «Ich werde gefragt, ob ich Muslim bin»

Pascal verbrachte die meisten Wochenenden seiner Jugend «im Dauerrausch». «Heute stosse ich nur noch mit Wasser oder Orangensaft an», sagt der 38-Jährige. Dafür gesorgt habe seine damalige Freundin. «Für Leute, die nicht trinken, ist es sehr nervig, wenn andere ständig betrunken sind», erklärt der Informatikleiter seinen Wandel.

Als Abstinenzler falle er kaum auf. «Heute werde ich höchstens noch gefragt, ob ich Muslim sei.» Mit seiner Frau harmoniert er bestens. «Sie hat noch gar nie Alkohol getrunken.» Regelmässig ins Fäustchen lacht er sich bei Alkoholkontrollen. «Weil ich noch jung bin, rechnet der eine oder andere Polizist mit einem positiven Test und wird bitter enttäuscht.»

*Initialen der Redaktion bekannt

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