Aktualisiert 22.03.2016 14:54

Peering-Vertrag

Netflix-Probleme – Swisscom gibt nach

Tausende Swisscom-Kunden konnten ihr Netflix-Abo seit Tagen wegen Streaming-Problemen nicht nutzen. Nun hat der Anbieter offenbar reagiert.

von
lia

Swisscom-Kunden mit Netflix-Abo dürfen sich freuen – ihr Wehklagen auf Social Media und in diversen Medien scheint dem Internetprovider Beine gemacht zu haben. Nachdem das Streamen von Netflix-Serien und -Filmen mit einem Swisscom-Anschluss in den letzten Tagen so gut wie unmöglich war, sollen sich die beiden Anbieter kurzfristig auf einen sogenannten Peering-Vertrag geeinigt haben, schreibt Computerworld.ch.

Das bedeutet, dass Swisscom die Inhalte künftig direkt vom Netflix-Server laden und ins eigene System einspeisen wird. Bisher bezog Swisscom das Streamingangebot über sogenannte Transitanbieter, weil Netflix sich weigerte, den Provider für die Direkteinspeisung zu bezahlen. Über die genauen Details der Einigung äussert sich die Swisscom nicht.

Auf Anfrage von Computerworld blieb man vage: «Wir sind mit Netflix nach wie vor in Verhandlungen und haben eine vorübergehende Lösung gefunden. Wir haben mit Netflix vereinbart, dass wir zur Art und Weise der provisorischen Lösung keine näheren Angaben machen.»

Dass Netflix künftig bezahlen wird, ist unwahrscheinlich. Laut Computerworld müsste Netflix dann mit anderen Providern wie UPC, mit denen bereits Peering-Verträge bestehen, neu verhandeln, was nicht im Interesse des Streamingdienstes wäre. Läuft das Peering allerdings gratis, dürften andere Dienstanbieter von Swisscom gleiches Recht einfordern.

Protest hat gewirkt

Die Einigung von Netflix und der Swisscom dürfte durch die grossen Proteste der Nutzergemeinde beschleunigt worden sein. Die 20-Minuten-Redaktion erreichten bis heute zahlreiche Mails von verärgerten Nutzern. Schon tagelang sei das Streaming nicht möglich, Swisscom und Netflix würden sich an den Hotlines und in Internetforen gegenseitig die Schuld dafür in die Schuhe schieben, hiess es.

Auch auf Facebook sowie im Swisscom-Kundenforum und auf Twitter herrschte helle Aufregung. Bis ein Stream geladen sei, vergingen Minuten, und auch dann sei die Bildqualität noch schlecht. Bei Freunden mit anderen Providern wie UPC, Green, Fiber7 oder Quickline liefe jedoch alles normal, ärgerten sich die Verfasser der Posts. Eine verbreitete Schlussfolgerung: Die Swisscom drossle die Bandbreite, um den eigenen Streamingdienst zu pushen.

Problem: Transitanbieter

Bereits letzten Frühling berichtete die «NZZ am Sonntag» über einen vermeintlichen Kampf um Bandbreiten. Die Weko (Eidgenössische Wettbewerbskommission) leitete damals eine Untersuchung ein, um herauszufinden, ob grosse Internet-Provider wie Swisscom oder UPC Cablecom ihre Datenleitungen zu Streamingdiensten wie Zattoo, Youtube oder Netflix bewusst ausbremsen, um ihre eigenen Angebote zu bevorteilen.

Die Swisscom wies die Vorwürfe von sich: «Swisscom setzt alles daran, schnellstmöglich eine Lösung zu finden und hat den Kontakt zu Netflix erneut intensiviert. Wir legen grossen Wert auf ein offenes Internet und benachteiligen dementsprechend keinen Anbieter», schrieb das Unternehmen auf Twitter.

Swisscom-Sprecher Armin Schädeli schob die Schuld anfangs auf Netflix: «Wir analysieren die Situation laufend und haben bereits am Wochenende festgestellt, dass Netflix die Transitkapazitäten massiv reduziert hat. Dies offenbar bereits seit dem 17. März 2016», sagte er zu Watson. Netflix würde den Datenverkehr seit August 2015 nicht mehr über die Deutsche Telekom, sondern neu über Transitnetze führen, die für überbuchte Kapazitäten bekannt seien. Swisscom habe darauf keinen Einfluss.

Störungsfreie Verbindung soll bei Swisscom kosten

Ruckle es während des Streamens, sei meist der Breitbandanbieter schuld, erklärte Fredy Künzler, CEO des High-Speed-Internet-Providers und Swisscom-Konkurrenten Init7, letztes Jahr der «NZZ am Sonntag». Das Problem sei, dass die Firmen Verbindungen zu anderen Anbietern ungenügend ausbauten. Auch auf dem Swiss ISP Blog, der sich mit Themen rund um Schweizer Internet Service Provider befasst, erläutert ein Autor, dass sich bei unausgebauten Verbindungen Videodaten auf dem Weg vom Netflix-Netzwerk zum Kunden stauen können. «Damit der Benutzer trotzdem seine superspannende Serie weiterschauen kann, reduziert Netflix automatisch die Qualität des Bildes. Es müssen weniger Daten übertragen werden und die Leitungen werden entlastet», schreibt er.

Bei der Konkurrenz gäbe es diese Probleme nicht mehr, weil diese seit kurzem über direkte Verbindungen zu den Netflix-Servern verfügten. Die Streams würden so direkt in die eigenen Netzwerke eingespiesen, was eine stabilere Qualität zur Folge habe (siehe Bilderstrecke). Das könnte die Swisscom auch und tue es bereits bei Anbietern wie Zattoo. Diese müssten dem Unternehmen allerdings Geld für die direkte Datenübertragung zahlen. «Netflix wird Swisscom niemals zahlen», ist sich jedoch Fredy Künzler von Init7 laut Watson seit einem kürzlichen Kontakt mit einem (nicht namentlich genannten) Netflix-Manager sicher.

Das bedeutet Netzneutralität

Unter dem Begriff Netzneutralität versteht man, dass Internetanbieter alle Datenpakete gleich behandeln, unabhängig von Sender, Empfänger oder Inhalt der Pakete. In der Schweiz ist die Netzneutralität nicht gesetzlich geregelt. Eine Motion, die dies verlangte, wurde im Frühling 2015 vom Ständerat abgelehnt. In der Schweiz wehren sich die grossen Internetanbieter wie Swisscom, UPC Cablecom und Sunrise gegen ein Gesetz, das die Netzneutralität festschreibt. Im Herbst 2014 haben diese Provider einen Verhaltenskodex in Sachen Netzneutralität verabschiedet. Konsumentenorganisationen und Netzaktivisten kritisieren diesen aber als «irreführend und falsch». Der Kodex der Internetanbieter untersagt beispielsweise nur das Blockieren von Daten. Die Verlangsamung von Daten ist hingegen nicht verboten. Auch dass gewisse Internet-Dienste von den Providern bevorzugt behandelt werden, wird nicht ausgeschlossen. (lin)

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