Netflix-Verbot bei Strommangel – Community tobt wegen Bundesrat

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Community tobt Netflix-Verbot bei Strommangel – «Sind wir hier eigentlich im Irrenhaus?»

Das Netz tobt über das drohende Verbot von Netflix, Tempobeschränkungen auf den Strassen und Temperaturbeschränkungen beim Waschen. Auch die Politik ist irritiert.

von
Christina Pirskanen
Daniel Graf
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Der Bundesrat will bei einer Strommangellage auch Streamingdienste wie Netflix erst in der Qualität beschneiden und dann ganz verbieten. 

Der Bundesrat will bei einer Strommangellage auch Streamingdienste wie Netflix erst in der Qualität beschneiden und dann ganz verbieten. 

AFP
Die Liste, die Bundesrat Guy Parmelin am Mittwoch veröffentlicht hat, stösst auf viel Unverständnis. «Sind wir hier eigentlich im Irrenhaus?», schimpft jemand auf Twitter. 

Die Liste, die Bundesrat Guy Parmelin am Mittwoch veröffentlicht hat, stösst auf viel Unverständnis. «Sind wir hier eigentlich im Irrenhaus?», schimpft jemand auf Twitter. 

20min/Stefan Lanz
Energiespar-Plakate in der Stadt Bern.
Aufgenommen am 19.10.2022.

Energiespar-Plakate in der Stadt Bern.
Aufgenommen am 19.10.2022.

20min/Matthias Spicher

Darum gehts

  • Der Bundesrat hat eine äusserst detaillierte Liste mit Massnahmen erstellt, die im Falle einer Strommangellage greifen. 

  • Damit stösst er bei der Community auf Unverständnis und offenen Hohn. 

  • Dass etwa Streamingdienste abgeschaltet, die Temperatur beim Waschen beschränkt und das Bügeln verboten werden soll, kommt nicht gut an. 

  • Auch Politikerinnen und Politiker zeigen sich verwundert über die detaillierte Liste. 

Am Mittwoch präsentierte der Bundesrat Massnahmen, die im Falle einer Strommangellage umgesetzt werden sollen – und setzte sich damit in die Nesseln, wie Reaktionen auf Social Media und aus der Politik zeigen. Die äusserst detaillierte Liste regelt etwa, wann die Bevölkerung den Laubbläser nicht mehr brauchen darf, wie schnell Autos noch fahren dürfen und ab wann Drinks warm getrunken werden müssen, weil die Eismaschine nicht mehr laufen darf.

Insbesondere die Vorschriften über Geräte, die kaum Strom verbrauchen, aber von sehr vielen Menschen genutzt werden, stossen auf Unverständnis. Allen voran: Streamingdienste wie Netflix und Co. Diese dürfen erst nicht mehr in HD, später gar nicht mehr geschaut werden. «Unser Bundesrat ist wahrlich ein Gruselkabinett mit einer Witzfigur als Wirtschaftsminister. Wenn der Strom knapp wird, darf das Volch nicht mehr Netflixen… Wer zum Teufel wird das kontrollieren. Nach der Heizungs- auch noch eine Streamingpolizei?», nervt sich ein User.

«Unsere Regierung macht sich lächerlich»

«Sind wir hier eigentlich im Irrenhaus?», fragt ein anderer. Dass der Bundesrat Netflix verbieten will, dabei aber kein Wort über Solaranlagen verliere, stösst ihm sauer auf. «Unsere Regierung macht sich lächerlich. Vorschriften, wie heiss die Wäsche gewaschen werden darf…», ein weiterer Kommentar.

Die Community zieht auch Parallelen zu den während der Corona-Krise erlassenen Massnahmen: «Die Logik ist seit dem Covid19-Gesetz flöten gegangen», kommentiert ein User trocken.

Unterstützung erhalten die User aus der SVP. «Ich habe sehr gestaunt, als ich die Pressekonferenz verfolgt habe», sagt Nationalrat Benjamin Giezendanner. «Wäre ich Bundesrat Guy Parmelin gewesen, wäre ich niemals so detailliert auf die einzelnen Massnahmen eingegangen.» Auch die Priorisierung – dass etwa die Bürgerinnen und Bürger nicht mehr tumblern oder bügeln dürfen, aber die Saunen der Wellnessbetriebe noch laufen – sei skurril.

«Völlig absurd»

«Diese Massnahmen sind völlig absurd», findet auch Giezendanners Parteikollege Andreas Glarner. Die Strategie sei überhaupt nicht durchdacht. «Ich weiss langsam nicht mehr, was der Bundesrat macht – man agiert wie Pausenclowns. Ganz schlimm, dass sogar der Bundesrat unserer eigenen Partei diese Massnahmen kommunizierte.» Die Einschränkungen und Verbote, etwa das Verringern der Auflösung von Streamingdiensten, seien reinste Symbolpolitik. «So nimmt definitiv niemand die Situation ernst», befürchtet er.

Wie oft nutzt du Streamingdienste wie Netflix? 

Anders sieht das Grünen-Nationalrätin Katharina Prelicz-Huber. Dass man nicht mehr bügeln dürfe, sei nicht weiter schlimm. «Dann hat man zumindest einen legitimen Grund, wenn man mit dem nicht geglätteten Hemd bei der Arbeit erscheint.» Dass die Streamingdienste ihre Auflösung verringern müssten, findet die Grünen-Politikerin sinnvoll. «Wir wissen, wie gigantisch das Streaming ist und wie viel Energie das kostet – rund 80 Prozent des Datenverkehrs im Internet ist auf Streaming zurückzuführen.» Dort gebe es grosses Sparpotenzial.

Dem stimmt Marionna Schlatter, Nationalrätin der Grünen, zu. «Der Impact der Digitalisierung wird enorm unterschätzt», sagt sie. Die Übertragung von Daten sei sehr stromintensiv. Die meisten der vorgeschlagenen Einschränkungen und Verbote tun niemandem weh. «Wir kommen aber wohl nicht um schwer verständliche Situationen herum», so Schlatter. Man habe nun aber die Möglichkeit eines demokratischen Dialogs, um die Umsetzung dieser Massnahmen zu diskutieren – das sei wichtig.

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