Aktualisiert

Horrorhaus in Kalifornien«Nettes Paar, das von den Kindern schwärmte»

Ein Ehepaar in Kalifornien hat seine 13 Kinder unter schlimmsten Bedingungen im eigenen Zuhause gefangen gehalten. Weder die Nachbarn noch die Grosseltern ahnten etwas.

von
chk/kko

Ein kalifornisches Ehepaar hat seine 13 Kinder mit Ketten an Betten gefesselt. (Video: Tamedia)

Schrecklicher Folterverdacht gegen ein Elternpaar in den USA: Die kalifornische Polizei hat am Sonntag das Martyrium von 13 im elterlichen Haus gefangen gehaltenen Geschwistern beendet. Eines der teils mit Ketten gefesselten Opfer im Alter von zwei bis 29 Jahren habe sich selbst befreien können und den Notruf gewählt, teilte die Polizei in Riverside am Montag (Ortszeit) mit. Die Eltern der unterernährten Geschwister wurden wegen Folter und Kindeswohlgefährdung festgenommen.

Der 57-jährige Vater David Turpin und seine 49-jährige Ehefrau Louise hielten ihre Kinder in Perris, zwei Stunden südöstlich von Los Angeles, teilweise mit Vorhängeschlössern an ihre Betten gekettet fest. In den abgedunkelten Räumen habe es faulig gerochen, hiess es im Polizeibericht. Aufgrund ihrer Unterernährung schätzten die Beamten die Opfer zunächst alle als minderjährig ein. Später habe sich herausgestellt, dass das älteste bereits 29 Jahre alt war.

1 / 17
Eltern droht Gefängnis bis ans Lebensende: Gerichtliche Anhörung im Verwaltungsbezirks Riverside. (18. Januar 2018)

Eltern droht Gefängnis bis ans Lebensende: Gerichtliche Anhörung im Verwaltungsbezirks Riverside. (18. Januar 2018)

AFP/David Mcnew
Elizabeth Jane Flores, Schwester der festgenommenen Louise Turpin und selbst Mutter von sieben Kindern, hat ihre Nichten und Neffen seit 19 Jahren nicht zu Gesicht bekommen.

Elizabeth Jane Flores, Schwester der festgenommenen Louise Turpin und selbst Mutter von sieben Kindern, hat ihre Nichten und Neffen seit 19 Jahren nicht zu Gesicht bekommen.

Facebook
Teresa Robinette, eine zweite Schwester, sagt zu NBC: «Ich fühle mich wie in einem bösen Traum.»

Teresa Robinette, eine zweite Schwester, sagt zu NBC: «Ich fühle mich wie in einem bösen Traum.»

Screenshot NBC News

Unterernährt, dreckig und bleich wie Vampire

Insgesamt seien sechs Opfer minderjährig, sieben seien zwischen 18 und 29 Jahre alt. «Die Opfer schienen alle unterernährt und sehr dreckig», heisst es im Polizeibericht. Beamte beschrieben die Kinder gegenüber Reportern als «bleich wie Vampire».

Bei dem Mädchen, das die Polizei alarmierte, handelt es sich um eine 17-Jährige. Die Polizei schätzte sie nach eigenen Angaben zunächst auf zehn Jahre. Das Mädchen habe im Haus ein Mobiltelefon gefunden, mit dem es den Notruf gewählt habe.

Wie lange die Geschwister festgehalten wurden, war zunächst unklar. Die ausgezehrten Opfer wurden zunächst mit Essen und Getränken versorgt. Jetzt werden sie in einem Spital versorgt. Das Personal beschrieb den Zustand der Opfer als «herzzerreissend».

«Wir erinnern uns hier an ein sehr nettes Paar»

Bei dem Vater der Kinder soll es sich nach einem Bericht des Lokalsenders KTLA um den Direktor einer Privatschule in Perris handeln. Die angemeldete Adresse der Schule sei mit der des Wohnhauses der Familie identisch, hiess es weiter. Demnach eröffnete die Schule im März 2011, verzeichnete aber lediglich sechs Schüler, wie aus Behördenunterlagen hervorgehe.

Laut «Los Angeles Times» wohnte das Paar nach einem Umzug aus Texas seit 2010 in Perris. Demnach ging es bereits zweimal pleite. Gerichtsunterlagen zufolge hätten beide im Zuge der Schul-Eröffnung 2011 zwischen 100'000 Dollar und einer halben Million Dollar Schulden angehäuft, berichtete die «New York Times». Der Vater habe im selben Jahr als Ingenieur für den Waffenkonzern Northrop Grumman gearbeitet für ein Jahressalär von 140'000 Dollar. Seine Ehefrau war Hausfrau.

Ihr Anwalt Ivan Trahan sagte der «Times», er habe die Kinder nie getroffen. «Wir erinnern uns hier an ein sehr nettes Paar», das in den höchsten Tönen von seinen Kindern gesprochen habe, sagte Trahan. Die Ehefrau habe ihm einmal gesagt, die Familie liebe Disneyland und besuche den Park häufig.

Familienidylle auf Facebook, Nachbarn ahnten nichts

Offenbar gab es vor der grausigen Entdeckung auch Zeiten einer augenscheinlich heilen Familienwelt: So sahen Nachbarn in dem gutbürgerlichen Viertel in der Vergangenheit einige der Kinder ausserhalb des Hauses. «Wir haben einige Teenager, vielleicht im vergangenen Jahr, den Rasen mähen sehen», sagte Julio Reyes. «Sie haben auch Weihnachtsschmuck angebracht.» Andere Bekannte beschrieben die Familie als sehr verschlossen. «Sie haben kein Wort gesagt», sagte ein Anwohner. «Man weiss, irgendwas ist komisch, aber man will nichts Schlechtes von anderen Leuten denken», sagt Kimberly Milligan der Zeitung. Ihr und anderen seien die Kinder, wenn sie sie denn einmal gesehen hätten, immer als sehr blass aufgefallen.

Auf Facebook finden unter dem Namen des Paars Hochzeitsfotos, auf denen die Eltern von ihren Kindern umringt posieren. Die Mädchen tragen alle das gleiche lila-rosafarbene Schottenmusterkleid, nur das Zweijährige ist ganz in Pink gekleidet; die drei Jungen tragen schwarze Anzüge. Das Bild wurde zwischen April und Juli 2014 hochgeladen. Offenbar haben Turpins ihr Ehegelübde mehrmals erneuert. Ein weiteres Foto vom April desselben Jahres zeigt Kinder und Eltern allesamt lächelnd im Freizeitlook.

Keine überzeugenden Erklärungen der Eltern

Die Grosseltern der Kinder, die Eltern des Vaters, sagten dem Sender ABC News sie seien «überrascht und geschockt». Sie wussten nur, dass ihre Enkel zuhause unterrichtet und sehr religiös erzogen würden. Sie hätten die Familie aber etwa vier bis fünf Jahre nicht gesehen und nur Telefonkontakt zu Sohn und Schwiegertochter gepflegt.

Bislang hätten die Eltern bei Vernehmungen keine überzeugenden Erklärungen für die schreckliche Situation ihrer Kinder geliefert, teilte die Polizei mit. Die beiden seien «nicht in der Lage gewesen, einen logischen Grund dafür anzugeben, warum ihre Kinder in dieser Weise festgehalten wurden», zitiert die «Times» die Polizei. Die Kautionssumme für eine etwaige Freilassung des Paars wurde auf neun Millionen Dollar festgesetzt. (chk/kko/sda/afp)

Deine Meinung