Aktualisiert 04.05.2018 06:09

Marcel Dobler

«Netzsperre lässt sich in 28 Sekunden aushebeln»

Digitec-Co-Gründer Marcel Dobler (37) warnt eindringlich vor dem neuen Geldspielgesetz. Dieses sei ein Kniefall vor der Casino-Lobby, so der FDP-Nationalrat.

von
daw
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Der Digitec-Mitgründer Marcel Dobler engagiert sich gegen das Geldspielgesetz.

Der Digitec-Mitgründer Marcel Dobler engagiert sich gegen das Geldspielgesetz.

Keystone/Lukas Lehmann
Als Bobfahrer liege ihm die Sportförderung am Herzen. Das neue Gesetz sei aber untauglich.

Als Bobfahrer liege ihm die Sportförderung am Herzen. Das neue Gesetz sei aber untauglich.

Keystone/urs Flueeler
kein Anbieter

Im Live-Chat von 20 Minuten hat Simonetta Sommaruga gesagt: Ohne das Gesetz fliesse immer mehr Geld ins Ausland ab, das der AHV und der Kultur zugutekäme. Schon heute gingen 250 Millionen Franken verloren. Ein starkes Argument!

Bei den 250 Millionen Franken handelt es sich bloss um eine unbestätigte Schätzung. Falsch ist aber vor allem das Argument selbst. Wer dem Sport und der AHV wirklich helfen will, muss das Gesetz ablehnen, das ausländische Online-Casinos aussperrt. Könnten diese in der Schweiz eine Konzession erwerben, würden die Einnahmen aufgrund des besseren Angebotes höher ausfallen.

Wieso das?

Man muss kein IT-Crack sein, um Netzsperren einfach umgehen zu können. Ich habe das in einem Video auf Twitter in 28 Sekunden demonstriert. Die Folge wird ein gigantischer Schwarzmarkt sein, bei dem kein Rappen an Abgaben anfällt. Nehmen Sie Poker als Beispiel: Der Schweizer Markt ist zu klein für lukrative Preisgelder. Den Spielern bleibt nur der Schwarzmarkt. Der Gesetzgeber hat auf Betreiben der Schweizer Casino-Lobby noch nicht einmal reine Online-Anbieter zugelassen, stattdessen muss man ein Casino betreiben, um Online-Spiele anbieten zu dürfen. Das Angebot der IT-fernen Beton-Casinos wird aber kaum mit jenem der heutigen Marktführer standhalten können.

Auf Twitter zeigt Dobler, wie sich die Zugangssperre mit wenigen Klicks umgehen lässt:

(Video: https://twitter.com/Marcel_Dobler)

Die Befürworter sagen, die Zugangssperren seien wie eine Abschrankung um eine Baugrube: Man könne sie überspringen, trotzdem wirke sie.

Ein Süchtiger, der unbedingt ein Pokerturnier spielen will, wird sich davon nicht bremsen lassen. Lächerlich ist, dass das Gesetz noch als Suchtprävention verkauft wird. Dabei wurden im Parlament auf Druck der Casino-Lobby alle Präventionsabgaben aus der Vorlage gestrichen.

Was ist so schlimm an der Zugangssperre? Bereits gibt es 17 europäische Länder, die Netzsperren kennen.

Das ist kein Ruhmesblatt. Die Frage ist, ob das System dort funktioniert und ob wir immer anderen EU-Staaten nacheifern müssen. Ich sage Nein. Es gibt auch Länder wie England oder Spanien, die auf ein liberales Konzessionierungsmodell ohne Netzsperren setzen. Bei den Netzsperren besteht die Gefahr, dass zu viele Seiten geblockt werden (Overblocking).

Sie sprechen viel von der Casino-Lobby. Das Referendum unterstützen aber ausländische Casinos mit 500'000 Franken. Haben sich Casinos mit Sitz in Malta oder Gibraltar die Abstimmung erkauft?

Die Jungfreisinnigen haben die Finanzierung offengelegt. Persönlich stehe ich nicht im Dienst von ausländischen Casinos, sondern engagiere mich aufgrund meiner liberalen Überzeugungen, meiner Biographie als Unternehmer und als Präsident von ICT Switzerland. Extrem ist das Lobbying der Befürworter: Eine Woche nach dem Referendum bekam ich von einem hiesigen Casino ein Verwaltungsratsmandat angeboten. Der Zeitpunkt ist delikat. Als Bobfahrer bin ich auch Mitglied bei Swiss Olympic. Alle Sportler bekamen in einem E-Mail eine Empfehlung, wie sie sich zu verhalten hätten.

Laut Simonetta Sommaruga können sich in der nächsten Vergaberunde auch ausländische Anbieter um eine Konzession bewerben, wenn sie mit einem Schweizer Casino zusammenspannen.

Der Verordnungsentwurf ist in diesem Punkt sehr schwammig. Man macht aber kein Abschottungsgesetz, um sich dann mit der ausländischen Konkurrenz ins Bett zu legen. Wenn man ausländische Anbieter hätte zulassen wollen, hätte man ein liberales Konzessionierungsmodell beschlossen. Und die Anbieter von Sportwetten sind mit dem geplanten Geldspielgesetz ohnehin ganz ausgeschlossen.

Sie warnen davor, dass eine Netzsperre ein gefährlicher Präzedenzfall sei. Warum?

Wir haben Angst, dass Netzsperren salonfähig werden. Ich wundere mich, dass noch niemand mit einer Netzsperren gegen Alibaba China-Päckli verhindern wollte. Auch Inhaber von Urheberrechten fordern immer wieder Netzsperren. Ich halte diese digitale Abschottung für gefährlich, da sie Innovation bremst.

Spielen Sie auch mal eine Partie Online-Poker, und was war Ihr höchster Gewinn?

Online spiele ich nicht, ich habe höchstens im Kollegenkreis gepokert. Der Einsatz war aber nie über 25 Franken.

Mit dem Gesetz werden kleinere Pokerturniere ausserhalb von Casinos legal, zudem müssen Lottogewinne bis zu einer Million Franken nicht mehr versteuert werden. Das müsste Sie doch freuen.

Das ist schön. Aber dieses Zückerchen reicht mir nicht, dass ich die Netzsperren akzeptieren kann, mit der die Casino-Lobby ihr Gärtchen schützen will.

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