Antibiotika-Apokalypse: Neu entdecktes Gen macht Antibiotika unwirksam

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Antibiotika-ApokalypseNeu entdecktes Gen macht Antibiotika unwirksam

In China haben Forscher Darmbakterien entdeckt, die selbst gegen hochwirksame Antibiotika immun sind. Schuld ist ein ebenfalls neues Gen.

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Jedes Jahr sterben laut Weltgesundheitsorganisation WHO rund 700'000 Menschen weltweit, weil Antibiotika gegen bestimmte Bakterien nicht mehr wirken. Bereits jetzt ist von einer globalen Gesundheitskrise die Rede, die «in allen Teilen der Welt ein gefährliches Ausmass erreicht», wie WHO-Generaldirektorin Margaret Chan am Montag in Genf erklärte.

Wie brenzlig die Situation ist, zeigt eine Studie von chinesischen Forschern, die bei Routineuntersuchungen von Schweinen und Hühnern ein Gen namens MCR-1 entdeckt haben, das Krankheitserreger immun gegen hochwirksame Antibiotika werden lässt.

Besorgniserregendes Ergebnis

In gleich fünf südchinesischen Provinzen stiess das Team um Jian-Hua Liu von der South China Agricultural University in Guangzhou auf resistente Formen des Darmbakteriums Escherichia coli (E. coli), die weder auf das Antibiotikum Colistin noch auf sogenannte Polymyxine reagierten. Normalerweise stellt diese Gruppe von Antibiotika den letzten Ausweg für Patienten mit multiresistenten Keimen dar.

Um dem Ganzen auf den Grund zu gehen, schauten sich die Forscher die resistenten Keime genauer an und entdeckten, dass jeder einzelne Plasmide (siehe Box) mit dem neu entdeckten Gen in sich trug. Ein Umstand, der die Forscher besorgt, wie sie im Fachjournal «The Lancet Infectious Diseases» schreiben: Aufgrund dessen kann das Gen schnell von einer Bakterienart an andere weitergegeben werden.

Dass das offensichtlich bereits passiert ist, zeigte eine spätere Entdeckung der Forscher: Sie konnten MCR-1 auch in Proben des Darmbakteriums Klebsiella pneumoniae nachweisen.

Post-antibiotische Ära

Laut Medienmitteilung trugen 20 Prozent der untersuchten 804 Tiere E.-coli-Bakterien mit dem Resistenz-Gen in sich. Weiter fanden Liu und seine Kollegen sie in 15 Prozent der Proben von rohem Fleisch (78 von 523). Doch das ist noch nicht alles: In Spitälern in den Provinzen Guandong und Zhejiang wurde MCR-1 ausserdem bei 16 von 1322 menschlichen Proben entdeckt.

Die Forscher sprechen von «extrem besorgniserregenden Ergebnissen». Ihnen zufolge hat das Gen sogar «Epidemie-Potenzial». Zwar kommt MCR-1 nach bisherigem Wissensstand bislang nur in China vor, aber eine weltweite Verbreitung ist laut der Mitteilung nur eine Frage der Zeit. Die Folgen wären schrecklich: «Dann werden wir sehr wahrscheinlich den Beginn der post-antibiotischen Ära erreichen», zitiert «Spiegel Online» den ebenfalls an der Studie beteiligten Timothy Walsh von der Universität Cardiff.

(fee/sda)

Was sind Plasmide?

Es handelt sich dabei um in Bakterien vorkommende kleine ringförmige DNA-Moleküle, die unter natürlichen Bedingungen zwischen verschiedenen Zellen ausgetauscht werden. Sie existieren zusätzlich zur Erbinformation des Hauptchromosoms und sind in der Lage, sich autonom zu vervielfältigen.

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