Korrigierte Statistik: Neue BAG-Zahlen zu Ansteckungsorten helfen nicht weiter
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Korrigierte StatistikNeue BAG-Zahlen zu Ansteckungsorten helfen nicht weiter

Mit den falschen Zahlen zu den Ansteckungsorten hat das BAG ein Eigentor geschossen. Nun gibt es auch noch Kritik der Wissenschafts-Taskforce für die korrekte Version der Statistik.

von
Sven Forster
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Das BAG hat falsche Zahlen zu Ansteckungen in Clubs veröffentlicht.

Das BAG hat falsche Zahlen zu Ansteckungen in Clubs veröffentlicht.

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Das Problem der BAG-Zahlen. Man weiss nur von wenigen Fällen den genauen Ansteckungsort.

Das Problem der BAG-Zahlen. Man weiss nur von wenigen Fällen den genauen Ansteckungsort.

Darum gehts

  • Das BAG hat falsche Zahlen zu den Ansteckungsorten publiziert.
  • Die korrigierten Angaben sind allerdings auch nicht zufriedenstellend.
  • Ein Professor der wissenschaftlichen Corona-Taskforce stellt die Angaben in Frage.

Am Freitag veröffentlichte das «SRF», bezugnehmend auf Zahlen des BAG, erstmals nationale Zahlen zu Ansteckungsorten. Das Problem: Die Daten des Bundesamtes waren falsch. Am Sonntag entschuldigte sich das BAG für diese Statistik.

Die Korrektur brachte völlig andere Zahlen ans Licht. Hiess es in der ursprünglichen Fassung noch, 41,6 Prozent der ausgewerteten Fälle gingen auf einen Clubbesuch zurück, schrumpft diese Zahl mit den korrekten Angaben auf 1,9 Prozent. Die Ansteckungen in einer Bar oder in einem Restaurant betragen gemäss BAG nicht 26,8 Prozent, wie am Freitag publiziert, sondern lediglich 1,6 Prozent. Am häufigsten wird das Coronavirus demnach in der Familie weitergegeben, gefolgt vom Arbeitsplatz.

Neben dem Spott und Hohn der Bevölkerung wird das Bundesamt für Gesundheit jetzt auch noch von der wissenschaftlichen Corona-Taskforce kritisiert. ETH-Professor Sebastian Bonhoeffer leitet den Bereich «Data and modelling». Er sagt gegenüber dem «Tages-Anzeiger»: Es sei «sehr bedauerlich», dass falsche Daten an die Öffentlichkeit gelangt seien und Verwirrung verursacht hätten.

Contact Tracer arbeiten mit unterschiedlichen Systemen

Auch bei den korrekten Zahlen stellen sich mehrere Fragen. Bonhoeffer weiter: «Zuerst einmal ist es wichtig zu prüfen, wie belastbar die Daten tatsächlich sind.» Er bezieht sich darauf, dass der Bund von 2000 ausgewerteten Neuansteckungen nur von 473 Fällen den Ansteckungsort herausfinden konnte. Für Bonhoeffer sei nicht überraschend, dass viele Fälle auf die Familie zurückzuführen seien. «Schliesslich lässt sich eine solche Infektionskette in der Regel leichter nachverfolgen, als wenn sich jemand in einem Club ansteckt.»

Für Bonhoeffer ist klar: «Es wäre sicher falsch, aus den Daten zu folgern, dass von Clubs nur ein geringes Ansteckungsrisiko ausgeht.» Der ETH-Professor sieht auch ein Problem in der kantonalen Arbeit. Die Angaben der Contact-Tracer seien landesweit nicht verfügbar, da die Kantone mit unterschiedlichen Systemen arbeiteten.

Die Science-Taskforce wird bislang aussen vorgelassen. Dabei würde man gerne einen grösseren Beitrag zur epidemiologischen Lagebeurteilung leisten. «Leider haben wir bislang aber keinen direkten Zugang zu solchen Daten», so Bonhoeffer. Grund für diese Tatsache sei der Datenschutz. Das könnte man laut Bonhoeffer allerdings auch mit vereinfachten Datensätzen.

Kritik und Pannen

Das BAG steht in der Pandemie nicht zum ersten Mal in der Kritik. Die Chronologie:

• Im Juli berichtete der «Tages-Anzeiger», dass Airlines handschriftlich ausgefüllte Kontaktkarten mit Passagierdaten am Flughafen Zürich für 14 Tage einlagern. Kommt es zu einem Fall, müssten die Zettel eingescannt und nach Bern geschickt werden. Das BAG sagte damals, man prüfe ein elektronisches System.

• Im Mai vermeldete das BAG via Twitter 98 Neuinfektionen. Weil ein Labor falsche Zahlen durchgab, musste der Wert anschliessend auf 58 korrigiert werden.

• Im April musste das BAG die Todesfallstatistik korrigieren. Der vermeintliche Tod eines Mädchens (9) hatte für Schlagzeilen gesorgt. Das Opfer war in Tat und Wahrheit aber 109 Jahre alt. Ein anderer Toter war 87 statt 27.

• Schon ganz zu Beginn der Pandemie gab es «Anfangsschwierigkeiten»: Die neu lancierte Corona-Info-Hotline funktionierte in den ersten Stunden nicht.

• Inzwischen empfiehlt das BAG den Kantonen eine Maskenpflicht in Läden. Zu Beginn hiess es beim Bund stets, es bringe nichts, wenn die breite Bevölkerung Maske trägt.

Deine Meinung

576 Kommentare
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Coronese

06.08.2020, 01:34

Das ganze BAG hilft auch nicht weiter, Kantone schlafen, BR ist im Urlaub, oder schon wieder im Cüpli-Gschpänli Modus. Swissnes at its best.

Murmeli

05.08.2020, 23:28

Fehler sind menschlich! Ich stelle mir nur die Frage, wieso in den Reihen des Corona-National-Team so keine Frauen sichtbar sind! Wer versteckt da wen hinter Masken? Wenn die Kommunikation für die Corona-Wahrheit weiterhin so reibungslos "richtig" läuft, wird es wohl dazu kommen müssen; dass ein Puk-Team auf Steuerkosten Licht ins Dunkel bringen wird! Schade eigentlich. Eine saubere, ehrliche und zeitnahe Kommunikation hätten wir doch alle verdient!

Absurdistan

05.08.2020, 22:38

Fehler passieren überall. Aber wenn mehrere Leute, die täglich damit zu tun haben, nicht merken, dass die Daten um Grössenordnungen falsch sind, stellen sich schon Fragen. Nun hat man falsche durch irrelevante Daten ersetzt. Nur die letzten zwei Wochen, nur die Hälfte der Fälle, jede zweite Antwort weiss nicht. Wer soll daraus schlau werden? Die starke Zunahme, die Ende Juni zu einem grossen Teil auf den Zürcher Ausgang (sowie einen Vorfall in Spreitenbach AG) zurückzuführen war, ist darin nicht enthalten. Die Kantonsregierung beschloss damals, nach dem Prinzip Hoffnung abzuwarten. Heute in ZH wieder über 50 Fälle, seltsamerweise fünf Tage nach dem letzten Freitagabend... Ungefährlich ist der Ausgang keineswegs! Stattdessen will man Schüler und Einkaufende zu Masken verdonnern, obwohl es dort kaum Vorfälle gab. Kehrt schleunigst zurück zur Logik, sonst nimmt die Massnahmen bald keiner mehr ernst!