Zwei Millimeter zum Essen - Neue Diät-Zahnspange sperrt den Trägern den Kiefer zu
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Zwei Millimeter zum EssenNeue Diät-Zahnspange sperrt den Trägern den Kiefer zu

Die Idee mutet brachial an und ist doch gut gemeint: Neuseeländische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben einen Abnehm-Apparat entwickelt, der manch einen an alte Zeiten erinnert.

von
Fee Anabelle Riebeling
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Auf den ersten Blick verstört die DentalSlim-Diet-Control, die von Forschenden der University of Otago entwickelt wurde, nicht. Sie erinnert an eine Art Mini-Zahnspange. 

Auf den ersten Blick verstört die DentalSlim-Diet-Control, die von Forschenden der University of Otago entwickelt wurde, nicht. Sie erinnert an eine Art Mini-Zahnspange.

University of Otago
Erst auf den zweiten Blick wird klar, wie die Apparatur genau funktioniert: Sie muss vom Zahnarzt an den oberen und unteren Backenzähnen angebracht werden. Magnetische Vorrichtungen verhindern dann mit einem speziell angefertigten Verschlussbolzen, dass der Mund weiter als zwei Millimeter geöffnet wird.

Erst auf den zweiten Blick wird klar, wie die Apparatur genau funktioniert: Sie muss vom Zahnarzt an den oberen und unteren Backenzähnen angebracht werden. Magnetische Vorrichtungen verhindern dann mit einem speziell angefertigten Verschlussbolzen, dass der Mund weiter als zwei Millimeter geöffnet wird.

Nature 2021
Dadurch liegt für den Träger erstmal nur Flüssignahrung drin, so die Verantwortlichen. Auf diese Weise soll adipösen Menschen beim Abnehmen geholfen werden. 

Dadurch liegt für den Träger erstmal nur Flüssignahrung drin, so die Verantwortlichen. Auf diese Weise soll adipösen Menschen beim Abnehmen geholfen werden.

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Darum gehts

  • Die Präsentation einer neuen Art Abnehm-Hilfe hat auf Twitter für einen Aufschrei gesorgt.

  • Nicht nur ein User schrieb empört «Folterinstrument».

  • Tatsächlich erinnert das Gerät an grausige Zeiten in der Medizin.

  • Dabei soll die Apparatur nicht nur unproblematisch sein, sondern auch Gutes bewirken.

Zwei Millimeter: So gross – oder eben klein – ist die Lücke, die Trägern des DentalSlim-Diet-Control bleibt, um Nahrung zu sich zu nehmen. Das heisst: Es liegt nur Flüssignahrung drin. Entwickelt haben das Gerät, das laut Medienmitteilung das weltweit erste seiner Art ist, Forscherinnen und Forscher der University of Otago in Neuseeland. Damit wollen sie helfen, die «globale Adipositas-Epidemie» zu bekämpfen (siehe Box).

Übergewicht ist problematisch

Weltweit leiden mehrere 100 Millionen Menschen an Fettleibigkeit. Allein in der Schweiz sind es laut der Schweizerischen Adipositas-Stiftung rund 500’000 Personen, die einen Body-Mass-Index von 30 oder mehr haben. Und das birgt nicht nur Risiken im Zusammenhang mit Covid-19, sondern birgt auch noch weitere Gesundheitsgefahren wie Typ-2-Diabetes und koronare Herzerkrankungen. «Zudem können psychologische Symptome wie Scham, Depression und Verlust des Selbstwertgefühls auftreten, und fettleibige Menschen können unter Essstörungen zusammen mit Stigmatisierung und Diskriminierung leiden», sagt Paul Brunton, leitender Forscher beim Projekt DentalSlim-Diet-Control und Pro-Vize-Kanzler an der University of Otago's Division of Health Sciences.

Bei der DentalSlim-Diet-Control handelt es sich um ein sogenannt intra-orales Gerät: eine Arzt Mini-Zahnspange, die vom Zahnarzt an den oberen und unteren Backenzähnen angebracht wird. Es verwendet magnetische Vorrichtungen mit einem speziell angefertigten Verschlussbolzen, die verhindern, dass der Mund weiter als zwei Millimeter geöffnet wird. Im Notfall könne sie vom Träger aber mithilfe eines mitgelieferten Werkzeugs gelöst werden, teilt die Hochschule mit. In der Studie zum Gerät tat das aber keiner der Teilnehmer.

«Eines der entsetzlichsten Dinge, die ich je gesehen habe»

Doch die gut gemeinte Entwicklung, die den Probanden der Studie durchschnittlich einen Gewichtsverlust von 6,36 Kilogramm bescherte, kommt nicht bei allen Menschen gut an: Auf Twitter, wo die Universität die Kunde von dem neuen Gerät teilte, ist mehrfach von «Foltergerät» die Rede. Andere richten ihr Wort direkt an die Forschenden: «Ihr seid gruselig, holt euch Hilfe und entwickelt bitte ein Schamgefühl.» Userin Süsskartoffel kommentiert: «Dies ist eines der entsetzlichsten Dinge, die ich je gesehen habe.»

Tatsächlich erinnert der Abnehm-Appart an eine längst überholte Praxis: In den 1970er- und 1980er-Jahren gab es eine Zeit, in Ärzte die Kiefer ihrer Patienten bis zu einem Jahr lang verdrahteten, um ihnen beim Abnehmen zu helfen. Doch das Vorgehen barg Risiken: Erbrechen brachte die Gefahr des Erstickens mit sich und nach neun bis zwölf Monaten entwickelten die Patienten Zahnfleischerkrankungen. In einigen Fällen gab es anhaltende Probleme mit der Einschränkung der Kieferbewegung und einige entwickelten akute psychiatrische Zustände.

Klarstellung und Erklärung

Doch damit soll die DentalSlim-Diet-Control nichts gemein haben, beeilte sich die Hochschule angesichts der riesigen Welle der Entrüstung klarzustellen: «Das Gerät ist nicht als schnelles oder langfristiges Werkzeug zur Gewichtsabnahme gedacht.» Vielmehr soll es Menschen helfen, die sich einer Operation unterziehen müssen, diese aber nicht durchführen können, weil sie zu viel Gewicht auf die Waage bringen. Oder für Personen mit Typ-2-Diabetes, bei denen Abnehmen Abhilfe schaffen kann.

«Nach zwei oder drei Wochen können sie die Magnete abnehmen und das Gerät entfernen lassen. Sie könnten dann eine Phase mit einer weniger eingeschränkten Diät haben und dann wieder in die Behandlung gehen. Dies würde einen schrittweisen Ansatz zur Gewichtsabnahme ermöglichen, unterstützt durch die Beratung durch einen Ernährungsberater», heisst es in der aktualisierten Mitteilung.

Richtigstellung der Hochschule

«Das Haupthindernis für Menschen für eine erfolgreiche Gewichtsabnahme ist der Durchhaltewillen, den es braucht, um neue Gewohnheiten zu etablieren, so dass sie eine kalorienarme Diät für einen bestimmten Zeitraum einhalten können», so der hauptverantwortliche Professor, Paul Brunton. «Es bringt den Prozess wirklich in Gang.» Zudem sei es eine nicht-invasive, reversible, wirtschaftliche und attraktive Alternative zu chirurgischen Eingriffen.

Der letzte Punkt findet immerhin bei einem Twitterer Anklang. Im ersten Moment habe er die Apparatur auch für entsetzlich gehalten, kommentiert Nutzer Wolfgang Müller. Im zweiten sei das anders gewesen: «Wenn man damit eine Magenoperation vermeiden kann, dann ist es das vielleicht Wert?»

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