14.10.2020 15:03

IsocyanateNeue Giftstoffe in E-Zigi-Rauch nachgewiesen

Eine neue Studie zeigt: Bestimmte E-Zigaretten setzen mit dem Rauch gefährliche Giftstoffe frei. Die genaue Menge ist aber noch unbekannt.

von
Raphael Knecht
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Nicht nur im Filter, sondern auch im Rauch von bestimmten E-Zigaretten werden Isocyanate freigesetzt.

Nicht nur im Filter, sondern auch im Rauch von bestimmten E-Zigaretten werden Isocyanate freigesetzt.

Getty Images/iStockphoto
Das zeigt eine neue Studie zu Iqos-Zigaretten.

Das zeigt eine neue Studie zu Iqos-Zigaretten.

imago/Kyodo News
Die Produkte stammen aus dem Hause Philip Morris.

Die Produkte stammen aus dem Hause Philip Morris.

AFP

Darum gehts

  • Die E-Zigaretten Iqos setzen Isocyanate frei.
  • Die genaue Menge ist aber nicht bekannt.
  • Hersteller Philip Morris geht von sehr niedrigen Konzentrationen aus.

Bei den beliebten E-Zigaretten der Marke Iqos landen gefährliche Giftstoffe im Rauch. Das zeigt eine neue Studie, die ein Labor im Auftrag des Blauen Kreuzes Bern-Solothurn-Freiburg durchgeführt hat. Es handelt sich dabei um sogenannte Isocyanate. Diese Stoffe können Reizungen und Entzündungen von Atemwegen, Haut und Augen sowie Asthma verursachen. Zudem wurden die ebenfalls giftigen Stoffe Anilin und 2,6-Diisopropylanilin nachgewiesen.

Der Prüfbericht liegt 20 Minuten vor und zeigt, dass die Stoffe im Rauch vorhanden sind. Ob die Mengen gross genug sind, um dem Raucher zu schaden, ist hingegen unklar.

80’000 E-Zigaretten pro Tag

Der Tabakkonzern und Iqos-Hersteller Philip Morris beschwichtigt denn auch: Da die Autoren der Studie mit ihrer Methodik nicht in der Lage waren, die Stoffe mengenmässig zu bestimmen, gehe man davon aus, dass die Werte 1000-mal niedriger als die Grenzwerte der Suva sind. «Um toxikologisch bedenkliche Konzentrationen zu erreichen, müsste eine Person mehr als 80’000 Sticks innert eines einzigen Tages konsumieren», sagt Sprecher Julian Pidoux zu 20 Minuten.

Das Blaue Kreuz betont hingegen, die Studie lasse keine konkreten Rückschlüsse über die Menge zu. «Wir können aber damit aufzeigen, dass die giftigen Stoffe effektiv im Rauch zu finden sind», sagt Markus Wildermuth von der Suchtprävention des Blauen Kreuzes zu 20 Minuten. Bereits vor einem Jahr hat das Blaue Kreuz festgestellt, dass sich im Filter der Iqos-Zigaretten Isocyanate lösen. Damals war aber noch unklar, ob die Stoffe im Rauch landen.

Werte könnten höher sein

Auch Toxikologie-Professor Michael Arand von der Universität Zürich sagt, die Studie lasse keinen Rückschluss darauf zu, wie viel Isocyanate effektiv im Rauch landen. Es sei durchaus denkbar, dass die Werte höher sind als vom Hersteller angenommen. Allerdings müssten sie schon sehr viel höher sein, damit die Giftstoffe eine Gefahr für die Konsumenten darstellen würden. «Die Analyse ist seriös gemacht, aber sie bietet weder eine Entwarnung noch einen Grund zur Sorge», sagt Arand zu 20 Minuten.

Isocyanate

«Das ist ein Teufelszeug»

Isocyanate werden vor allem bei der Herstellung von Baumaterialien wie etwa Klebstoffen und Farben verwendet. Darum können insbesondere Bauarbeiter diesen Stoffen ausgesetzt werden. Laut Suva kommt es bei übermässig hohen Expositionen zu Reizungen und Entzündungen an den Atemwegen, der Haut und den Augen. Bei extrem hohen Luftkonzentrationen könne sich auch ein Lungenödem entwickeln. Manche Isocyanate verursachen zudem Asthma. In einem besonders schweren Industrieunglück im indischen Bhopal 1984 wurden fast 40 Tonnen Isocyanate freigesetzt. Rund 3500 Personen in Bhopal verloren innert Tagen ihr Leben, Zehntausende starben noch Jahre danach an den Folgen, und viele weitere Menschen trugen schwere Schäden davon. «Das ist ein Teufelszeug», sagt Toxikologie-Professor Michael Arand zu 20 Minuten. Ausschlaggebend sei aber die Konzentration des Giftstoffs. Die Suva erlaubt 0,02 Milligramm pro Kubikmeter eingeatmete Luft über einen Zeitraum von 8 Stunden pro Tag. Bei den Untersuchungen zu den Iqos-Verdampfern wurde hingegen im Nanogramm-Bereich gemessen.

Mit der Studie will das Blaue Kreuz Forschende dazu ermuntern, eine gross angelegte Untersuchung des Iqos-Rauchs zu starten, sagt Wildermuth: «Die genaue Messung der Mengen ist teuer – dazu braucht es die Unterstützung eines Geldgebers, etwa des Schweizerischen Nationalfonds.»

Beim Schweizerischen Nationalfonds (SNF) heisst es, man unterstütze jede wissenschaftliche Untersuchung, sofern die Voraussetzungen erfüllt seien. Das Blaue Kreuz müsste sich dazu mit Forschern zusammentun, da es selbst keine wissenschaftliche Institution sei. Der SNF unterstützt bereits jetzt ein grösseres Projekt des Berner Instituts für Hausarztmedizin zum Thema E-Zigaretten.

Philip Morris veröffentlicht seine Studien nicht

Der Tabakkonzern selbst schreibt, man habe bereits mehrere Studien zu Isocyanaten durchgeführt. Sie würden zeigen, dass die Stoffe nicht oder nur in geringen Mengen – weit unter den Suva-Grenzwerten – vorhanden seien. Die Berichte zu diesen Studien wollte Philip Morris aber nicht zur Verfügung stellen. Die wissenschaftliche Publikation sei in Vorbereitung.

Philip Morris begrüsst grundsätzlich, dass unabhängige Studien zu Iqos-Produkten durchgeführt werden. Der Konzern kritisiert allerdings, dass die aktuelle Untersuchung bisher keinen wissenschaftlichen Peer-Review-Prozess durchlaufen habe. Sie wurde also nicht von anderen, unabhängigen Wissenschaftlern beurteilt. Dass das Blaue Kreuz nun mit den Ergebnissen an die Öffentlichkeit gehe, sei unfair. Denn vom Konzern selbst werde erwartet, dass seine Studien zuerst von anderen Wissenschaftlern abgesegnet werden.

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68 Kommentare
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Habakuk Tibatong

15.10.2020, 09:29

Bei solchen Berichten vermisse ich: - Angaben von E-Zigaretten - Angaben von Dampfern - Angaben von Zigaretten zum Vergleichen. Es wird hauptsächlich auf den neuen Produkten rumgehackt, aber die Schädlichkeit von Zigarette und Co. verschwiegen.

Andrsch

15.10.2020, 08:27

ich bin Vaper, also Dampfer. also nicht mit E-Zigis wie Juul und Co. sondern mische mir meine Liquids selber. ich benutze dazu industriell gefertigte Verdampferköpfe. ich empfinde dabei immer wieder einen etwas "chemischen Geschmack" bei den ersten paar Zügen, wenn ich den Verdampferkopf auswechselte. zudem passiert mir immer wieder mal ein "dry-hit", was sehr unangenehm ist. (Inhalation bei ausgetrockneter Watte) mich würde schon lange interessieren ob es dazu "Schadstoff-Untersuchungen" gibt. auch zu der eventuellen Zunahme der Schadstoff-Entwicklung, wenn sich die Lebensdauer des Verdampferkopfes dem Ende zuneigt (Watte wird immer schwärzer) oder bereits leicht "kokelt". (ich konnte übrigens meinen Nikotinkonsum massiv drosseln mit dem dampfen, bin nahezu bei "0", und rauche als jahrzehntelanger Raucher (1 Pkt/Tag) seit fast 2 Jahren keine Zigarette mehr)

Peter Sokoll

15.10.2020, 07:24

E-Zigaretten erzeugen Dampf keinen Rauch....