Aktualisiert 04.01.2013 10:10

St. Moritz

«Neue Romantik verdrängt das Schickimicki»

Die Krise ist vorbei: In St. Moritz wird Geld ausgegeben wie früher, sagt Ex-Kurdirektor Hans Peter Danuser. Auch junge Gäste würden vermehrt wieder auf alte Werte setzen.

von
Sabina Sturzenegger
Der «Kurdirektor» schlechthin: Hans Peter Danuser.

Der «Kurdirektor» schlechthin: Hans Peter Danuser.

Wie ist St. Moritz in die Wintersaison gestartet?

Hans Peter Danuser: Es war wieder wie früher. Alles ist verschneit, wir hatten perfekte Pisten und Loipen. Die Stimmung unter den Gästen war hervorragend.

Ist keine Krisenstimmung mehr spürbar?

Nein. Es herrscht tatsächlich seit 2008, als die Finanzkrise richtig ausbrach, zum ersten Mal wieder grossartige Stimmung. Das erkennt man an der Schlange vor dem Nachtclub Kings Club im Badrutt's Palace. Oder am Ansturm auf die Bijouterien, und nicht zuletzt am Verkehrsstau. Aber das gehört in St. Moritz in der Hochsaison dazu.

Wer sind die illustren Gäste, die zurzeit im Oberengadin Ferien machen?

Russische Oligarchen, viele Stammgäste aus Deutschland und der Schweiz. Darunter sind auffallend viele junge Leute. Ich würde sagen, zwei Drittel der Gäste zurzeit sind unter 40.

Woran liegt das?

Es ist wieder «in», sich gut gekleidet an Galas und Cocktails zu zeigen. Es sind nicht nur reiche Hotelgäste, sondern auch viele Kinder von Zweitwohnungsbesitzern, die hier in den Ferien sind. Es hat ein Generationenwechsel stattgefunden.

Wo waren denn diese Jungen bis anhin?

Es war hipp, in den Club Med zu gehen oder nach Ischgl, wo es «Halligalli» gibt von nachmittags bis Mitternacht. Viele haben auch die Wärme bevorzugt und verbrachten ihre Ferien zum Beispiel auf den Malediven. Jetzt gibt es wieder einen Trend, Skiurlaub in St. Moritz zu machen.

Apropos Zweitwohnungsbesitzer: Viele von ihnen sind ziemlich sauer …

Ja, und teilweise zu Recht. Die Hotelgäste werden ihnen gegenüber immer stärker privilegiert. Sie bekommen beispielsweise ab der zweiten Übernachtung den Skipass für 25 statt für 75 Franken. Dafür will man die Zweitwohnungsbesitzer mit immer mehr Gebühren und Abgaben bestrafen, wenn sie ihre Wohnung nicht vermieten. Das ist problematisch und führt zu Konflikten und schlechter Stimmung im Tal.

Was müsste man tun?

Die Bergbahnen sollten auch den Zweitwohnungsbesitzern gewisse Reduktionen anbieten. Gleichzeitig muss man die Hausbesitzer dazu bringen, ihre Wohnungen mehr zu vermieten. Aber rückwirkend darf man sie nicht belasten.

Zerstört die Zweitwohnungsinitiative im Tourismus mehr als sie bringt?

Nein, für den Tourismus ist es gut, dass es Schranken gibt. Aber für die Einheimischen wird es schwierig.

Warum?

Land und Wohnraum sind schon jetzt für sie in St. Moritz unerschwinglich, und es wird durch die Verknappung noch schlimmer. Viele von ihnen müssen nach Samedan, Zuoz, Madulain oder Zernez ausweichen. Das verursacht wieder mehr Verkehr, weil alle pendeln.

Sie waren 30 Jahre lang St. Moritzer Kurdirektor. Was hätten Sie besser machen können?

Ich war schon immer der Meinung, dass 60 Prozent Zweitwohnungen wie im Oberengadin zu viel sind. Ich begrüsse die Beschränkung des Zweitwohnungsbaus. Das hätten wir schon viel früher einführen sollen, wie die Tiroler oder die Vorarlberger.

Wie hat sich der Tourismus verändert?

In den letzten Jahren hat eine Zeitenwende stattgefunden. Nach Jahrzehnten des wilden Bauens besinnt man sich auch hier wieder mehr auf die Natur. Der Bär und der Bartgeier kommen zurück, der Nationalpark feiert nächstes Jahr sein 100-Jahr-Jubiläum. Man macht sich auch hier Gedanken über die Energiewende. Und PC Fueter macht einen Kinofilm über den «Schellenursli» – die neue Romantik verdrängt das «Schickimicki».

Dennoch: Wie kommt der Schweizer Tourismus wieder aus dem Jammertal?

Es gibt viele gute Betriebe bei uns, sowohl in der Hotellerie als auch bei der Infrastruktur. Dennoch dürfen wir nicht aufhören, nach dem Besonderen für die Gäste zu suchen. Die Hoteliers müssen mehr nach Spezialitäten und Nischen suchen und sich ganz bewusst und individuell um ihre Gäste kümmern. Das machen unsere Nachbarn im Osten bereits mit Hingabe.

Sie sagen kaum etwas zum starken Franken – gemäss den Schweizer Touristikern der grösste «Sündenbock»…

Wir haben ungleich lange Spiesse mit dem umliegenden Europa, was die Kosten und die Währung angeht, das stimmt. Aber es geht auch darum, der Marke Schweiz und gleichzeitig auch ihrer starken Währung wieder mehr Profil zu geben. Der Schweizer Tourismus braucht weniger Mainstream und mehr Profil.

Sie beraten unter anderen den ägyptischen Investor Samih Sawiris mit seinem Mega-Projekt in Andermatt. Wie zuversichtlich sind Sie noch?

Sehen Sie, als Schweizer ist man sich solche Projekte nicht gewöhnt. Sawiris ist ein Stratege, der in Jahrzehnten denkt, Schweizer denken in Monaten. Aber ich bin überzeugt, dass der Kern des Projektes erfolgreich wird.

Was macht Sie da so sicher?

Gerade, was die Zweiwohnungsinitiative angeht, ist das Projekt nicht betroffen. Es ist also zeitlich sehr gut gelegen. Es ist aber auch geografisch, zwischen Mailand und Zürich, in diesem schwach besiedelten Urserntal, das bald über ein grosses Skigebiet verfügt, hervorragend gelegen.

Ist es vorbildlich für die Schweiz?

Leider wird es in der Schweiz kein ähnliches Projekt mehr geben. Andermatt Swissalps wird ein einmaliges Jahrhundertprojekt sein in unserem Land.

Hans Peter Danuser (65) gilt als «berühmtester Kurdirektor der Welt». 30 Jahre lang (von 1978 bis 2008) hatte er dieses Amt für St. Moritz inne. 1985 machte er den Ortsnamen zu einer Marke. Von 2008 bis 2012 vertrat Danuser die Deutsche Bank (Schweiz) AG im Repräsentanzbüro St. Moritz. Heute berät er Destinationen wie Ascona Locarno, Davos Klosters und Andermatt. Seit 2010 hat er einen Lehrauftrag der ETH Zürich für Markenmanagement. (egg)

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