Neue Spielregeln im Arbeitsmarkt

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Neue Spielregeln im Arbeitsmarkt

Wie entwickelt sich die Arbeitswelt in den nächsten Jahren und Jahrzehnten? Zukunftsforscherin Imke Keicher weiss Antworten.

Zu Jahresbeginn haben Zukunftsprognosen Hochkonjunktur. Was denken Sie, wo liegen die Stärken des Wirtschaftsstandortes Schweiz in 30 Jahren?

Imke Keicher: Die Schweiz hat das grosse Glück, ein Magnet für Menschen mit guter Ausbildung zu sein. Wenn es gelingt, diesen Wettbewerbsfaktor zu stärken, sichert sich die Schweiz das wichtigste Kapital der Zukunft: kluge, kreative Köpfe. Und dass damit nicht nur Männer gemeint sein können, versteht sich von selbst. Auch wenn die Schweiz nicht gerade zu den Vorreitern zählt, was die Einflussnahme von Frauen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft anbelangt, beobachten wir diesen Trend weltweit.

Werden umgekehrt die Männer bisher eher klassische Frauenarbeiten über - nehmen, beispielsweise in der Erziehung der Kinder?

Davon können wir ausgehen. Allerdings ist hier der Veränderungsmotor vor allem ein sich veränderndes Bewusstsein bei den Männern. Die fragen sich nämlich immer mehr, was sie eigentlich vom klassischen Rollenbild haben, ausser frühe Burnouts, Depressionen und hohe monatliche Belastungen, wenn es zur Scheidung oder Trennung kommt. Auch Männer wollen gute Beziehungen zu ihren Kindern und Räume, um ihre emotionale Seite zu leben. Sich an der Kindererziehung zu beteiligen ist dabei keine lästige Pflicht, sondern eine Chance für ein erfüllteres Leben.

Heute gelten Fachkompetenz, Teamfähigkeit, Flexibilität und Loyalität als wichtigen Voraussetzungen, um auf dem Arbeitsmarkt erfolgreich zu sein. Und in Zukunft?

Die Spielregeln auf den Arbeitsmärkten ändern sich gerade, da Kreativität und Empathiefähigkeit immer wichtiger werden. Nur wer eine andere Perspektive einnehmen kann, sich in seine Kollegen, Mitarbeiter und vor allem in seine Kunden hineinversetzen kann, ist in der Lage, Lösungen und Innovationen zu entwickeln, die wirken, weil sie genau auf die Lebensrealität der Menschen abgestimmt sind. Unsere Märkte sind gesättigt – wir erleben allerorten materiellen Überfluss. «Einen Unterschied machen», sich mit authentischen Innovationen zu differenzieren, ist deshalb eine Kernherausforderung für die Zukunft.

Was raten Sie den Menschen, um für den Arbeitsmarkt der Zukunft gerüstet zu sein?

Die Zeit der Patentrezepte ist vorüber. Aber wer konsequent auf seine Uniquability setzt, hat einen stabilen Ankerpunkt. Uniquability ist die Fähigkeit ganz genau zu wissen, wo meine speziellen Stärken und Talente liegen, was mir Freude macht und wofür ich besonders viel Energie aufbringen kann. Und genau dieses Set an Talenten sollte jeder stärken und mit seinem beruflichen Werdegang verknüpfen. Dann braucht es Offenheit, Mut und Selbstbewusstsein, eigene, individuelle Wege zu beschreiten und sich auf die neuen Berufsbilder einzulassen oder am besten gleich selbst mitzugestalten. Denn eines ist klar: Das Veränderungstempo nimmt weiter zu. In zehn Jahren werden wir viele neue Berufe haben.

Zum Beispiel?

Der Downaging-Trainer, der mentale und physische Alterungserscheinungen bei Men schen in Unternehmen minimiert. Oder der Biografie- Designer, von dem sich Menschen beraten lassen, wie sie ihre Uniquability in ihrem Lebenskonzept umsetzen. Wer hier Offenheit zeigt und nicht erwartet, mit einer «guten Ausbildung» ein für alle mal ausgesorgt zu haben, hat die besten Chancen auf unsicherem Terrain immer wieder festen Boden zu gewinnen.

Markus Arnold

Imke Keicher

Imke Keicher ist Beraterin, Zukunftsund Trendforscherin im Zukunftsinstitut von Matthias Horx in Kelkheim/Frankfurt. Sie ist Co-Autorin der aktuellen Studie «CreativeWork» (www.zukunftsinstitut.de). Im Frühjahr erscheint bei Orell Füssli «Sie bewegt sich doch! Neue Spielregeln und Chancen für die Arbeitswelt von morgen». Mehr über Imke Keicher unter www.ikmc.ch.

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