Kaum Ansteckungen: Neue Studie stellt Restaurant-Schliessungen infrage
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Kaum AnsteckungenNeue Studie stellt Restaurant-Schliessungen infrage

Die Gastronomen sind sauer, dass sie noch nicht öffnen dürfen. Eine neue Studie bescheinigt nun, dass das Schutzkonzept sicher ist: Die Angestellten haben sich trotz vieler Kundenkontakte kaum mit dem Virus angesteckt.

von
Fabian Pöschl

Studienautor und Gesundheitsökonom Konstantin Beck über die Sicherheit für die Kunden im Restaurant.

20min

Darum gehts

  • Die Restaurants drängen auf die Öffnung ihrer Betriebe.

  • Eine neue Studie zeigt nun, dass die Ansteckungsgefahr fürs Personal gering ist.

  • Die Anzahl der positiven Covid-Tests des Gastro-Personals liegt weit unter dem Durchschnitt der Bevölkerung.

Die Läden dürfen ab März öffnen, die Restaurants sollen warten. Das ist der Exit-Plan des Bundesrats. Die Gastronomen fühlen sich benachteiligt und üben heftige Kritik. Vom Branchenverband Gastrosuisse hiess es, es gebe keinen Nachweis, dass die Restaurants ein Ansteckungsherd sind.

Eine neue Studie im Auftrag des Luzerner Gastgewerbes bescheinigt nun den Restaurants, dass ihr Sicherheitskonzept für die Mitarbeitenden funktioniert. Die Service-Angestellten hätten sich trotz vieler Kundenkontakte kaum mit dem Virus angesteckt, sagt Konstantin Beck, Studienautor und Gesundheitsökonom der Universität Luzern.

Deutlich tiefere Infektionszahlen im Gastgewerbe

Für die Studie verglich er die Anzahl positiver Covid-Tests bei Restaurant-Mitarbeitenden mit jenen der BAG-Zahlen (siehe Box). Von rund 2700 Teilnehmenden hätten nur 2 Prozent einen positiven Test vorzuweisen. Infiziert waren 12 Frauen, angesichts der BAG-Zahlen wären aber 57 infizierte Frauen zu erwarten gewesen. Auch bei den Männern waren es mit 42 insgesamt 10 weniger Infizierte als erwartet.

Junges Service-Personal

Gesundheitsökonom Volker Beck befragte im Auftrag der Arbeitsgruppe Gastgewerbe Luzern Restaurants und Gastro-Ketten vorwiegend aus der Deutschschweiz. Er wollte wissen, wie viele der Mitarbeitenden zwischen Mitte September bis Mitte Dezember positiv auf Covid-19 getestet worden sind. Um die Ergebnisse von fast 2691 Mitarbeitenden repräsentativ zu machen, unterteilte er sie nach Geschlecht, Alter und Region, und verglich sie mit denen des BAG für die Gesamtbevölkerung im gleichen Zeitraum. Dabei stellte er eine deutlich jüngere Altersverteilung als bei der Schweizer Bevölkerung fest. So ist die Altersgruppe der 20- bis 29-Jährigen mit einem Anteil von 36 Prozent die grösste unter den Umfrageteilnehmern. Nur 6 Personen waren älter als 70 Jahre.

Beck weist zudem darauf hin, dass das Resultat davon abhängt, wie wahrheitsgetreu die Fragebögen ausgefüllt wurden – zumal die Restaurants ein Interesse daran haben, dass sie schnell öffnen können. Dennoch geht er von einer hohen Ehrlichkeit aus, wie er auf Anfrage sagt. Wenn die Antworten unehrlich tief wären, dann wären sie durchs Band einfach zu tief, so Beck. «Es fällt nun aber auf, dass die Antworten gewisse Muster aufweisen, die in den verschiedenen Fragebögen der einzelnen Kantone sehr ähnlich ausfallen. Das war nicht zu erwarten und das spricht dafür, dass die Antworten recht zuverlässig sein dürften.»

Angesichts der Ergebnisse sagt Beck zu 20 Minuten: «Die Verhältnismässigkeit von Restaurant-Schliessungen muss auf Grund dieser Zahlen schon hinterfragt werden.» Die Sicherheitskonzepte für die Mitarbeitenden im Service würden funktionieren, da sie stark exponiert und trotzdem nicht häufiger angesteckt seien.

Das gelte auch umgekehrt: Wenn das Service-Personal, das täglich acht Stunden im Restaurant steht, eine unterdurchschnittliche Ansteckung aufweist, könne daraus geschlossen werden, dass sich verschiedene Gruppen von Gästen auch nicht übertrieben häufig anstecken.

Sicherheit für Kunden fraglich

Der Infektiologe Christian Garzoni hat ähnliche Erfahrungen gemacht. «Auch die Angestellten in Kliniken sind exponiert und stecken sich trotzdem selten an, weil sie sich gut schützen», sagt er zu 20 Minuten.

Allerdings sei der Schutz für die Mitarbeiter nicht gleichbedeutend mit dem Schutz der Kunden. «Wenn ich mich mit Freunden im Restaurant treffe und einer steckt mich beim Essen am gleichen Tisch an, dann nützt es mir nichts, wenn das Service-Personal eine Schutzmaske trägt», so Garzoni.

«Wir haben bisher keinen Franken gesehen»

Philippe Giesser ist Gründer des Zentralschweizer Unternehmens Sinnvoll Gastro und Mitglied der Arbeitsgruppe Gastgewerbe Luzern. Die Gruppe gab die Studie zum Infektionsrisiko fürs Gastgewerbe-Personal in Auftrag. Im Interview erklärt er die Hintergründe.

Warum haben Sie die Studie in Auftrag gegeben?


Philippe Giesser: 
Weil der Bundesrat die Restaurant-Schliessung auf Basis von ausländischen Studien begründete. Aber unsere Situation kann man nicht mit dem Ausland vergleichen.

Warum nicht?

Weil unser Schutzkonzept funktioniert. Bisher kam es erst zu vier Corona-Fällen in unseren 11 Restaurants und 6 Hotels und 200 Mitarbeitenden im gesamten Jahr 2020.

Wird die Krise auf dem Buckel der Restaurants ausgetragen?

Ja, wir sind der Sündenbock ohne dass es einen Grund dafür gäbe. Uns wird Unterstützung zugesichert, jedoch haben wir bis heute noch keinen Franken Härtefallhilfe bekommen. Wir haben einwandfreie Schutzkonzepte und dürfen trotzdem nicht arbeiten. Es ist auch für unsere Mitarbeiter schwer, wenn sie monatelang nur 80 Prozent verdienen und das Trinkgeld ausbleibt. Die Situation ist prekär. Unsere Branche braucht jetzt finanzielle Hilfe und zwar sofort. Wir wollen arbeiten.

Deine Meinung

1109 Kommentare
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Thomas aus zürich

20.02.2021, 17:13

Ich führe selber ein restaurant Betrieb wir hatten bis jetzt nur ein corona Verdacht der sich nicht mal bestätigt hat.. Aber das grössere Problem ist eigentlich das wir staatlich geschlossen wurden seit 22 Dez 2020 und weder kurzarbeit Entschädigungen noch Härtefall Gelder ausbezahlt bekamen, es kann doch einfach nicht sein, das wir geschlossen werden und unser Staadt uns in jeder Hinsicht im Stich lässt , die Auszahlungen immer weiter zu verzögern irgendwann brauchen wir Die Zahlungen nicht mehr. Weil wir in den Konkurs getrieben werden . War mir persönlich ein Anliegen dies mal zu publizieren schönes wochenende für alle Wirte in der schweiz

Besorgte Bürgerin

20.02.2021, 16:56

Wenn jetzt die Gastronomie nicht öffnen darf, Hotellerie für die Betuchten schon, sollte da nicht jedem der Groschen fallen, was gespielt wird? Take away gibt zu wenig Einnahmen, das Gedränge ist gross und lässt man Gastro und Tourismus nicht bewusst krepieren??? Wird das Buch der 70 er Jahre wahr, dass die nächste Kriegsführung ABC Waffen sind. A hat man Erfahrungen, mit C ebenfalls, also wären wir bei den Biologischen?

Rico Ravelli

20.02.2021, 16:56

Pressekonferenz des Bundesrates (seit Wochen): Maske tragen, Maske tragen, Maske tragen Testen, Testen, Testen Hände waschen, Hände waschen, Hände waschen Abstand halten, Abstand halten, Abstand halten Zuhause bleiben, Zuhause bleiben, Zuhause bleiben Null Ahnung, null Strategie!