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Kritik an TempoNeuer Impfstoff ist da – doch Kantone trödeln

Mit der Zulassung eines zweiten Impfstoffs könnten laut Alain Berset bis Ende Februar alle über 74-Jährigen geimpft werden. Kritiker bezweifeln, dass alle Kantone bereit sind.

von
Daniel Graf
Pascal Michel
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Die Impfstarts in den Kantonen erfolgten zu unterschiedlichen Zeitpunkten.

Die Impfstarts in den Kantonen erfolgten zu unterschiedlichen Zeitpunkten.

Tamedia AG
Jetzt steht mit dem Moderna-Vakzin ein weiterer Impfstoff bereit.

Jetzt steht mit dem Moderna-Vakzin ein weiterer Impfstoff bereit.

AFP
GLP-Politiker Martin Bäumle fordert deshalb, dass die Kantone jetzt ihre Verantwortung wahrnehmen.

GLP-Politiker Martin Bäumle fordert deshalb, dass die Kantone jetzt ihre Verantwortung wahrnehmen.

AFP

Darum gehts

  • Mit dem Moderna-Vakzin stehen ab dem 18. Januar 560’000 Impfdosen bereit.

  • Nun geht es darum, diese so rasch wie möglich zu verimpfen.

  • Dabei hätten die Kantone bisher keine gute Figur gemacht, sagen Kritiker.

  • Dies liege auch am Kantönligeist.

  • Die Trödel-Kantone nehmen Stellung.

Am Dienstag hat Swissmedic auch den Moderna-Impfstoff gegen das Coronavirus zugelassen. Schon am Mittwoch werden 200’000 Dosen geliefert. Zusammen mit weiteren Lieferungen des Pfizer-Impfstoffs werden ab dem 18. Januar gut 560’000 Dosen zur Verfügung stehen, im Februar kommt mindestens eine weitere Million Dosen dazu.

So sollte es laut Gesundheitsminister Alain Berset möglich sein, bis Ende Februar alle über 74-Jährigen zu impfen, die das wollen. Die Bewohner von Alters- und Pflegeheimen sollen schon bis Ende Januar geimpft werden können. Das Impfen ist jedoch Sache der Kantone – und diese schlagen teils ein gemächliches Tempo an. So wurden etwa in Bern erst am Montag die ersten Impfzentren eröffnet. Der Kanton sucht gar per Stelleninserat noch einen «Verantwortlichen Impfkampagne». Pensum: 40 - 50 Prozent.

Bern noch ganz am Anfang

Von den 25’000 Pfizer/Biontech-Impfdosen, die Bern monatlich zur Verfügung stehen, wurden 573 verimpft. Im Kanton Freiburg finden erst ab Mittwoch erste Anmeldungen statt. In St. Gallen wird zurzeit nur in Alters- und Pflegeheimen geimpft. Dort verkündete Regierungsrat Bruno Damann Mitte Dezember im «Tagblatt»: «Wir sind beim Impfen bereit. Da könnten wir heute noch beginnen.» Tatsächlich erfolgte der Impfstart in St.Gallen dann erst am 6. Januar. Nun wächst die Kritik am schleppenden Anlaufen der Impfkampagnen.

Für GLP-Vizepräsident Martin Bäumle ist klar: «Die Kantone müssen jetzt, da mehr Impfstoff zur Verfügung steht, ihre Verantwortung wahrnehmen und schnellstens eine ausreichende Logistik auf die Beine stellen.» Es sei schon lange klar, dass grossflächiges Impfen der einzige nachhaltige Weg aus dieser Pandemie sei: «Es ist schwer zu verstehen, wenn einige Kantone trotz langer Vorbereitungszeit nicht bereit sind, die gelieferten Mengen zu verimpfen.» Der Kanton Zürich etwa sei noch im Ausschreibungsverfahren für Impfzentren. «Das wäre sicher schneller gegangen.»

Bund soll Logistik übernehmen

Auch die FDP fordert die Verantwortlichen auf, einen Zacken zuzulegen: «Es ist inakzeptabel, dass ein Teil der Impfstoffe wochenlang ‹unverimpft› bleibt, während gleichzeitig die Nachfrage der Bevölkerung nicht gedeckt wird», sagt Parteisprecherin Karin Müller. Die FDP fordert, dass der Bund mit Unterstützung der Armee die Logistik übernimmt. Nun müsse es schnell gehen: «Fehlende Impfdosen sind keine Ausrede mehr», so Müller.

Scharfe Kritik an der Impfstrategie übt auch Philippe Luchsinger, Präsident des Verbands Hausärzte Schweiz: «Dass jeder Kanton seinen eigenen Impfplan fährt, ist ein Problem.» Denn dies bedeute: Jeder Kanton plane eigene Impfzentren. Jeder Kanton organisiere die eigene Logistik. Jeder Kanton beschäftige eigene Experten. Jeder Kanton definiert anders, wer und wie viele Impfwillige zuerst an der Reihe seien. «Jeder Kanton erfindet beim Impfen das Rad neu – das muss nicht sein», sagt Luchsinger.

Er hätte es begrüsst, wenn der Bund ein national einheitliches Vorgehen definiert hätte, etwa ein für alle Kantone verbindliches und zum Impfstart verfügbares IT-System. «Ich wünsche mir von den Kantonen, dass sie jetzt vorwärts machen.» Es dürfe nicht sein, dass Impfstoff da ist, dieser aber aufgrund der trägen Strukturen nicht verimpft werden könne. Dabei verweist er auch auf den Impfweltmeister Israel: «Das Land steht auch an der Spitze, weil es von Anfang an das Vorgehen zentralisiert durchgeplant hat.»

Zürich und Aargau bereit für mehr

Nationale Impfzahlen gibt es weiterhin nicht. Laut «NZZ» haben nur vier Kantone Impfzahlen veröffentlicht. Sie kommen zusammen auf 12’000 verabreichte Dosen.

Die Kantone haben den langsamen Impfstart bisher stets mit der geringen Verfügbarkeit von Impfstoffen begründet. Wenn mehr Impfstoff da ist, sei man bereit, diesen zu verimpfen, heisst es aus verschiedenen Kantonen. Es sei ein «sehr hohes Ziel», bis Ende Januar alle Bewohner von Alters- und Pflegeheimen zu impfen, sagt Rudolf Hauri, Präsident der Vereinigungen der Kantonsärzte.

In Zürich etwa sollen noch diese Woche 165 Arztpraxen beliefert werden. Auch aus dem Aargau heisst es, die weitere Planung hänge von der effektiven Lieferung von neuen Impfdosen ab. «Der Fokus liegt zurzeit auf der Eröffnung weiterer Impfzentren und darauf, den Hausärzten das Impfen zu ermöglichen. Ausschlaggebend ist in erster Linie die Verfügbarkeit von Impfstoff», sagt Michel Hassler, Leiter Kommunikation des Gesundheitsdepartements.

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404 Kommentare
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B. Kerzenmacher

14.01.2021, 14:31

Die bedrückenden Zahlen der Toten zeigen nicht einmal das ganze Ausmass der Katastrophe. Hinzu kommen die Zahlen der Corona-Überlebenden, die über etliche Monate, vielleicht auch Jahre oder in schlimmen Fällen den Rest ihres Lebens mit Gesundheitsschäden zu kämpfen haben. Leider werden diese Menschen von den Verharmlosern und sogenannten Querdenkern gerne unter den Teppich gekehrt.

ralph ziegler

14.01.2021, 05:33

Inkomptenz und Vetterliwirtschaft -dies seit Jahren; das BAG kann man gleich schliessen es kann nur besser werden. bis Ostern werden wir 10'000+ Tote haben; bei gleicher Bevoelkerung hat Hong Kong etwa 200 Tote. Diese schrecklichen Zahlen zeigen auf - wie SCHLECHT unsere Regierung ist. ueber ZEHNTAUSEN mehr Tote als bei gutem Management.

Chrank

13.01.2021, 08:43

Bund soll Konsept übernehmen.