Tegut-Kette: Neues Auslandabenteuer für die Migros
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Tegut-KetteNeues Auslandabenteuer für die Migros

Die Migros kauft die deutsche Supermarktkette Tegut. Das zuletzt mässig rentable Unternehmen hat seine Stärke bei gesunden Lebensmitteln. Im Ausland hatte die Migros bisher nur wenig Glück.

von
S. Spaeth

Der orange Riese probiert es ein weiteres Mal im Ausland. Wie der Detailhändler am Mittwochvormittag in Zürich bekannt gab, übernimmt die Migros Genossenschaft Zürich das Handelsgeschäft des deutschen Familienunternehmens Tegut. Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart.

Ein Detailhandelsexperte, der lieber anonym bleiben will, schätzt den Kaufpreis auf einen Drittel des Detailhandelsumsatzes. Im letzten Jahr setzte die Tegut-Gruppe insgesamt 1,16 Milliarden Euro um. Der grösste Teil davon dürfte im Handelsgeschäft anfallen. Das Tegut-Industrie- und Landwirtschaftsgeschäft bleibt in den Händen der Familie Gutberlet.

Mehr Migros-Produkte in Deutschland

Tegut ist einer der Biopioniere in Deutschland und setzt stark auf regionale Verankerung. Bereits seit den Achtzigerjahren führt der Supermarkt mit aktuell 290 Filialen Bio-Labels im Sortiment – und wurde dafür anfangs belächelt.

Anders als spezielle Bio-Märkte, die auf eine ganz spezifische Kundengruppe setzen, versucht Tegut, die Masse anzulocken und bietet auch konventionelle Artikel an. Rund ein Viertel des Umsatzes wird mit Bio realisiert, deutlich mehr als bei normalen Supermärkten. Künftig wird die Migros auch eigene Produkte in den Tegut-Märkten anbieten - umgekehrt wird es aber keine Tegut-Artikel in der Schweiz geben.

Ungenügende Rendite

Die Migros sieht mit einem langfristigen Engagement die Chance, das Profil von Tegut zu stärken und dem Detailhändler zu weiterem Wachstum zu verhelfen. Zudem sagte Edi Class, Präsident der Migros Zürich, vor den Medien: «Expansion in der Schweiz ist für die Migros nur noch bedingt möglich.» Migros schielt zudem auch über den Rhein, weil der deutsche Lebensmittelhandel stärker wächst als der schweizerische. Detailhandelsexperte Gotthard F. Wangler findet den Migros-Zukauf ein «sehr ambitiöses Projekt»: «Die deutschen Konsumenten sind sehr preissensitiv. Deutschland ist der Land der Harddiscouter.»

Zuletzt liefen die Geschäfte von Tegut aber alles andere als rund. Gegenüber der «Frankfurter Allgemeinen» sagte Tegut-Chef Thomas Gutberlet im Herbst 2011, er sei unzufrieden mit der Umsatzrendite von 0,27 Prozent, die das Familienunternehmen 2010 erzielt hatte. Bald sollte es mehr als ein Prozent sein. Zum Vergleich: Herkömmliche Grossverteiler erreichen in der Schweiz laut Experten eine Umsatzrendite von rund 2 Prozent, Harddiscounter sogar rund 3,5 Prozent.

Anfang Oktober sagte eine Tegut-Sprecherin, die Umsatzrendite des Unternehmens mit 6300 Angestellten habe sich inzwischen verbessert, ohne jedoch eine Zahl zu nennen. Derzeit trenne man sich von Kostenträgern, die sich nicht lohnten. Gemeint waren damit Märkte in Nordhessen und Thüringen, die sich aufgrund abnehmender Bevölkerungszahlen nicht rechneten.

Schwierige Auslandsstrategie

Die Ausland-Engagements der Migros waren bisher nur von mässigem Erfolg gekrönt. In Süddeutschland betreibt die Migros fünf Supermärkte und einen deutschen Online-Shop. Im vergangenen Jahr spülte der deutsche Ableger lediglich einen Umsatz von 65,6 Millionen Franken in die Kasse der Migros-Genossenschaft. Das ist weniger als ein Prozent des Umsatzes des Detailhändlers.

Gestrauchelt ist der orange Riese Mitte der Neuzigerjahre auch in Österreich. Die «Ehe» mit dem Detailhändler Konsum scheiterte, weil der Migros-Partner 1995 in den Konkurs schlitterte. Der Schaden für den orangen Riesen belief sich auf einen dreistelligen Millionenbetrag, die Migros-Führung gestand Fehler ein.

Nach Schweizer Vorbild wurde 1954 auch die türkische Migros gegründet. Die Schweizer zogen sich aber bereits 1975 wieder ganz aus dem Markt zurück und verkauften die Geschäfte an die türkische Koc Holding.

Bei Bio hat Coop die Nase vorn

Der Kauf von Tegut passt in die Bio-Stategie der Migros, die ihr Engagement in diesem Bereich zuletzt verstärkt hatte: Ende August eröffnete in der Migros-Filiale in Zürich-Höngg der erste Alnatura-Bio-Supermarkt mit rund 5000 Artikeln. Gegen 600 Produkte stammen aus dem Migros-Sortiment. Alnatura führt in Deutschland 70 Bio-Märkte.

Im Bio-Bereich setzte die Migros im vergangenen Jahr 435 Millionen Franken um, was einem Marktanteil von 27 Prozent entsprach. Leader ist Konkurretin Coop. Der Detailhandelsriese mit Hauptsitz in Basel setzt in diesem Segment gegen 680 Millionen Franken um. Im Schweizer Detailhandel haben Bio-Produkte einen Anteil von rund 8 Prozent.

Ähnliche Philosophie

Es sei nicht ungewöhnlich, dass eine regionale Genossenschaft und nicht die Dachorganisation Migros-Genossenschaftsbund (MGB) den Kauf tätige, sagte Migros-Zürich-Präsident Edi Class. Der Lebensmittelhandel sei die Stärke der Genossenschaften. Ein Mitglied der MGB-Generaldirektion werde aber im Aufsichtsrat von Tegut Einsitz nehmen. Der Besitzer von Tegut, Wolfgang Gutberlet, fühlte sich bei der Führung des 1947 in Hessen gegründeten Unternehmens den Grundsätzen von Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler verpflichtet, wie er während der Medienkonferenz betonte. Die Unternehmensphilosophie der beiden Detailhandelsunternehmen sei sehr ähnlich. (sda)

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