Neues Dok-Zentrum im KZ Bergen-Belsen
Aktualisiert

Neues Dok-Zentrum im KZ Bergen-Belsen

In der KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen ist heute ein neues Dokumentationszentrum eröffnet worden.

In dem Zentrum wird erstmals die gesamte Geschichte Bergen-Belsens dokumentiert, das ein Kriegsgefangenen- und Konzentrationslager sowie das grösste deutsche Camp für überlebende Juden war. In der neuen Dauerausstellung kommen erstmals viele Überlebende des KZs in Ton- oder Bilddokumenten zu Wort.

Es sei das Wichtigste, «dass die Kette der Erinnerung niemals abreisen möge in Verneigung vor den Toten», sagte der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff vor den 1.000 Gästen der Eröffnungsfeier. Die Öffnung zahlreicher Archive habe die Kenntnis über das historische Geschehen im Lager Belsen nach 1990 immens vergrössert. Zudem hätten die Überlebenden und ihre Verbände Vertrauen gefasst und der Gedenkstätte Akten oder über Jahrzehnte gehütete Erinnerungstücke überlassen. 340 Überlebende hätten sich für lange lebensgeschichtliche Interviews zur Verfügung gestellt.

Die neue Materialfülle erlaube es, «die Geschichte des Lagers mit ihren drei grossen Phasen - Kriegsgefangenenlager von 1939 bis 1945 Konzentrationslager von 1943 bis 1945 und Displaced Persons Camp von 1945 bis 1950 - präzise darzustellen und auf individuelle Schicksale genauer einzugehen», betonte Wulff. Die Individualisierung sei besonders wichtig, weil sie Identifikation ermögliche. Im Lager Bergen-Belsen starben rund 20.000 sowjetische Kriegsgefangene. 52.000 KZ-Häftlinge kamen hier durch Hunger und Krankheiten ums Leben.

Staatsminister Neumann begrüsste die 100 Überlebenden, die an der Feier teilnahmen. Er bezeichnete sie «als lebendige Stimme der Erinnerung, die uns zur Wachsamkeit anhält». Die Erinnerung an die NS-Terrorherrschaft werde durch die Singularität des Holocausts bestimmt. Für Deutschland seien daher Erinnerungsorte wie Bergen-Belsen unverzichtbar. Gedenken und Erinnern seien nationale Aufgaben.

Die Gedenkstätte Bergen-Belsen leiste Vorbildliches für die Aufarbeitung der NS-Zeit, sagte Neumann weiter. Er habe daher in seinem neuen Gedenkstätten-Konzept vorgeschlagen, die bislang nur projektbezogen geförderte Gedenkstätte in die institutionelle Förderung aufzunehmen. Die Kosten der Umgestaltung der Gedenkstätte Bergen-Belsen von insgesamt 13 Millionen Euro haben Bund und Land jeweils zur Hälfte übernommen.

Zentralrat der Juden kritisiert Neumann

Der Generalsekretär des Zentralrats der Juden, Stephan Kramer, erinnerte daran, dass nach der Befreiung des KZs Bergen-Belsen am 15. April 1945 «die schrecklichsten Bilder um die Welt gingen - Bilder vom tiefsten Punkt der Menschheitsgeschichte». Wer in Bergen-Belsen überlebt habe, sei für sein Leben im Innersten verletzt worden.

Die Gedenkstätte Bergen-Belsen sei eine Ausnahme, sagte Kramer weiter. Die Gedenkstätten in Buchenwald, Sachsenhausen und Dachau hätten dagegen noch erhebliche Defizite. Im Konzept von Staatsminister Neumann fehlten «immer noch langfristige Mittel für viele Gedenkstätten». Zudem drohe eine Dominanz des Stalinismus die Erinnerung an die NS-Zeit zu überwuchern: «Es ist nicht zu akzeptieren, wenn SED-Diktatur und NS-Regime parallel aufgearbeitet werden sollen», kritisierte Kramer.

Die Eröffnungsfeier für das neue Dokumentationszentrum fand auf einem benachbarten britischen Militärgelände statt, auf dem 1945 auch die Überlebenden von der Armee versorgt wurden. Bergen-Belsen war 1945 das erste befreitet KZ, das nicht zuvor von der SS geräumt worden war. (dapd)

Deine Meinung