Aktualisiert 21.06.2019 11:59

Brisantes GutachtenNeues Trendquartier auf verseuchtem Boden?

Auf den ehemaligen Produktionsstätten der Basler Chemie soll auf 160 Hektaren das Quartier der Zukunft entstehen. Ein neues Gutachten, wirft Fragen zur Belastung des Bodens auf.

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Das Industrieareal der chemischen Industrie im Klybeck. Dieses Areal soll in den nächsten Jahren zu einem Stadtquartier entwickelt werden.

Das Industrieareal der chemischen Industrie im Klybeck. Dieses Areal soll in den nächsten Jahren zu einem Stadtquartier entwickelt werden.

Keystone/Georgios Kefalas
Diese Fläche ist für das neue Stadtquartier vorgesehen.

Diese Fläche ist für das neue Stadtquartier vorgesehen.

zvg
Laut einem Gutachten der Ärztinnen und Ärzte für Umwelt ist das Areal aber schwer mit giftigen Substanzen belastet, die aus seiner 150-jährigen Geschichte als Chemieareal stammen.

Laut einem Gutachten der Ärztinnen und Ärzte für Umwelt ist das Areal aber schwer mit giftigen Substanzen belastet, die aus seiner 150-jährigen Geschichte als Chemieareal stammen.

Novartis

Einst sollen auf dem Areal im Basler Klybeck-Quartier rund 20'000 Menschen wohnen und 30'000 Arbeitsplätze angiesedelt werden. Unter dem Namen «Klybeckplus» wird seit über zwei Jahren an der Umnutzung des 160 Hektare grossen Areals gearbeitet. Der Boden ist aber durch über 150 Jahre Industrienutzung durch die BASF und die Novartis stark mit hochgiftigen Substanzen belastet, wie ein am Donnerstag veröffentlichter Bericht der Ärztinnen und Ärzten für Umweltschutz (Aefu) aufdeckt.

Darunter könnten auch chemische Kampfstoffe wie Senfgas sein. «Bis heute weiss niemand genau, wie der Chemiemüll zusammengesetzt ist. Jetzt würde ich dort nicht wohnen wollen», sagt Aefu-Gutachter Martin Forter.

Das Aefu-Gutachten liegt 20 Minuten vor. Seit 1864 ist auf dem Gelände mit giftigen Stoffen hantiert worden, heisst es darin. «Durch die Lagerung in undichten Tanks, geborstene Behälter oder undichte Abwasserleitungen» seien die Chemikalien teilweise «in grossen Mengen» in die Umwelt gelangt.

Mangelhafte Suche nach Giften

Forter prangert an, dass die BASF und die Novartis bei der Bodenanalyse unzureichend gearbeitet hätten, um dem Ausmass der Schadstoffbelastung gerecht zu werden. Laut dem Bericht traten beispielsweise sogenannte Toluidine von 1998 bis 1999 aus der undichten Kanalisation unter dem Areal aus. Dazu gehört auch o-Toluidin, eine krebserregende Substanz, die für die Herstellung von Farbstoffen und Unkrautvertilgern verwendet wird. Obwohl der Austritt des Stoffs bekannt war, hätten die Unternehmen nie per Einzelstoffanalyse danach gesucht.

Insgesamt könnten über 2000 verschiedene gefährliche Chemikalien im Boden unter dem geplanten Wohn- und Gewerbeareal lauern – Menge und Konzentration unbekannt.

Wer soll den Boden bewohnbar machen?

Der Chemiemüll auf den Industriearealen und auf öffentlichem Grund sei bisher nicht gründlich untersucht worden. Darum sei unklar, ob und wie viele Verschmutzungsherde es gibt, die saniert werden müssten. «Wir wollen wissen, wo welcher Chemiemüll liegt und welche Konsequenzen er für Mensch und Umwelt hat», sagt Forter. Gebaut werden solle erst, nachdem auf Kosten der Verursacher aufgeräumt wurde.

Doch wer muss die Sanierungskosten übernehmen? Der Kanton Basel-Stadt wollte das Areal nicht. Stattdessen kaufte die Central Real Estate AG am 22. Mai das 160'000 Quadratmeter grosse Grundsück von der Novartis. Hinter der Immbobilien-Beteiligungsgesellschaft stehen nach eigenen Angaben unter anderem die Baloise, die Credit Suisse Anlagestiftung sowie diverse Schweizer Pensionskassen.

Das Unternehmen verweist im Bezug auf den Sanierungsbedarf auf die Behörden. Diese würden das Areal gegenwärtig nur als überwachungsbedürftig einstufen.

Das sagt die Novartis

«Es besteht keine Notwendigkeit für Sanierungen ausserhalb eines konkreten Bauvorhabens», sagt Novartis-Sprecher Daniel Zehnder auf Anfrage von 20 Minuten. Gemäss durchgeführten Untersuchungen bestehe keine Gefahr für Mensch und Umwelt.

«Die Planung und Durchführung der Bauprojekte und damit verbunden der Aushub- und Entsorgungsmassnahmen obliegen der Käuferin», fügt er an. Das wäre wiederum die Central Real Estate AG. Diese ist laut Zehnder «im Detail» über die Belastungen informiert.

Das sagt die BASF

BASF-Sprecher Franz Kuntz hebt hervor, dass Untersuchungen ergeben hätten, dass keine Chemieabfälle bewusst im Untergrund gelagert wurden. Auch laut ihm obliegen etwaige Sanierungen den Investoren, also der Central Real Estate AG.

Kuntz weist jedoch darauf hin, dass die Baubewilligung nur dann erteilt werde, wenn davon ausgegangen werden kann, dass die Kostendeckung für zu erwartende Massnahmen gegeben ist.

Was ist Senfgas?

Senfgas, oder Bis(2-chlorethyl)sulfid, wurde 1822 in Belgien entdeckt. Die Substanz kann bei starker Konzentration chemische Verbrennungen an der Haut und in den Atemwegen auslösen.

Es wurde 1915 im Ersten Weltkrieg erstmals von den Deutschen als Waffe eingesetzt, obwohl der militärische Einsatz von chemischen Waffen bereits damals verboten war.

Bereits 1919 fanden erste Versuche mit Senfgas im Rahmen von Chemotherapie statt.

Die Ciba (Vorgängerin der Novartis) stellte von 1938 bis 1943 im Auftrag des Eidgenössischen Militärdepartements Kampfstoffe in Monthey VS her. Offenbar wurden sie auch auf dem Areal gelagert und umgeschlagen.

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