Unbekannte Kinderlähmung: Neues Virus gibt Forschern Rätsel auf
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Unbekannte KinderlähmungNeues Virus gibt Forschern Rätsel auf

Mehr als 100 Kinder sind in den USA seit Sommer 2014 an einer merkwürdigen Lähmung erkrankt. Über den Erreger ist so gut wie nichts bekannt.

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Die klassische Kinderlähmung (Polio) ist dank Impfungen in vielen Ländern ausgerottet.

Die klassische Kinderlähmung (Polio) ist dank Impfungen in vielen Ländern ausgerottet.

Keystone/Yahya Arhab
Umso erschrockener waren US-Ärzte angesichts der plötzlichen Lähmungen bei Kindern. Als Auslöser steht das über die Luft übertragbare Enterovirus D68 in Verdacht (hier extrem vergrössert dargestellt).

Umso erschrockener waren US-Ärzte angesichts der plötzlichen Lähmungen bei Kindern. Als Auslöser steht das über die Luft übertragbare Enterovirus D68 in Verdacht (hier extrem vergrössert dargestellt).

CDC/C.S. Goldsmith, Y. Zhang
Die Symptome der neuen Art Lähmung sind denen der klassischen Kinderlähmung ähnlich.

Die Symptome der neuen Art Lähmung sind denen der klassischen Kinderlähmung ähnlich.

PD

Zuerst kommt das Fieber. Dann lässt die Kraft in Armen und Beinen nach. Mal ist nur eine Gliedmasse betroffen, mal sind es mehrere. Am Ende können die Betroffenen sie nicht mehr aus eigener Kraft bewegen. Auch wenn die Symptome ähnlich sind: Um Kinderlähmung (siehe Box) handelt es sich nicht.

Was die Erkrankung auslöst, von der sich bisher nur wenige Kinder erholt haben, ist noch unklar. In Verdacht steht laut einem Artikel im Wissensjournal «Nature» jedoch das über die Luft übertragbare Enterovirus D68 (EV-68D), das in den USA zahlreiche, teils schwere Atemwegserkrankungen verursacht hat. Sein Auftreten korreliert mit dem der Lähmungen. Einen definitiven Beweis dafür gibt es dafür allerdings noch nicht.

Zusammenhang scheint auf der Hand zu liegen

Doch nicht nur das zeitgleiche Auftreten schürt den Verdacht. So haben Forscher um Eyal Leshem von den US-Centers for Disease Control and Prevention (CDC) in Atlanta EV-68D im Nasensekret von 8 der 41 Patienten mit Lähmungssymptomen nachweisen können. Bei 9 weiteren Personen fand man zudem verwandte Viren.

Ähnliches berichtet auch das Team um Sam Dominguez vom Children's Hospital Colorado im Fachjournal «The Lancet»: Zwischen August und Oktober 2014 war die Zahl der Klinikbesuche wegen Symptomen von Atemwegserkrankungen gestiegen. Bei einigen Betroffenen traten Lähmungserscheinungen auf. 8 von 11 Patienten hatten Enteroviren im Nasensekret, 5 davon EV-D68. Zudem zeigten sich bei MRT-Untersuchungen auffällige Läsionen im Nervengewebe von Stammhirn und Rückenmark – eigentlich typische Merkmale von Polio und anderen Enteroviren.

Trotzdem ist damit noch nicht der Erweis erbracht. Das wäre erst dann der Fall, wenn der Erreger tatsächlich in der Zerebralflüssigkeit nachgewiesen würde, zitiert «Nature» den CDC-Epidemiologen John Watson. Das ist bis dato jedoch noch niemandem gelungen.

Weitere Studien in den Startlöchern

Deshalb braucht es weitere Forschung: Wissenschaftler vom University of Texas Southwestern Medical Center in Dallas planen laut einem Bericht der «New York Times», das Blut von Kindern mit Lähmungserscheinungen zu untersuchen, um darin möglicherweise schädliche Substanzen aufzuspüren.

Ein Team um Priya Duggal von der Johns Hopkins University in Baltimore im US-Bundesstaat Maryland möchte das Erbgut von Betroffenen mit dem ihrer Geschwister vergleichen, um herauszufinden, ob das Leiden eventuell eine genetische Ursache hat. Denn trotz der Korrelation ist es möglich, dass das gemeinsame Auftreten von EV-D68 und der mysteriösen Kinderlähmung rein zufällig ist.

Die klassische Kinderlähmung

Die klassische Kinderlähmung

Kinderlähmung (Poliomyelitis) ist eine Infektionskrankheit, die durch sehr ansteckende Polio-Viren ausgelöst wird. Übertragen werden die Polio-Viren meist durch Schmierinfektion, zum Beispiel durch schmutzige Hände oder Wasser sowie Lebensmittel, die mit Kot verunreinigt sind. Seltener werden die Viren auch durch Tröpfcheninfektion beim Husten, Sprechen oder Niesen weitergegeben. Eine spezifische Behandlung der Krankheit gibt es nicht, es können lediglich die Symptome gelindert werden.

1988 beschloss die Weltgesundheitsorganisation WHO die Kinderlähmung weltweit auszurotten, was ihr in Nord- und Südamerika, im westlichen Pazifik und Europa auch gelungen ist. In gewissen Zonen Afrikas und Asiens ist es jedoch nach wie vor verbreitet. Der letzte, von einem wilden Virus verursachte Fall von Kinderlähmung in der Schweiz ereignete sich im Jahr 1983.

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