07.06.2020 09:01

«Das ist nicht mehr dieselbe Stadt»

New York beginnt mit Lockerungen

In der Metropole soll am Montag mit ersten Lockerungen der Corona-Beschränkungen begonnen werden. Von einer baldigen Rückkehr zu einer Art von Vor-Krisen-Zustand geht aber fast niemand aus.

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Viertel wie Soho oder Midtown, wo es viele edle Boutiquen gibt, sind dieser Tage kaum wiederzuerkennen.

Viertel wie Soho oder Midtown, wo es viele edle Boutiquen gibt, sind dieser Tage kaum wiederzuerkennen.

REUTERS
Normalerweise drängen sich dort Menschen auf dem Weg zur Arbeit, Touristen gehen shoppen, der Verkehr staut sich hupend durch die Strassen.

Normalerweise drängen sich dort Menschen auf dem Weg zur Arbeit, Touristen gehen shoppen, der Verkehr staut sich hupend durch die Strassen.

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 Jetzt ist es meist ruhig, wenige Menschen und Autos sind unterwegs, in vielen Eingangsbereichen geschlossener Läden lagern Obdachlose.

Jetzt ist es meist ruhig, wenige Menschen und Autos sind unterwegs, in vielen Eingangsbereichen geschlossener Läden lagern Obdachlose.

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Seit rund 100 Tagen ist das besonders stark von der Corona-Pandemie betroffene New York fest im Griff der Krise. Gerade gab es aus den Krankenhäusern erste Hoffnungszeichen, da brach mit dem Tod des Afroamerikaners George Floyd nach einem brutalen Polizeieinsatz in Minneapolis die zweite Krise über die Millionenmetropole hinein – vor allem mit friedlichen Massenprotesten, aber auch mit Ausschreitungen, Plünderungen und nächtlichen Ausgangssperren. Zu Leid kommt noch mehr Leid hinzu – und Wut. Zu einer Krise des Gesundheitssystems kommt eine gesamtgesellschaftliche Krise hinzu – erstere verlangt von den Menschen, zu Hause zu bleiben und Abstand zu halten, letztere zieht sie in Massen auf die Strassen.

Trotz allem soll in der Metropole am Montag mit ersten Lockerungen der Corona-Beschränkungen begonnen werden. Von einer baldigen Rückkehr zu einer Art von Vor-Krisen-Zustand geht in einem dieser Tage völlig veränderten New York jedoch fast niemand mehr aus.

«Noch nie habe ich eine so gefährliche Zeit erlebt»

Fast 400’000 Menschen haben sich im Bundesstaat New York, in dem rund 19 Millionen Menschen leben, mit dem Coronavirus angesteckt, mehr als 30’000 davon sind nach einer Infektion gestorben. Jeweils rund zwei Drittel davon stammen aus der dicht bevölkerten Metropole New York, wo rund die Hälfte der Einwohner des Bundesstaates leben – sie wurde zum Epizentrum der Pandemie in den USA.

«Noch nie habe ich eine so gefährliche Zeit erlebt», sagt Gouverneur Andrew Cuomo. «Ich denke, es kann auch ein positiver Moment für dieses Land sein – aber es muss intelligent gemacht werden.» Bei seinen täglichen Pressekonferenzen gibt Cuomo seinen Takt dafür vor und hatte zuletzt viele gute Nachrichten: Immer weniger Neuinfektionen, die Zahl der Toten pro Tag sank von rund 800 noch vor wenigen Wochen auf weniger als 50.

Auch die Metropole New York erfülle nun alle sieben Bedingungen für den Beginn eines Lockerungsprozesses – beispielsweise ausreichend freie Krankenhausbetten und ausreichend Tests – und könne als letzte der zehn Regionen des Bundesstaates loslegen, sagt Cuomo. Vier zweiwöchige Lockerungsphasen stehen nun an. In der ersten dürfen beispielsweise Bauarbeiten wieder starten, in der vierten dürfen dann unter anderem auch Kultureinrichtungen wieder öffnen – auch wenn zahlreiche davon, wie beispielsweise die Metropolitan Oper, schon angekündigt haben, wohl nicht vor 2021 wieder loslegen zu wollen. Hygiene- und Abstandsregeln gelten weiter. Wenn sich die Zahlen verschlechtern, kann der Prozess jederzeit angehalten oder auch zurückgedreht werden.

Kaum wiederzuerkennen

Der Enthusiasmus in der Stadt hält sich in Grenzen. «Ich habe nicht das Gefühl, dass dieser Öffnungsprozess jetzt erstmal irgendwas für mich verändern wird», sagt der Besitzer eines Cafés auf der Upper West Side in Manhattan, der den Betrieb mit verkürzten Öffnungszeiten und reinem «To Go»-Geschäft mühsam aufrecht erhält. Er habe sowieso gerade ganz andere Sorgen: Links und rechts von einem seiner weiteren Cafés im Stadtteil Soho seien Fensterscheiben eingeschlagen und Graffiti gesprüht worden, sein Laden habe mit Glück bislang nichts abbekommen.

Viertel wie Soho oder Midtown, wo es viele edle Boutiquen gibt, sind dieser Tage kaum wiederzuerkennen. Normalerweise drängen sich dort Menschen auf dem Weg zur Arbeit, Touristen gehen shoppen, der Verkehr staut sich hupend durch die Strassen. Jetzt ist es meist ruhig, wenige Menschen und Autos sind unterwegs, in vielen Eingangsbereichen geschlossener Läden lagern Obdachlose. Auf einer Bank sitzt eine Frau und weint.

«Das ist nicht mehr dieselbe Stadt»

Viele Läden haben nach den ersten Plünderungen ihre Fensterfronten mit Sperrholz verbarrikadiert. Einige noble Kaufhäuser an der Fifth Avenue haben auch noch Stacheldraht darüber gespannt und ganze Bewacher-Teams mit Hunden angeheuert. An anderen Läden sind die «vorübergehend geschlossen»-Schilder durch solche mit der Aufschrift «zu Vermieten» ersetzt worden. «Ich kann nicht glauben, wie sehr sich New York verändert hat", sagt eine Frau laut zu sich selbst, während sie die Fifth Avenue entlangläuft. «Das ist nicht mehr dieselbe Stadt.»

Die Stille durchbrechen hauptsächlich die Proteste, bei denen jeden Tag aufs Neue Tausende Menschen weitestgehend friedlich durch die Avenues ziehen, lautstark Gerechtigkeit und ein Ende von Polizeibrutalität und Rassismus fordern und singen.

Manchmal vermischen sich diese Geräusche dann mit dem allabendlichen Applaus. Auf der Treppe vor einem Haus auf der Upper West Side klatschen zwei Kindergartenkinder mit, eins Schwarz, eins Weiss, die sich zuvor – aus anderthalb Meter Abstand – gegenseitig vor Lachen prustend Witze erzählt haben. «Warum kann es nicht einfach immer so sein?", seufzt die Mutter des schwarzen Kindes – und klatscht noch lauter. «Aber vielleicht entsteht ja aus alldem, was wir gerade erleben, doch noch etwas Gutes.»

Neue Proteste gegen Rassismus

Zehntausende haben am Samstag in den USA friedlich gegen Rassismus, Diskriminierung und Polizeigewalt demonstriert. In Philadelphia, New York, Washington, Atlanta und weiteren Städten gingen die Menschen in ausgelassener Stimmung auf die Strasse. Sie forderten Gerechtigkeit für den Afroamerikaner George Floyd, der vor knapp zwei Wochen bei einem brutalen Polizeieinsatz getötet worden war. Allein in Philadelphia waren örtlichen Medienberichten zufolge Zehntausende auf der Strasse. (SDA)

(SDA)

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11 Kommentare
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Alfie

07.06.2020, 10:41

Oh New York, eine einmalige, bewundernswerte Stadt! Alle Nationen dieser Erde haben sie aufgebaut und bewirtschaftet. Heute herrscht Chaos dort. Zu viele Regeln und Faktoren um mit der Situation fertig zu werden. Ein neues New York wird sich zeigen, weil der Schatten der WTC Türme nicht lange her ist und die Leute heute mehr Tote ertragen mussten als sonst wo in Amerika!

Romulus

07.06.2020, 10:24

In kürze wird alles wieder so sein wie vorher nur noch intensiver da ja Nachholbedarf herrscht!! Umwelt, Klimaschutz etc. hat das Nachsehen wie immer.

Eidgenossin

07.06.2020, 09:56

New York wurde durch Covid19 sehr stark betroffen, ich denke an Euch!