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Nach Ebola-FallNew Yorker zwischen Angst und Gelassenheit

Einige bleiben unbeirrt bei ihrer Tagesroutine, andere packen für einige Tage die Koffer: Der erste Ebola-Fall in New York scheidet die Geister.

von
Jocelyn Noveck
AP

Mit der New Yorker U-Bahn zu fahren, in der tags zuvor noch der an Ebola erkrankte US-Arzt Craig Spencer stand - das hat einigen Bewohnern der Stadt doch ein mulmiges Gefühl verursacht. Dennis Johnson und seine Verlobte Lian Robinson diskutierten während ihrer Fahrt von Brooklyn nach Manhattan mögliche Taktiken und Fluchtwege, um dem Virus bei einer Ausbreitung im Notfall zu entkommen. «Ich denke, wir müssten mit dem Auto fahren», sagt Johnson. Denn Flugzeuge, Fähren und Züge seien zu gefährlich.

Veronica Lopez hingegen ging mit der Nachricht über den ersten Ebola-Fall in New York viel radikaler um. Immerhin ist die 21-jährige Studentin in Harlem Nachbarin von Craig Spencer, der seit Donnerstag auf einer Isolierstation im Bellevue-Hospital im Stadtteil Queens liegt. Sie möchte die Millionenstadt erst einmal verlassen. «Ich gehe zu meinen Eltern», sagte Lopez. «Wir werden sicher ok sein. Aber er wohnt halt direkt nebenan».

Nachbarin ist stolz auf Spencer

Ganz anders eine andere Nachbarin des Arztes, der in Guinea für die Organisation Ärzte ohne Grenzen gearbeitet hatte und am 16. Oktober - zunächst ohne Symptome - in die USA zurückgekehrt war. Tanya Thomas, die im vierten Stock desselben Gebäudes wohnt, sagte, sie sei stolz, dass ihr Nachbar bei der Hilfsorganisation arbeite. Sie mache sich mehr Sorgen um ihn als um sich selbst. «Wenn ich es bekomme, dann ist es eben so», sagte die 47-jährige Büroassistentin.

New Yorker sind eher hart im Nehmen und haben schon eine ganze Reihe von Katastrophen überstanden - Terroranschläge, Hurrikane, Angst vor Todesgrippen. Tatsächlich gab es eine Menge von Anzeichen, dass viele trotz der Schreckensnachricht über den ersten Ebola-Kranken an ihrer Routine festhielten. Schliesslich verkündete auch Bürgermeister Bill de Blasio, es gebe keinen Grund zur Panik.

So registrierte die Feuerwehr unter der Notrufnummer 911 am Freitag nicht mehr Anrufe als an jedem anderen Tag. Auch in der Linie 1 der New Yorker U-Bahn, die Spencer in den vergangenen Tagen benutzt hatte, waren die Waggons voll wie auch sonst immer.

Schülerinnen Teilen Desinfektionsmittel

«Ich sorge mich nicht wirklich», sagte Student Eric Pedersen, während er durch die Penn Station, einen der belebtesten Orte der Stadt, geht. «Es ist erst ein bestätigter Fall. Sich verrückt zu machen, hat überhaupt keinen Sinn.» Und Jen Paul meinte, sie habe normalerweise nichts mit den Körperflüssigkeiten anderer Menschen, über die sich das Ebola-Virus überträgt, zu tun. «Es wäre eine Schande, wenn das Bowling-Center (in dem Spencer war) und andere Geschäfte wegen unbegründeter Ängste leiden müssten», sagte sie.

Dennoch: Dort, wo täglich Tausende auf engstem Raum zusammengedrängt stehen, fällt es so einigen schwer, sich nicht doch etwas unwohl zu fühlen.

Auf der L-Linie, einer anderen U-Bahn, die Spencer benutzte, reicht eine Gruppe von Schulmädchen eine Flasche Desinfektionsmittel herum. Bauarbeiter T.J. DeMaso sagte, er sei besorgt. «Wenn die Seuche sich weiter verbreitet, ziehe ich aus der Stadt», meinte der 41-jährige. «Du kannst es haben und es nicht einmal wissen. Du kannst es mit nach Hause zu deinen Kindern bringen. Das will ich nicht riskieren.»

«Ich will nicht mit Menschen sprechen»

Gelassener ging Evangeline Love mit der Nachricht um und fuhr weiter mit dem Zug zu ihrer Arbeit in der Stadtverwaltung. «Ich habe den Bürgermeister und den Gouverneur gesehen», sagte sie. «Es gibt keinen Grund für Hysterie.» Alice Clavell gehörte auch zu den Passagieren im Zug und las gerade die Geschichte in der Zeitung. «Ich glaube, sie haben es unter Kontrolle», meinte die 55-jährige. «Ich hoffe, dass dies ein Einzelfall bleibt.»

Dean BeLer, ein Tourist aus Williamsburg im Staat Virginia war mit der so genannten High Line im Westen Manhattans unterwegs - dorthin hatte es den Ebola-Kranken ebenfalls verschlagen. New York habe beim Umgang mit dem Fall offenbar gute Arbeit geleistet, «verglichen mit dem Fiasko in Dallas», sagte der 68-Jährige.

Allzu viel Optimismus verspürt Stan Malone nicht. Der 45-jährige lebt gegenüber von Spencer und zog erstmal mit Kind und Kegel ins Hotel. «Ich glaube nicht, dass dies der letzte Fall war. Ich will nicht einmal mit Menschen sprechen.»

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