Aktualisiert 18.04.2014 19:51

Hart IslandNew Yorks geheime Toteninsel

Der weltgrösste Friedhof mit Massengräbern ist: eine kleine Insel bei New York. Fast eine Million Tote, darunter viele Babys, liegen hier verscharrt. Kaum jemand darf auf Hart Island.

Die grösste Metropole der USA leistet sich einen ebenso grossen Skandal um ihre Massengräber. Seit über einem Jahrhundert bestattet New York City tot geborene Babys und Verstorbene ohne Angehörige oder ohne Geld auf Hart Island, einer 53 Hektar grossen Insel vor dem Stadtteil Bronx. Auf dem trostlosen Eiland haben inzwischen über 850'000 Menschen ihre letzte Ruhestätte gefunden. Dennoch können praktisch keine Besucher hin.

Hart Island wird nämlich seit 1976 von der städtischen Gefängnisverwaltung beaufsichtigt. Und New Yorks Department of Corrections geht mit der Insel der Toten um wie mit einem Gefängnis. Der beschränkte Zugang wird mit Sicherheitserfordernissen begründet. Als Totengräber werden Untersuchungshäftlinge von der nahegelegenen Gefängnisinsel Rikers Island eingesetzt.

Jedes Jahr 1500 Tote

Für einen Stundenlohn von 50 Cents heben die Rikers-Insassen rund 20 Meter lange Gräben aus und stapeln darin die Leichen in Holzsärgen. Massengräber für Erwachsene fassen 150, jene für Kinder 1000 Tote. Ist ein Grab voll, wird das nächste gebuddelt. Die Achtmillionenstadt schickt jedes Jahr rund 1500 Leichen auf die Toteninsel, die Hälfte davon sind Totgeborene oder Kinder.

Ein Ort für Verlorene und Unerwünschte war Hart Island schon immer. Im amerikanischen Bürgerkrieg diente die Insel als Lager für gefangene Südstaatler. Seit dem Kauf durch New York City 1869 wird sie als «Potter's Field» – Töpfersacker – eingesetzt, wie die Friedhöfe für Unbekannte heissen. Daneben erfüllte Hart Island über die Jahre ganz unterschiedliche Funktionen: Unter anderem war sie ein Arbeitslager für straffällige Jungen, ein Irrenhaus für Frauen, eine Quarantänezone während einer Gelbfieberepidemie, ein Altersheim für Männer, ein Tuberkulosespital, eine Besserungsanstalt für Jugendliche. Im Kalten Krieg waren dort sogar Nike-Ajax-Abwehrraketen stationiert.

Aus den Augen, aus dem Sinn

Mit dem Fernglas sind vom Stadtteil City Island aus einzelne Gebäude erkennbar, wenn man nach Osten in den Long Island Sound hineinblickt. Boote kommen da schon näher heran, aber Schilder am Gestade verbieten es, dort anzulegen. Bei Hart Island zeigt sich das sonst weltoffene New York verschämt. Für seine Toten, die sonst niemand will, folgt es dem Motto: aus den Augen, aus dem Sinn.

Doch das Verstecken könnte ein Ende haben. Letzten November liess das Corrections Department zum ersten Mal seit langem Journalisten auf die Insel. Vor dem Besteigen der Fähre mussten die Medienleute ihre Kameras und Handys auf City Island zurücklassen. Es sei ihr vorgekommen wie eine Überfahrt zur berühmten «Insel der Toten» des Schweizer Malers Arnold Böcklin, schrieb die dramatisch veranlagte Autorin Kelsey Campbell-Dollaghan von Gizmodo.

Engelfiguren und ein Grabstein

Nach der Ankunft durften die Journalisten nicht weiter vorstossen als bis zu einem Gartenhäuschen in Ufernähe. Grabstätten bekamen sie keine zu sehen, auch nicht Häftlinge mit Schaufeln. Zu sehen waren halb überwachsene Ruinen und verlotterte Gebäude mit löchrigen Dächern. An die aktuelle Funktion von Hart Island erinnerten laut «New York Times» einzig ein paar kleine Engelfiguren und ein Grabstein mit der Inschrift: «City of New York, Potter's Field».

Lange kriegten nicht einmal Hinterbliebene von Verstorbenen so viel zu sehen. Erst 2007 wurden zum ersten Mal Angehörige von Begrabenen bis zum Gartenhäuschen vorgelassen. Aber das genügte Trauernden wie Elaine Joseph nicht. Die 59-jährige pensionierte Krankenschwester hatte im Januar 1978 ihre viel zu früh geborene Tochter Tomika im Alter von fünf Tagen verloren. Joseph war selbst krank, und als sie wieder auf die Beine kam, hatte man Tomikas Leiche schon weggeschafft.

Langer Kampf um Besuchsrecht

Die Frau erinnert sich nicht, je ihre Einwilligung für ein sogenanntes «city burial» – Stadtbegräbnis – gegeben zu haben, wie die formlosen Bestattungen auf dem «Potter's Field» heissen. Dass Tomikas sterblichen Reste auf Hart Island begraben sind, fand sie erst 2009 heraus. Nach ihrem ersten Besuch im Gartenhäuschen 2012 habe sie eine «unendliche Trauer» verspürt und «keinerlei Abschluss» gefunden, sagte sie zur «Times».

Um Zugang zur Grabstätte zu erhalten, wo ihre Tochter ruht, drohte Joseph zusammen mit sieben anderen Müttern verstorbener Säuglinge mit einer Gerichtsklage. Jetzt gab das Gefängnisamt nach, und am 14. März dieses Jahres durfte die trauernde Mutter als erste den Ort aufsuchen, wo das nicht markierte Massengrab mit Tomika liegt. «Ich fand Trost darin, dass es von Wasser umgeben war und eine schöne Aussicht bot», sagte sie der Agentur AFP.

Lebensaufgabe für Künstlerin

Die Besuchsrechte wären nicht erweitert worden, wenn sich nicht Melinda Hunt für sie stark gemacht hätte. Die Künstlerin, Autorin und Filmemacherin erhielt erstmals 1991 Zugang zu der Toteninsel, als sie für ihr späteres Buch «Hart Island» recherchierte. Seitdem verfolgt sie die Passion, den verwunschenen Fleck Erde aus der Vergessenheit zu retten. Für ihr «Hart Island Project» liegt sie seit Jahren den Behörden in den Ohren. Ihr Ziel ist es, die Insel dem Parkdepartement zu übergeben und endlich einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Vielleicht hat sie damit sogar Erfolg. Mitte März reichten Abgeordnete des Stadtrats eine Vorlage für die Öffnung von Hart Island ein. Melinda Hunt ist zuversichtlich: «Moralisch ist es ein derart riesiges Problem, dass die Gefängnisverwaltung einen öffentlichen Friedhof auf diese Weise unterhält. Da kann es eigentlich keine Wahl geben.»

1987 besuchte der NBC-Reporter Roger Sharp Hart Island:

(Quelle: YouTube/RogerSharpArchive)

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