04.09.2017 14:18

«Landraub und vergiftete Böden»NGOs fordern Detailhandel zu Palmöl-Verzicht auf

Schweizer Detailhändler sollen palmölhaltige Artikel verbannen. Doch diese sehen keinen Handlungsbedarf, da sie auf «nachhaltiges Palmöl» setzten.

von
B. Zanni
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Viele alltägliche Lebensmittel enthalten Palmöl.

Viele alltägliche Lebensmittel enthalten Palmöl.

Colourbox
Monokulturen mit Ölpalmplantagen bedecken heute zehntausende Quadratkilometer in Malaysia und Indonesien.

Monokulturen mit Ölpalmplantagen bedecken heute zehntausende Quadratkilometer in Malaysia und Indonesien.

Brot für alle / Miges Baumann
Statt Regenwald oder vielfältigen Torfgebieten breiten sich laut Brot für alle Plantagen aus, wie hier auf Kalimantan, dem indonesischen Teil von Borneo.

Statt Regenwald oder vielfältigen Torfgebieten breiten sich laut Brot für alle Plantagen aus, wie hier auf Kalimantan, dem indonesischen Teil von Borneo.

Brot für alle / François-de-Sury

Von Nutella, Guetzli über Fertigpizza bis zu Shampoo, Zahnpasta und Kerzen: In rund jedem sechsten Produkt in den Schweizer Geschäften steckt Palmöl. Dies gilt nicht nur für Importe. Auch 10 bis 20 Prozent der Eigenmarken der führenden Schweizer Detailhändler gehen auf das Konto des Pflanzenöls. Nun machen Entwicklungs- und Umweltorganisationen Druck.

«Wir fordern, dass alle Schweizer Grossverteiler den Anteil an Produkten mit Palmöl in ihren Sortimenten reduzieren», sagt Regula Reidhaar, Kommunikationsverantwortliche von Brot für alle. Dafür sei es höchste Zeit. «Mit der Zunahme des Konsums von Conveniece Food ist der Bedarf an Palmöl massiv gewachsen.» Gleichzeitig rufen die Organisationen die Konsumenten mit der Kampagne «Palmöl heisst Landraub» auf, die Forderung an die Schweizer Grossverteiler zu unterzeichnen.

«Verheerende Folgen»

«Wer Produkte aus Palmöl konsumiert, nimmt Landraub und Menschenrechtsverletzungen in Kauf», sagt Miges Baumann, Leiter Entwicklungspolitik bei Brot für alle. In ihrem neuen Factsheet warnen Fastenopfer und Brot für alle vor den «verheerenden Folgen» des Palmölgeschäfts: Für den Bau von Palmölplantagen würden Menschen vertrieben und Regenwälder mit vielen Tieren und Pflanzen abgeholzt. Monokulturen mit hohem Dünger- und Pestizideinsatz vergifteten Böden und Gewässer. Eine weitere Folge dieser Industrie seien schlecht bezahlte Arbeitsplätze.

Betroffen ist der tropische Gürtel von Zentralamerika, Westafrika bis Südostasien, wo die Ölpalmen wachsen. Und die Situation verschärft sich laut den Organisationen konstant. Heute ist weltweit bald das Fünffache der Gesamtfläche der Schweiz mit Ölpalmen bedeckt. Stündlich wird in Asien eine Fläche von rund 300 Fussballfeldern für Ölpalm-Plantagen gerodet.

Coop und Migros achten auf Nachhaltigkeit

Die Grossverteiler sehen indes keinen Handlungsbedarf. Es gebe heute keine Alternative mit gleichen Eigenschaften im Hinblick auf Nachhaltigkeit, technische Verarbeitung, Wirtschaftlichkeit und Gesundheit, wie Coop-Sprecherin Andrea Bergmann sagt. «Coop setzt nicht auf den grundsätzlichen Verzicht von Palmöl, sondern auf die Verwendung von nachhaltigem Palmöl.» Auch Migros-Sprecherin Christine Gaillet sagt, ein Verzicht auf Palmöl wäre kontraproduktiv. «Die Migros verarbeitet schon seit 16 Jahren lediglich nachhaltig produziertes Palmöl.»

Inzwischen beziehe die Migros ihr Palmöl nur noch von wenigen, ausgewählten Plantagen vor allem aus Kambodscha, wo nach strengen sozialen und ökologischen Kriterien produziert werde. Zudem sei Palmöl mit 3,7 Tonnen Öl pro Hektar dreimal so produktiv wie Raps und fünfmal so ertragreich wie Soja. «Demnach müssten bei einem Wechsel auf andere Ölpflanzen deutlich grösseren Flächen beansprucht werden, mit entsprechend negativen Umweltauswirkungen.»

«Es existiert kein nachhaltig produziertes Palmöl»

Beide Grossverteiler betonen ihr Engagement für eine nachhaltige Produktion. Coop und Migros sind seit 2004 Mitglied des Runden Tischs für Nachhaltiges Palmöl RSPO (siehe Box). Andrea Bergmann: «Aktuell entsprechen bei Coop 100 Prozent des eingesetzten Palmöls in den Eigenmarken Food den RSPO-Standards. Über 94 Prozent davon stammen bereits aus nachhaltigem Anbau.»

Laut Christine Gaillet sind sämtliche Produkte der Migros-Industrie RSPO-zertifiziert. «Die Einhaltung der Kriterien wird jährlich überprüft und wir sind mit den relevanten Stakeholdern laufend in Kontakt, um die Kriterien sogar noch zu optimieren.» Zudem liessen sie die Plantagen durch eine unabhängige Organisation auf Zusatzkriterien überprüfen.

Für die NGOs ist die Sache damit aber noch lange nicht vom Tisch. «Es existiert kein nachhaltig produziertes Palmöl», so Miges Baumann. In ihrem Factsheet bezeichnen die Organisationen den RSPO als Augenwischerei. Zu vage seien die Bestimmungen, zu lasch die Kontrollen. «So schreitet die Ausweitung der Palmölplantagen mit ihren gravierenden Folgen ungebremst fort.» Seit der Gründung des RSPO sei die Fläche mit Monokulturen sogar um mehr als die Hälfte auf rund 19 Millionen Hektaren angewachsen.

Die Organisationen haben für die Kampagne einen fiktiven «Tagesschau»-Beitrag erstellt, der die Landraub-Thematik in Form von geplanten Palmöl-Plantagen an beliebten öffentlichen Orten in Schweizer Grossstädten inszeniert.

«Wer Palmöl-Produkte kauft, toleriert Landrau

Runder Tisch für Nachhaltiges Palmöl

Kriterien des Runden Tischs für Nachhaltiges Palmöl RSPO:

-Keine Rodung des Tropenwaldes

-Gerechte und sichere Arbeitsbedingungen

-Minimaler Einsatz von Chemikalien

-Kein Landraub

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