Aktualisiert 02.08.2012 13:53

Gian Gilli«Nicht ins Gilet weinen»

Eine Anerkennungsmedaille für Olympia-General Gian Gilli. So souverän hat noch selten einer den sportlichen Weltuntergang relativiert.

von
Klaus Zaugg
London

Gian Gillis Zwischenbilanz in der ersten Olympia-Woche. (Video: 20 Minuten Online)

Also doch: Sport ist nicht das Wichtigste. Sport ist das Einzige: Als unser Staatsoberhaupt – Bundespräsidentin Eveline Widmer-Schlumpf – dem olympischen Nachrichtenzug im «House of Switzerland» Red und Antwort stand, interessierte das vielleicht fünf oder sechs Berichterstatterinnen und Berichterstatter.

Der Einladung von Delegationsleiter Gian Gilli zur olympischen Zwischenanalyse nach sechs Wettkampftagen am gleichen Ort folgen hingegen mehr als 25 Journalistinnen und Journalisten. Bei weitem nicht alle haben Platz auf Stühlen. Sie sitzen am Boden, lehnen an den Wänden, um den Erklärungen des Olympia-Generals zu lauschen. Der Raum ist überstellt mit TV- und Video-Kameras.

Er und sein Kommunikationschef Christof Kaufmann sind nicht im schmucken offiziellen weissen Dress gekleidet, sondern in einer schwarzen bzw. grauen Version. Nicht wegen des «Black Wednesday», dem sportlichen Weltuntergang vom 1. August, sondern weil das weisse Tenue gerade in der Wäscherei sei.

Gilli nimmt Athleten in Schutz

Gian Gilli, Chef de Mission, versteht es in einer geschickten Mischung aus Selbstkritik und Beschwörung der guten Stimmung, auch die bissigsten Kritiker für sich einzunehmen. Sein kultiges Hochdeutsch hat Charme. Etwa wenn er sagt, man solle jetzt nicht «ins Gilet weinen».

Seine Analyse ist im Grunde richtig. Mit der Erfahrung aus acht Olympia-Feldzügen zeigt unser Olympia-General noch einmal auf, wie schwierig es ist, Medaillen zu gewinnen. Wie viele Faktoren die Leistung beeinflussen. «Weil es so schwierig ist, eine Medaille zu gewinnen, ist eine Medaille so wertvoll.» Die ganz besondere Belastung olympischer Wettkämpfe lasse sich eben nicht simulieren. Der 1. August mit den nicht abreissenden sportlichen Hiobsbotschaften sei in dieser Art aussergewöhnlich gewesen.

Medien sollen sich (noch) zurückhalten

Er vermeidet geschickt Ausreden wie Glück und Pech, verspricht Analysen nach den Spielen. Hin und wieder übertreibt er es auch ein wenig, wenn er davon spricht, dass der Fussballverband diese Olympischen Spiele sehr ernst genommen habe, bei der Vorbereitung alles richtig gemacht habe. Wäre dem so, wäre nicht alles in die Hosen gegangen. Den «Fall Morganella» erwähnt er auch. Thematisiert die unbegrenzte und unkontrollierbare Macht der neuen Medien (Twitter). Er habe in der Sache sogar Reaktionen aus den USA gehabt.

Schlau nimmt Gian Gilli die Chronistinnen und Chronisten in die Verantwortung. Man solle jetzt nicht auch noch über die Medien Druck machen und beispielsweise schreiben und senden, Nicola Spirig müsse jetzt unbedingt eine Medaille holen und so die Erwartungen noch höher treiben. Er hält inne, lacht und sagt: «Aber es stimmt ja schon.»

Positiv denken ist angesagt

Es gehe jetzt darum, für die noch anstehenden Wettkämpfe für die Athleten eine positive Stimmung zu schaffen und die Medaillen-Chancen in den verbleibenden zehn Tagen zu nützen. Damit die Frustration der letzten Tage keine Depression im olympischen Dorf auslöst, gibt es in der Schweizer Delegation eine weise Regelung: Zwei Tage nach ihren Wettkämpfen müssen die Athleten das olympische Dorf verlassen. Die Akkreditierung dürfen sie hingegen behalten.

Es sei ohnehin nicht einfach im olympischen Dorf: Inzwischen sei dort schon um 4.00 Uhr am Morgen eine Chilbistimmung. «Da müssen wir mal mit den Organisatoren reden.» Die Schweizer sind jedenfalls unschuldig. Sie haben bisher nicht gefeiert.

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