10.11.2020 07:06

Mann wird zum vierten Mal vermisst«Nicht schön, dass man sich ständig Sorgen um ihn machen muss»

B.F.* aus Birsfelden tauchte am Sonntag zum bereits vierten Mal dieses Jahr in einer Vermisstenmeldung der Baselbieter Polizei auf. Diese machte auch seine Diagnose publik, das gab Anlass zur Kritik.

von
Oliver Braams
Lukas Hausendorf
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Der 58-jährige B.F.* aus Birsfelden wurde am Sonntag als vermisst gemeldet. Er ist nunmehr zum vierten Mal in diesem Jahr verschwunden.

Der 58-jährige B.F.* aus Birsfelden wurde am Sonntag als vermisst gemeldet. Er ist nunmehr zum vierten Mal in diesem Jahr verschwunden.

Polizei Basel-Landschaft
 «Schon wieder», heisst es mehrfach unter dem aktuellen Facebook-Post.

«Schon wieder», heisst es mehrfach unter dem aktuellen Facebook-Post.

Screenshot/Facebook
Polizeisprecher Adrian Gaugler erklärt auf Anfrage, dass eine öffentliche Vermisstenmeldung nie ohne das Einverständnis der Angehörigen gemacht werden kann.

Polizeisprecher Adrian Gaugler erklärt auf Anfrage, dass eine öffentliche Vermisstenmeldung nie ohne das Einverständnis der Angehörigen gemacht werden kann.

Keystone

Darum gehts

  • B.F.* aus Birsfelden wurde dieses Jahr bereits zum vierten Mal von der Polizei als vermisst gemeldet.

  • Dass die Behörde auch seine Diagnose publik machte, sorgte für Kritik.

  • Wegen zahlreicher Facebook-Kommentare überdenkt die Polizei nun auch ihre Social-Media-Politik.

Am Sonntag hat die Kantonspolizei Basel-Landschaft den 58-jährigen B.F.* aus Birsfelden als vermisst gemeldet, der nunmehr zum vierten Mal in diesem Jahr verschwunden ist. Die Regelmässigkeit, mit der der Gesuchte von der Baselbieter Polizei öffentlichkeitswirksam als vermisst gemeldet wird, ist auffällig. Viele in der Region kennen den Mann mittlerweile. «Schon wieder», heisst es mehrfach unter dem aktuellen Facebook-Post.

Polizeisprecher Adrian Gaugler erklärt auf Anfrage, dass eine öffentliche Vermisstenmeldung nie ohne das Einverständnis der Angehörigen gemacht werden kann. «Und bis es so weit kommt, haben unsere Mitarbeitenden bereits intensiv nach der Person gefahndet. Zum Beispiel indem sie an die bekannten Lieblingsorte gehen und mit Personenspürhunden die Gegend absuchen.»

«Es ist schon nicht so toll, dass man sich ständig Sorgen um ihn machen muss», sagt die Ehefrau des Vermissten. Dass er sich etwas antun würde, glaubt sie aber nicht. Er sei einfach auf seine Medikamente angewiesen. «Aber ich habe schon auch Angst.»

«Wir prüfen, ob künftig bei solchen Meldungen auf Facebook die Kommentarfunktion abgeschaltet wird.»

Adrian Gaugler, Sprecher Polizei Basel-Landschaft

Der 58-jährige Vermisste ist laut Polizeimeldung manisch-depressiv. Dass diese Diagnose öffentlich gemacht wurde, halten einige Facebook-User für bedenklich, wie aus den Kommentaren hervorgeht. Eine allfällige psychische Erkrankung der vermissten Person werde nur öffentlich gemacht, wenn eine Gesamtlagebeurteilung zum Schluss kommt, dass dies relevant ist.

Im vorliegenden Fall sei auf die Erkrankung hingewiesen worden, um Personen, die dem Vermissten begegnen, zu sensibilisieren. «Einerseits benötigt die vermisste Person dringend ihre Medikamente», sagt Gaugler. «Andererseits könnte die Person unerwartet reagieren, wenn sie unter Druck gesetzt wird.» Man dürfe daher keinen Stress erzeugen.

Unter den Kommentaren seien solche, die weit unter der Gürtellinie seien. «Deshalb prüft die Polizei Basel-Landschaft, ob in Zukunft die Kommentarfunktion bei derartigen Meldungen auf Facebook ausgeschaltet werden soll», so Gaugler. Wie ein Facebook-Nutzer schreibt, hat der Vermisste «einen Wohnort und keine Gefängniszelle».

Bipolare Störung

Betroffene machen Dinge, die sie sonst nie tun würden

Eine Depression unterscheidet sich von einem momentanen Stimmungstief: Wer an einer Depression erkrankt, ist nur noch begrenzt belastbar, und alltägliche Aufgaben können nicht mehr bewältigt werden. Hauptkennzeichen sind eine anhaltende oder wiederkehrende traurige Verstimmung, das Gefühl innerer Leere, Denk-, Konzentrations- und Schlafstörungen.

Es gibt Menschen, die depressive Phasen durchmachen, aber daneben erleben sie noch etwas ganz anderes: Phasen, in denen es ihnen enorm gut geht. Man spricht dann von einer bipolaren affektiven Störung oder einer manisch-depressive Erkrankung. Menschen in der Manie verlieren den Realitätsbezug, fühlen sich durch normale soziale Grenzen eingeengt und missachten sie. Zum Beispiel leisten sie sich Dinge, die ihre finanziellen Möglichkeiten enorm überschreiten. Oder sie kündigen von heute auf morgen die Arbeitsstelle.

Psychische Krankheiten sind behandelbar.

«Ein Hinweis auf schonendes Anhalten hätte genügt.»

Roger Staub, Geschäftsleiter Pro Mente Sana

Die Facebook-Diskussion wäre kaum entstanden, wenn die Vermisstmeldung nicht auf die psychische Erkrankung hingewiesen hätte, findet Roger Staub, Geschäftsleiter von Pro Mente Sana. «Wir wissen nicht, warum sie als vermisst gemeldet wurde und nun gesucht wird», sagt Staub. Ein Hinweis «um schonendes Anhalten wird gebeten» hätte ihm zufolge genügt.

Pro Mente Sana ist sicher, dass die Veröffentlichung solcher Details die Persönlichkeitsrechte der vermissten Person verletzt. «Das darf man nur mit einer Rechtsgrundlage oder der Einwilligung der Person selbst», so Staub.

Laut Polizeisprecher Gaugler war das Hauptanliegen der Polizei, «die Bevölkerung bezüglich des Ansprechverhaltens bei der vermissten Person zu sensibilisieren». Die Baselbieter Polizei nehme diesen Hinweis aber zur Kenntnis. «Und wir prüfen, ob wir in Zukunft beim Veröffentlichen von Vermisstmeldungen diesbezüglich allfällige Änderungen vornehmen müssen», so Gaugler.

*Name der Redaktion bekannt

Hast du oder jemand, den du kennst, eine Depression?

Hier findest du Hilfe:

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Kinderseele, Onlineberatung für Kinder psychisch kranker Eltern

Pro Juventute, Tel. 147

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