04.12.2017 21:43

Reanimation

«Nicht wiederbeleben»-Tattoo gilt hier nicht

In Miami standen Ärzte vor einem Dilemma, als ein Bewusstloser mit einem «Nicht wiederbeleben»-Tattoo eingeliefert wurde. Was würden Schweizer Ärzte tun?

von
Jennifer Furer
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Ein 70 Jahre alter Patient wurde mit der Ambulanz ins Unispital von Miami im US-Bundesstaat Florida gebracht. Er war bewusstlos und hatte keinen Ausweis dabei. Die Ärzte entdeckten auf seiner Brust ein Tattoo, auf dem «Nicht wiederbeleben» stand.

Ein 70 Jahre alter Patient wurde mit der Ambulanz ins Unispital von Miami im US-Bundesstaat Florida gebracht. Er war bewusstlos und hatte keinen Ausweis dabei. Die Ärzte entdeckten auf seiner Brust ein Tattoo, auf dem «Nicht wiederbeleben» stand.

Screenshot nejm.org
Die Mediziner standen vor einem Dilemma. Sie verabreichten dem Mann Antibiotika und intravenöse Flüssigkeiten. Als klar war, dass der Patient auch eine schriftliche Anordnung zum Verzicht auf Wiederbelebung beim Gesundheitsdepartement des Staates Florida hinterlassen hatte, stellten sie die lebenserhaltenden Massnahmen ein.

Die Mediziner standen vor einem Dilemma. Sie verabreichten dem Mann Antibiotika und intravenöse Flüssigkeiten. Als klar war, dass der Patient auch eine schriftliche Anordnung zum Verzicht auf Wiederbelebung beim Gesundheitsdepartement des Staates Florida hinterlassen hatte, stellten sie die lebenserhaltenden Massnahmen ein.

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Was würden Schweizer Sanitäter und Ärzte in solch einer Situation tun? Urs Eberle, Sprecher von Schutz & Rettung Zürich, sagt: «Wenn der Patient ein ‹Nicht wiederbeleben›-Tattoo oder Stempel hat, leiten wir trotzdem lebensrettende Massnahmen ein.»

Was würden Schweizer Sanitäter und Ärzte in solch einer Situation tun? Urs Eberle, Sprecher von Schutz & Rettung Zürich, sagt: «Wenn der Patient ein ‹Nicht wiederbeleben›-Tattoo oder Stempel hat, leiten wir trotzdem lebensrettende Massnahmen ein.»

Keystone/Gaetan Bally

Soll ein bewusstloser Patient gerettet werden, obwohl er ein «Nicht wiederbeleben»-Tattoo auf der Brust hat? Über diese Frage mussten Ärzte des Universitätsspitals in Miami entscheiden. Sie kamen zum Schluss, dass eine schriftliche Anordnung zum Verzicht auf Wiederbelebung des Patienten beim Gesundheitsdepartement des Staates Florida vorliegen müsse. Erst dann verzichte man auf lebensrettende Massnahmen. Die Mediziner verabreichten darum dem 70-Jährigen Medikamente.

Nach weiteren Abklärungen fanden sie heraus, dass der Mann tatsächlich einen Verzicht auf Wiederbelebung beim Gesundheitsdepartement platziert hatte. Der Zustand des Mannes verschlechterte sich zunehmend, die Ärzte verzichteten aber auf eine künstliche Beatmung. Der 70-Jährige verstarb.

«Ich will keine bleibenden Schäden haben»

Auch der 77-jährige John Marinello aus dem aargauischen Beinwil am See möchte nicht wiederbelebt werden. Statt eines Tattoos drückt er sich jeden Tag einen «Nicht wiederbeleben»-Stempel auf die Brust oder klebt sich ein entsprechendes Pflaster mit Datum und Unterschrift darauf. «Ich hatte ein schönes Leben. Ob ich jetzt oder mit 90 Jahren sterbe, spielt für mich keine Rolle mehr», sagt Marinello zu 20 Minuten. Er habe sich das Ganze gut überlegt: «Ich will lieber gesund sterben, als in Kauf zu nehmen, dass ich nach der Reanimation bleibende Schäden habe.» Schliesslich könne es in manchen Situationen einige Zeit dauern, bis er wiederbelebt würde. «Auch wenn es rechtzeitig gelingt, will ich das nicht unbedingt. Irgendwann ist die Zeit für alle gekommen.»

Doch wie reagieren Ärzte und Sanitäter auf diesen Wunsch, der mittels Stempel, Pflaster oder Tattoo auf der Brust vermittelt wird? Urs Eberle, Sprecher von Schutz & Rettung Zürich, sagt: «Wenn der Patient ein ‹Nicht wiederbeleben›-Tattoo oder einen Stempel hat, leiten wir trotzdem lebensrettende Massnahmen ein.» Denn: «Wir können solche Patientenwünsche nur berücksichtigen, wenn sie schriftlich erfolgen, mit einem Datum versehen sind und eine eigenhändige Unterschrift vorliegt.»

Auch ein Pflaster ist eine Patientenverfügung

Das Tattoo sowie der Stempel könnten aber als Anstoss dienen, eine schriftliche Patientenverfügung beim Patienten zu Hause oder im Portemonnaie zu suchen. «Liegt so eine vor, ist klar, dass keine lebensrettenden Massnahmen eingeleitet werden», sagt Eberle. Anders sieht es aber beim Pflaster aus: «Dort sind die drei Kriterien – Schriftlichkeit, eigenhändige Unterschrift und Datum – erfüllt. Deshalb wird dann keine Reanimation eingeleitet.»

Im Universitätsspital Zürich hat es bereits einen Fall gegeben, bei dem eine urteilsunfähige Patientin ein «Nicht wiederbeleben»-Tattoo hatte, wie Sprecherin Barbara Beccaro sagt: «Die vertretungsberechtigte Person wurde darauf angesprochen und der Wille bestätigt.» Ein Stempel oder ein Tattoo würden zwar als starkes Indiz für den mutmasslichen Willen gelten, allerdings würden diese nicht die formal gültige Patientenverfügung ersetzen. «Erst wenn sich etwa im Portemonnaie des Patienten eine schriftliche Kurz-Patientenverfügung befindet, wird dem darin festgehaltenen Willen auch entsprochen.»

Kleber kaum praktikabel

Anders ist es beim Pflaster auf der Brust. «Will man aber auf Nummer sicher gehen, müssen auf dem Kleber Datum, Unterschrift, ‹Patientenverfügung› und der Satz ‹Ich möchte in keinem Fall reanimiert werden› stehen», sagt Beccaro. Ein plötzlicher Herz-Kreislauf-Stillstand sei jedoch extrem selten. Immer einen solchen Kleber auf der Haut zu tragen, sei zudem «sehr einschneidend im Alltag und kaum praktikabel».

Auch das Universitätsspital Basel sah sich schon mit einem «Nicht wiederbeleben»-Tattoo konfrontiert. Roland Bingisser, Chefarzt Notfallzentrum: «Es waren Patienten, die nicht reanimiert werden mussten.» Man habe ihnen empfohlen, zusätzlich ein rechtsgültiges Dokument mit sich zu tragen, «damit alle Helfer auch wirklich verpflichtet sind, ihren Willen umzusetzen», sagt Bingisser.

Rechtlich gesehen sei die Verfahrensweise der Schweizer Spitäler und Sanitäter richtig, wie Roberto Fornito, Fachanwalt für Erbrecht bei der Kanzlei Bratschi, Wiederkehr & Buob, sagt: «Es spielt keine Rolle, worauf jemand seine Patientenverfügung schreibt. Das kann ein Papier oder ein Pflaster sein. Rechtswirksam ist sie aber nur dann, wenn sie schriftlich errichtet, eigenhändig unterzeichnet und datiert ist. Somit kann ein Stempel oder ein Tattoo nicht als formgültige Patientenverfügung angesehen werden.» In der Schweiz gebe es keine Befristung der Patientenverfügung, dennoch rät Fornito: «Das Datum sollte alle paar Jahre erneuert und unterzeichnet werden. Nur so können Retter erkennen, dass der Wille immer noch aktuell ist.»

So kommen Sie zu Ihrer Patientenverfügung

Im Internet und auch beim Arzt gibt es Formulare, die heruntergeladen und ausgefüllt werden können. «So wird dokumentiert, welche Massnahmen ergriffen werden sollen oder nicht, falls der Patient seinen Willen nicht mehr äussern kann», sagt Philipp Skarupinski, Fachanwalt für Medizinrecht. Er rät, das Dokument mit einem Arzt auszufüllen. «Es kann sein, dass ein Patient sonst nicht alles versteht.»

Hinterlegen sollte man das Dokument nicht zu Hause, da das Dokument eventuell nicht gefunden wird. Skarupinski empfiehlt es beim Anwalt, einem Notar, dem behandelnden Arzt, einer Patientenorganisation oder bei nahen Angehörigen aufzubewahren. «Am besten ist es aber, den Hinterlegungsort der Patientenverfügung elektronisch auf der Versicherungskarte der obligatorischen Krankenkassen anzugeben, damit sie im Notfall schnell für den Arzt verfügbar ist.»

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