Verstörende Fotos: «Kann mich über nichts mehr richtig freuen» – So leiden Journalisten unter Kriegsbildern
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Verstörende Fotos«Kann mich über nichts mehr richtig freuen» – So leiden Journalisten unter Kriegsbildern

Verzweifelte Flüchtende, leichengesäumte Strassen, entstellte Tote: Mit solchen Bildern sind Medienschaffende derzeit täglich konfrontiert. «Für den Einzelnen ist diese Arbeit nicht einfach – für die Gesellschaft aber essenziell», sagt Experte Linard Udris.

von
Thomas Obrecht
Daniel Graf
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20 Minuten hat genaue Richtlinien erarbeitet, was den Lesenden gezeigt wird, und was nicht. Dieses Bild zeigen wir unverpixelt. 

20 Minuten hat genaue Richtlinien erarbeitet, was den Lesenden gezeigt wird, und was nicht. Dieses Bild zeigen wir unverpixelt. 

AFP
Auch Bilder, auf denen keine blutigen, zerfetzten oder geschändeten Leichen zu sehen sind, zeigen wir. Bevor entschieden werden kann, ob wir etwas zeigen, müssen die Mitarbeitenden sich aber auch jene Bilder anschauen, die grausamere Szenen zeigen. 

Auch Bilder, auf denen keine blutigen, zerfetzten oder geschändeten Leichen zu sehen sind, zeigen wir. Bevor entschieden werden kann, ob wir etwas zeigen, müssen die Mitarbeitenden sich aber auch jene Bilder anschauen, die grausamere Szenen zeigen. 

AFP
Auch diese Bilder geben einen Einblick in den Krieg – sie sind für die Lesenden aber unverpixelt zumutbar. 

Auch diese Bilder geben einen Einblick in den Krieg – sie sind für die Lesenden aber unverpixelt zumutbar. 

AFP

Darum gehts

Der Angriffskrieg in der Ukraine wird uns beinahe live aufs Handy gestreamt. Dadurch werden wir auch mit traurigen, verstörenden, schrecklichen Bildern konfrontiert. Wer das nicht sehen mag, kann dem aber relativ einfach ausweichen: indem er entsprechende Seiten entfolgt oder die Sozialen Medien meidet.

Medienschaffende haben diese Möglichkeit nicht: Wegzuschauen ist in unserem Beruf keine Option. Dass das gravierende Auswirkungen haben kann, zeigt das Beispiel einer Mitarbeiterin von 20 Minuten, die sich während der Arbeit stundenlang Videos aus den Kriegsgebieten ansehen musste.

«Ich kann mich über nichts mehr richtig freuen»

«Eigentlich ging es mir von Anfang an scheisse beim Betrachten dieser Bilder und Videos», sagt die 26-jährige L.M.* Es folgten Wochen mit Ups und Downs. «Ich brauchte eine Weile, um zu realisieren, was das mit mir macht.» M. versuchte, die Bilder zu verdrängen, nicht an sich heranzulassen. Letzte Woche erreichte sie den Punkt, an dem sie merkte, dass es so nicht mehr weitergeht: «Ich wurde traurig, ja richtig depressiv. Ich konnte mich über nichts mehr im Leben richtig freuen.» M. liess sich krankschreiben, erholt sich derzeit zu Hause.

Die Liste mit Symptomen sei lang: «Ich kann kaum mehr schlafen, bin dauernd erschöpft, friere fast immer und leide unter Verspannungen. Oft merke ich, dass ich die Kiefer extrem verspanne und die Zähne zusammenbeisse. Auch eine eigentlich verheilte Sehnenscheidenentzündung an der Hand schmerzt plötzlich wieder viel mehr», sagt die 26-Jährige. Sie fühle sich auch rastlos, manchmal überfielen sie Panikattacken und Atemnot.

Auch nach einer Woche ohne Kriegsbilder gehe es ihr immer noch mies: «Ich versuche jetzt, mit Entspannung und viel Meditation wieder auf Kurs zu kommen. Ich bin zuversichtlich, dass mir das gelingen wird, doch es braucht Zeit.»

«Zentral, dass Medien die Informationsflut aufarbeiten»

Linards Udris vom Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) an der Universität Zürich kann die Schwierigkeiten im Umgang mit Kriegsbildern verstehen. «Es ist für die einzelnen Personen sicher nicht einfach, tagtäglich ungefiltert mit Kriegsinhalten konfrontiert zu sein.»

Dennoch sei es für die Gesellschaft gerade in Kriegszeiten erforderlich, dass der Journalismus seine Rolle im Umgang mit Informationen wahrnehme. «Es ist zentral, dass Medien die Flut an Informationen aufarbeiten, die zentralen Aspekte und Schwierigkeiten beleuchten und die Informationen mit Expertenwissen in einen Kontext setzen», sagt Udris.

Zwar habe jeder und jede einen direkten Zugang zu Unmengen an Kriegs-Informationen. Doch nach Auffassung des Experten kann eine eigene Recherche die journalistische Arbeit nicht ersetzen. «Den meisten Leuten ist es gar nicht möglich, all diese Meldungen, Bilder und Videos selbständig kompetent einzuordnen.»

Ausserdem enthielten virtuelle Inhalte oft eine gewisse «Färbung», die die Meinungen und Interessen der veröffentlichenden Person verbreiteten. «Journalistische Standards stellen sicher, dass diese mangelnde Neutralität und Objektivität ausgeglichen werden», so der Kommunikationsexperte.

«Vorfilterung durch Medien ist zwingend»

Aktuell sei gerade bei Bildern und Videos vom Krieg besondere Vorsicht notwendig. «Journalisten müssen sicherstellen, dass die Inhalte korrekt sind», sagt Udris. Zudem müsse zurückverfolgt werden, woher diese Inhalte stammten. «Es sollte vermieden werden, Bilder zu zeigen, die von einer Kriegspartei aus Propaganda-Gründen bewusst platziert worden sind, es sei denn, man macht diese Propaganda transparent.»

Hinzu kämen diverse medienethische Aspekte. «Die Medien entscheiden selbstständig, was sie zeigen wollen und weshalb.» Dies geschehe nicht zwingend zum Schutz der Konsumenten, sagt Udris, sondern auch zur Wahrung der Menschenwürde der betroffenen Personen. «Eine gewisse Vorfilterung ist zwingend, um die Einhaltung von Schutzrechten und die Qualität der Inhalte zu gewährleisten», so der Experte.

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