Italien: «Nichts geändert, ausser dass wir Take-away-Kaffee kaufen dürfen»

Aktualisiert

Italien«Nichts geändert, ausser dass wir Take-away-Kaffee kaufen dürfen»

Nach zwei Monaten Ausgangssperre dürfen die Italiener wieder Schritte im Freien machen. Und trotzdem gibt es Unmut.

Darum gehts

  • Nach einer strikten Ausgangssperre gibt es am Montag in Italien diverse Lockerungen.
  • Die allermeisten Geschäfte sind im ganzen Land aber immer noch zu, auch die Schulen bleiben geschlossen.
  • Es herrscht Verwirrung, was nun erlaubt ist und was nicht.

Die neue Freiheit hat den Geschmack von Cappuccino und Kaffee im Pappbecher: nicht annähernd so gut wie das Original. Nach fast zwei Monaten der strikten Ausgangssperren dürfen die Italiener wieder Schritte nach draussen machen.

«Für uns hat sich eigentlich nichts geändert, ausser dass wir jetzt Take-away-Kaffee kaufen dürfen», sagt Chiara, eine Mutter, die mit ihrem Kind vor einer Bar in Rom steht.

In Parks drehen an diesem Montag Jogger ihre Runden. Sie dürfen jetzt wieder rennen, aber nur alleine, müssen Sicherheitsabstand halten und manche haben sogar Atemschutzmasken an – obwohl die beim Laufen gar nicht Pflicht sind. Die Italiener scheinen nach so vielen Wochen in Quarantäne und nach einem Bombardement mit Horrornachrichten von rund 29’000 Toten wie traumatisiert. Hier wurde im Februar als erstes in Europa bekannt, wie heftig Covid-19 zuschlagen kann.

An Tourismus ist nicht zu denken

Die jetzige «Phase Zwei» der Lockerungen soll eigentlich der Anfang einer neuen Realität sein. Dann dürfen Fabriken wieder öffnen, in den U-Bahnen wird mit Punkten signalisiert, wo wer mit Abstand stehen darf. Aber die allermeisten Geschäfte sind im ganzen Land immer noch zu. Museen, Modeläden, Bibliotheken, Friseure und Bars und Restaurants sind für Besucher geschlossen. An Tourismus ist immer noch nicht zu denken.

«Es ist nicht vergleichbar mit der Zeit vor Corona. Wir machen natürlich viel weniger Umsatz, aber ich versuche es mit Mittagessen und Kaffee zum Mitnehmen», sagt der Café-Besitzer Juan Cataneo aus Rom. Er serviert mit Mundschutz, Plastikhandschuhen und Desinfektionsmittel Kaffee aus dem Fenster seiner Bar.

Verwirrung bei Polizeikontrollen

Polizisten fahren weiter ihre Runden, halten Menschen an, die sich zu nahe kommen. Es herrscht Verwirrung darüber, was nun erlaubt ist und was nicht. Freunde darf man nicht besuchen, aber Verwandte schon. Man darf in den Park, sich dort aber nicht hinsetzen. Man darf spazieren, aber sich nicht sonnen. Eine Polizistin erstaunt mit der Erklärung auf die Frage, was man nun dürfe und was nicht: «Es hängt immer von dem ab, der dich kontrolliert.»

Regierungschef Giuseppe Conte steht unter Druck, mehr Geschäfte öffnen zu lassen. Zu schlimm sind die wirtschaftlichen Konsequenzen des langen Lockdowns. Doch er warnt. «So wie noch nie zuvor liegt die Zukunft des Landes in Euren Händen», erklärte er auf Facebook. Die Botschaft: Wer sich daneben benimmt, muss wieder mit einem Zurückdrehen der Massnahmen rechnen.

Schulen bis September geschlossen

Viele Menschen sind erschöpft, vor allem Eltern: Schulen und Kindergärten sind bis September geschlossen. Alternativen gibt es bisher nicht. Eine Umfrage zeigte zuletzt, dass unter denen, die jetzt wieder arbeiten gehen, vor allem Männer sind. Die Frauen passen wohl auf die Kinder auf.

«Ich habe zwei Kinder, 4 und 7, und die Lockerungen sind frustrierend. Die Parks aufzumachen, aber Kindern nicht zu erlauben, miteinander zu spielen, widerspricht sich», sagt die Römerin Joy Giovanelli. «Nach so vielen Wochen in einer Wohnung ohne Garten ist es schwer, neue Wege zu finden, Kinder bei Laune zu halten.»

(SDA)

Deine Meinung

29 Kommentare