Afghanistan vor den Wahlen: Nichtwähler aus Furcht und Frust
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Afghanistan vor den WahlenNichtwähler aus Furcht und Frust

Vor fünf Jahren ging Eidatullah Khan, damals 25 Jahre alt, zum ersten Mal im Leben zur Wahl. Er machte sogar Wahlkampf für Präsident Hamid Karsai. Dieses Mal will er nicht wählen - schon gar nicht Karsai. Er ist schwer enttäuscht von seiner Regierung. Und er hat Angst, Angst vor den Drohungen der Taliban.

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Kathy Gannon/AP

Eidatullah Khan lästert über Karsai: «Seine schwache, korrupte Regierung hat die Stärke der Taliban ermöglicht», sagt Khan. «Ich werde nicht wählen. Für wen sollte ich denn stimmen? Es gibt viel zu viel Korruption. Die taugen alle nichts.»

Eine rege Beteiligung im unruhigen Süden Afghanistans an der Präsidentenwahl am Donnerstag kann entscheidend dafür sein, ob sie als rechtmässig betrachtet wird. Sie gilt auch als ausschlaggebend für einen Sieg Karsais, der auf die Stimmen seiner Volksgruppe, der Paschtunen, baut. Doch keiner weiss, wie hoch sie sein wird. Viele sind Korruption und Unfähigkeit der Regierenden leid; immer mehr wenden sich den Taliban zu. Und die versuchen, die Bürger mit Drohungen von der Wahl abzuhalten.

Bedrohliche «Nachtbriefe»

Khan, ein Geschäftsmann aus Musa Kala in der Provinz Helmand, führt die Stärke der Taliban in der Region darauf zurück, dass die Milliarden Hilfsgelder der vergangenen Jahre dem Normalbürger nicht geholfen haben. Afghanistan zählt zu den korruptesten Ländern der Welt: Schlechter sieht es laut Transparency International nur noch in Haiti, dem Irak, Burma und Somalia aus. «Das Geld aus den Händen der Staatengemeinschaft fliesst einfach in die Taschen der Regierung», urteilt Khan. «Jetzt würde ich sagen, dass 95 Prozent der Menschen die Taliban unterstützen.»

Die drohen, jedem Wähler die Ohren, die Nase und die zum Zeichen der Stimmabgabe mit Tinte gekennzeichneten Finger abzuschneiden. Sie ziehen, wie Einwohner berichten, durch Städte und Dörfer im Süden und verteilen sogenannte Schabnamas (»Nachtbriefe») mit der Warnung, den Wahlurnen fern zu bleiben. Die Regierung tut sich schwer damit, Sicherheit zu garantieren. In jeder der fünf Südprovinzen sind mehrere Distrikte ganz in der Hand der Taliban.

Dreifacher Sicherheitskordon

Der Polizeichef der Region, General Ghulam Ali Wahadat, weist Bedenken zurück, dass seine Leute die insgesamt 626 Wahllokale in Kandahar, Helmand, Nimros, Urusgan und Sabul nicht schützen könnten. Tausende Männer seien zur Bewachung abgestellt. «Wie werden sie schützen», betont er. Was die Feuerkraft betrifft, ist er nicht so zuversichtlich. «Wir haben nur alte AK-47-Gewehre und nicht einmal genug Munition dafür», sagt er in einem AP-Gespräch in seinem festungsartig gesicherten Büro im Süden Kandahars. «Die Taliban haben neue Waffen und Maschinenpistolen und reichlich Patronen.»

Um jedes Wahllokal werden dreifach gestaffelte Sicherheitskordons gezogen, wie Mohammed Kahir Wasafi von der Wahlkommission erläutert: Direkt am Wahllokal zieht Polizei auf, die afghanischen Streitkräfte bewachen Umgebung und Strassen, und die ausländischen Truppen bieten Unterstützung. In mindestens zwei Bezirken Kandahars allerdings reicht auch das nicht aus. «Wir können dort keine Wahllokale eröffnen, weil es nicht sicher ist. Dort haben die Taliban das Sagen», räumt Wasafi ein.

«Alle Stammesführer sind verärgert»

Ahmad Wali Karsai wirbt im Süden im Wahlkampf für seinen Bruder, den Präsidenten, und hält Stammesversammlungen ab. Trotz der Drohungen der Taliban erwartet er eine Beteiligung von 60 Prozent. «Das ist nicht Europa, wo alle wegrennen, wenn etwas passiert», meint er. «Hier kann es einen grossen Selbstmordanschlag geben, und eine halbe Stunde später sind alle wieder auf dem Markt und das Leben geht seinen Gang.» Der jüngere Bruder des Präsidenten gilt allerdings selbst als Drogenbaron und Glied im Geflecht der Korruption, die viele Afghanen so über haben - ein Verdacht, den er zurückweist.

Hadschdschi Humajun, dessen Suleiman-Chiel-Stamm im Süden Einfluss hat, ist nicht bereit zu wählen, und zwar nicht der Taliban wegen. «Ich fürchte mich nicht vor den Taliban. Ich rege mich über die Regierung auf. Die haben Milliarden Dollar und können nicht einmal Strom nach Kandahar bringen», empört er sich. «Alle Stammesführer sind verärgert und aufgebracht.»

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