Polit-Superstar: «Nick Who?» wird zum Königsmacher
Aktualisiert

Polit-Superstar«Nick Who?» wird zum Königsmacher

Vor wenigen Tagen kannte ihn kaum jemand. Jetzt ist Nick Clegg von den Liberaldemokraten der populärste britische Parteichef seit Winston Churchill.

von
Peter Blunschi
Nick Clegg mit Ehefrau Miriam Gonzalez Durantez (r.) am Sonntag beim Besuch einer Kirche in London.

Nick Clegg mit Ehefrau Miriam Gonzalez Durantez (r.) am Sonntag beim Besuch einer Kirche in London.

Was ein TV-Auftritt bewirken kann: In der ersten Fernsehdebatte der Spitzenkandidaten in einem britischen Unterhaus-Wahlkampf hat sich der Parteichef der Liberaldemokraten, Nick Clegg, am letzten Donnerstag klar gegen Premierminister Gordon Brown von der Labour-Partei und David Cameron, den Chef der Konservativen, durchgesetzt. Kommentatoren urteilten, die Debatte habe eine neue politische Ära auf der Insel eingeläutet.

Zuvor war Clegg für die meisten Briten ein Nobody. «Nick Who?» - «Nick Wer?» hiess er etwa in den Medien. Was auch daran liegt, dass die Liberaldemokraten traditionell das Mauerblümchen der britischen Politik sind. Zwar brachten sie es regelmässig auf gegen 20 Prozent der Stimmen, doch wegen des gnadenlosen Majorz-Wahlrechts holten sie höchstens ein paar Dutzend der 646 Mandate im Unterhaus.

Drei Parteien gleichauf

Das gute Abschneiden des telegenen Clegg hat der Partei nun aber einen Schub verpasst. In einer aktuellen Umfrage liegen die Liberaldemokraten mit 33 Prozent sogar an der Spitze, während die Konservativen auf 32 Prozent kommen, wie das Institut YouGov im Auftrag der «Sun» ermittelte. Gar auf den dritten Platz rutschte Labour ab, lediglich 26 Prozent der Befragten wollen die Regierungspartei von Premierminister Gordon Brown wählen.

Weitere Umfragen vom Wochenende zeigen ein ähnliches Bild, alle drei Parteien kommen auf rund 30 Prozent. In einem solchen Fall gäbe es wohl ein «Hung Parliament» ohne klare Mehrheit. Das ist vor allem für die Tories verheerend, denn wegen der britischen Wahlkreis-Geographie brauchen sie für eine Mehrheit einen klaren Sieg. Wogegen Labour sogar auf Platz 3 landen und dennoch die meisten Sitze gewinnen könnte – eine pikante Konstellation, in der Nick Clegg den Königsmacher spielen dürfte.

Vergleiche mit Obama

Der 43-jährige ehemalige Abgeordnete des Europa-Parlaments wirkt unverbraucht und verspricht frischen Wind in der britischen Politik, womit er vor allem die jungen Wähler anspricht. Beobachter vergleichen ihn bereits mit Barack Obama. Dabei profitiert Nick Clegg auch davon, dass Brown und Cameron auf wenig Begeisterung stossen. Das zeigt sich auch in der YouGov-Umfrage.

Demnach geniesst Clegg eine Zustimmung von 72 Prozent, mehr als Tony Blair zu seinen besten Zeiten und so viel wie kein britischer Parteichef seit Winston Churchill am Ende des Zweiten Weltkriegs. David Cameron kommt nur auf 19 Prozent, und Gordon Brown landet gar bei minus 18 Prozent. Trotzdem kann er die Lage deutlich gelassener verfolgen als Cameron. Dieser warnt denn auch: «Wählt Clegg, und ihr bekommt Brown.»

Labour denkt über Koalition nach

Der Premierminister bezeichnete die Wirtschaftspolitik der Liberaldemokraten zwar als «Fehler», er forderte sie aber auch auf, sich einem «progressiven Konsens» anzuschliessen. Tatsächlich haben die LibDems mehr Berührungspunkte mit Labour als mit den Tories, vor allem in der Europa-Politik. Wahlkampfchef Peter Mandelson dachte als erster Spitzenvertreter seiner Partei offen über eine «Lib-Lab-Koalition» nach. Das wäre völlig neu für das Land, aber «kein Desaster», so Mandelson laut dem «Independent».

Nick Clegg hütet sich davor, sich auf einen möglichen Partner festzulegen. In den zweieinhalb Wochen bis zur Wahl finden noch zwei Fernsehdebatten statt. Dann dürfte sich zeigen, wie Clegg und seine Partei mit der ungewohnten neuen Rolle zurechtkommen. Vorerst muss der Parteichef ein privates Problem lösen: Seine drei Söhne, die eigentlich am Montag in London wieder zur Schule gehen mussten, stecken wegen der Flugsperre über Europa bei ihren Grosseltern in Spanien fest, der Heimat von Cleggs Ehefrau.

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