Aktualisiert 05.05.2013 14:57

Á. Ruiz de la Prada«Nicolas Hayek war ein Visionär wie Steve Jobs»

Sie gilt als Picasso der Mode und des Designs: Ágatha Ruiz de la Prada über ihre Zusammenarbeit mit Swatch, ihre Abneigung gegen Schwarz und Brüno, der ihren Catwalk stürmte.

von
Yolanda Di Mambro

Frau Ruiz de la Prada, Sie designen immer wieder Produkte für Swatch. Weshalb?

Ágatha Ruiz de la Prada: Ich habe für viele Labels Produkte designt, doch Swatch steht für mich klar an erster Stelle. Mit Swatch verbinde ich die meisten Emotionen. Als ich vor 30 Jahren mit meiner Karriere als Fashion-Designerin begann, hatte Swatch den gleichen Stellenwert wie heute Apple. Es war das progressivste Label der Welt mit der fortschrittlichsten Technologie. Mit der Swatch wurde ein Massenprodukt lanciert, das bezahlbar war und auf einem demokratischen Prinzip basierte. Letzteres gilt auch für meine Mode. Es interessiert mich nicht, ein Kleid für die reichste Frau der Schweiz zu entwerfen. Meine Mode soll für möglichst viele Menschen erschwinglich sein.

Welches war Ihr erstes Swatch-Projekt?

Das war 1992 an der Weltausstellung in Sevilla. Swatch hatte ein ehemaliges kleines Armenhaus als Museum eingerichtet und mich beauftragt, für die Expo 24 Kleider zu entwerfen, die in irgendeiner Form die Zeit anzeigen. Es war eines der schönsten Projekte in meinem Leben. Die Kleider entwarf ich mit Hilfe eines Erfinders. An einem Kleid war beispielsweise ein kleiner Vogel befestigt – wie bei der Kuckucksuhr. Ein anderes Kleid war mit zwölf Lichtern versehen, hatte aber keinen Zeiger. Schlug die volle Stunde, leuchtete ganz einfach das entsprechende Licht auf.

Nicolas G. Hayek lancierte 1982 die Swatch-Uhr, um die Schweizer Uhrenindustrie aus der Krise zu führen. Was braucht es heute, um die internationale Wirtschaftskrise zu bekämpfen?

Nicolas Hayek war ein Visionär wie später Steve Jobs. Ich bin eine Optimistin und mag die Swatch Group, weil auch sie Optimismus verbreitet. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ist es wichtig, dass Visionäre ihre fortschrittlichen Ideen umsetzen – vor allem im Umweltbereich. Ich bin sehr beeindruckt, wie umweltbewusst Schweizer sind. Als ich gestern Abend im Hotel in Basel ankam, schenkte man mir eine Tageskarte für den öffentlichen Verkehr. Das ist eine geniale Idee, die von allen Hotels in Spanien übernommen werden sollte.

Als Avantgardistin lieben Sie vor allem Picasso. Er sagte einst: «Guter Geschmack ist der Feind der Kreativität.» Sehen Sie das auch so?

Ja. Das ist eine intelligente Aussage von Picasso. Es gibt sehr viele unsichere Menschen - zum Beispiel all diejenigen, die Schwarz tragen. Sie versuchen, mit der schwarzen Kleidung ein anderes Bild von sich abzugeben. Wer jedoch kreativ sein will, muss die Regeln brechen.

Ihre kunterbunten Kreationen sind Ihr Markenzeichen. Sind Sie als Kind in einer fröhlichen, kunterbunten Welt aufgewachsen?

Ich wuchs inmitten von Kunst und Kunstliebhabern auf. Mein Vater war Kunstsammler, meine Urgrossmutter stammte aus der Güell-Familie, die 90 % der Werke des spanischen Architekten Antoni Gaudí finanziert hat. Meine Mutter meldete mich erst spät in der Schule an, weil sie es genoss, die Zeit mit mir zu verbringen. Doch ich hasste die Schule vom ersten Tag an und konnte mich nicht anpassen. Also erfand ich eine eigene Welt - ich zeichnete und malte den ganzen Tag.

Kinder sind von Ihren bunten Kleidern und Accessoires fasziniert. Für Mütter muss es ein Albtraum sein, Ihre Boutiquen zu betreten, da die meisten Kinder gleich den ganzen Laden mitnehmen wollen.

Ich habe schon Mädchen gesehen, die in meinen Boutiquen eines meiner Kleider festhielten und dabei weinten, weil sie es unbedingt haben wollten. Leider habe ich noch nie eine Erwachsene gesehen, die mich mit der gleichen Szene beglückt. Meine Mode weckt Emotionen. Kinder beurteilen ein Produkt nicht mit Worten. Gefällt es ihnen, sind sie begeistert und zeigen Emotionen.

Sacha Baron Cohen stürmte 2008 als schwuler Designer Brüno Ihren Catwalk an einer Fashionshow in Mailand.

Das war ein Horrorerlebnis. Jahre zuvor hatte schon einmal ein Wahnsinniger in einem hässlichen Brautkleid meine Fashionshow im Carrousel du Louvre in Paris gestürmt. In Mailand zeigte ich 2008 «Las Meninas», eine meiner schönsten und aufwändigsten Kollektionen. Als die Show anfing, stand ich im Backstage-Bereich, als plötzlich ein riesengrosser Typ mit acht Bodyguards auftauchte. Er war sehr aggressiv und schlug wild um sich herum. Sein etwa 30-köpfiges Team sass im Publikum und wartete nur darauf, das Ganze zu filmen. Es war ein Skandal. Als Cohen auf dem Catwalk auftauchte, löschten wir sofort das Licht. Das Publikum war verunsichert und schrie. Die Polizei schritt sofort ein und führte Cohen, von dem ich noch nie etwas gehört hatte, ab. Ich verfluchte ihn. Die Publicity für mein Label war jedoch enorm. Für die internationale Presse war es nach der Debatte Bush-Obama die Top-Story des Tages.

Sie sind seit über 30 Jahren mit dem spanischen Filmregisseur Pedro Almodóvar befreundet. Hat er Ihnen nie eine Rolle in einem seiner Filme angeboten?

Wir kennen uns seit der Madrider Kulturbewegung La Movida. Ein Filmprojekt ist aber nie zustande gekommen. Ich bevorzuge das Theater und die Oper. Für die Familien-Oper «Der gestiefelte Kater» habe ich die Kostüme designt. Ich liebe die Opernwelt. Sie ist ein Tummelplatz für Kreative.

Fashionshow Ágatha Ruiz de la Prada Frühling/Sommer 2013, Madrid Fashion Week (Video: YouTube, FashionTV)

Kurzes Interview mit Ágatha Ruiz de la Prada, Februar 2013 (Video: YouTube, canaldecasa)

Fashionshow Ágatha Ruiz de la Prada Herbst/Winter 2013/14, Madrid Fashion Week (Video: YouTube, Elle España)

Sacha Baron Cohen stürmt den Catwalk von Ágatha Ruiz de la Prada in Mailand (Video: YouTube, Universal Studios)

Ágatha Ruiz de la Prada

Ágatha Ruiz de la Prada ist die erfolgreichste spanische Mode- und Industrieprodukte-Designerin. Sie wurde 1960 in Madrid geboren. Sie stammt aus einer aristokratischen Familie und trägt zwei spanische Adelstitel: XII. Marquise von Castelldosríus und XXIX. Baronesse von Santa Pau.

Nach Abschluss ihres Modestudiums in Barcelona arbeitete sie als Assistentin des Modedesigners Pepe Rubio in Madrid. Zwei Jahre später eröffnete sie ihre erste Boutique und feierte erste Erfolge mit ihren bunten Kleidern. Es folgte eine erfolgreiche internationale Karriere. Ihre Kollektionen zeichnen sich durch knallige Farben und geometrische Formen aus. Herzen, Wolken und Blumen sind oft wiederkehrende Motive. Grosse Erfolge feierte sie auch als Designerin von Schmuck, Taschen, Koffern, Handys, Schuhen, Uhren, Brillen, Möbeln, Uniformen, Bettwäsche, Geschirr, Schreibwaren, Panzertüren usw. Als Produkte-Designerin hat sie u. a. für Iberia, Google, Mercedes-Benz, Swatch, Nestlé, Vodafone, Disney, Motorola, Nivea, Unicef, Baccarat und DHL designt.

Die Designerin ist mit dem Journalisten und Direktor der spanischen Zeitung «El Mundo», Pedro J. Ramírez, verheiratet und hat zwei Kinder. Sie lebt in Madrid.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.