Basel – «Niemand hat verlangt, dass Kreuze vom Friedhof entfernt werden»
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Basel«Niemand hat verlangt, dass Kreuze vom Friedhof entfernt werden»

Mit einer Petition bekämpft die Riehener SVP, dass Kruzifixe aus den Abdankungshallen des Friedhofs Hörnli entfernt oder überdeckt werden. Jetzt schaltet sich auch das Egerkinger-Komitee in den Kampf um christliche Symbole auf dem grössten Schweizer Friedhof ein.

von
Steve Last
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Keine festen christlichen Symbole am grössten Friedhof der Schweiz: Bei den Abdankungen will man sich an den Bedürfnissen der Trauergemeinde orientieren.

Keine festen christlichen Symbole am grössten Friedhof der Schweiz: Bei den Abdankungen will man sich an den Bedürfnissen der Trauergemeinde orientieren.

Tamedia/Kostas Maros
Denn wie Zahlen des Bundes zeigen, wird der Anteil der bekennenden Christen in der Bevölkerung kleiner.

Denn wie Zahlen des Bundes zeigen, wird der Anteil der bekennenden Christen in der Bevölkerung kleiner.

Bundesamt für Statistik
Seit der Sanierung setzt man auch in der Abdankungshalle des Friedhofs Blözen in Pratteln BL auf ein mobiles Kreuz.

Seit der Sanierung setzt man auch in der Abdankungshalle des Friedhofs Blözen in Pratteln BL auf ein mobiles Kreuz.

Gemeinde Pratteln BL

Darum gehts

  • Schweizer Friedhöfe verzichten zunehmend auf feste christliche Symbole in ihren Abdankungshallen.

  • Die SVP Riehen will mit einer Petition gegen die Entfernung und Überdeckung von etwa Kreuzen oder christlichen Gemälden vorgehen.

  • Unterstützt wird sie auch vom Egerkinger Komitee, das die Burka und Minarette aus der Schweiz verbannt hat.

Die Riehener SVP im Kanton Basel-Stadt fürchtet um das Christentum am grössten Friedhof der Schweiz und sammelt Unterschriften für den «Erhalt abendländischer Kultur». Dabei bekommt sie nun auch Unterstützung vom Egerkinger Komitee. Seine politische Schlagkraft hat der Verein um SVP-Nationalrat Walter Wobmann mit den Initiativen zum Minarett- und Verhüllungsverbot, die beide vom Stimmvolk angenommen wurden, unter Beweis gestellt. Gemäss Selbstdeklaration leistet das Komitee «Widerstand gegen die Machtansprüche des politischen Islams in der Schweiz».

Denn in der Abdankungshalle des Friedhofs Hörnli steht jetzt ein mobiles Kreuz, das bei Bedarf entfernt werden kann. Darüber schreibt die «Basler Zeitung» (Paywall). Auch am Friedhof Bölzen in Pratteln BL verzichtet man seit einer Sanierung auf festinstallierte christliche Symbole, ein Kreuz auf Rädern steht aber auch dort bei Bedarf zur Verfügung, wie das «Regionaljournal» von SRF berichtet.

SVP geht mit Petition dagegen vor

In Pratteln hat die Veränderung eine Debatte auf Facebook ausgelöst, in der die Meinungen weit auseinander gehen. «Das Kreuz ist Teil des christlichen Glaubens, die Abdankungshalle ist aber eine öffentliche Institution», schreibt eine Userin. Auch Einwohnerrat Silvio Fareri (Mitte) meldet sich zu Wort: «Eine konfessionsneutrale Gestaltung bedeutet nicht, dass ein Kreuz oder ein anderes religiöses Symbol dort keinen Platz mehr haben darf». Niemandem werde etwas weggenommen. Andere befürchten einen Verlust von Schweizer Werten, die sie mit dem Christentum verbinden: «Fehlt nur noch, dass sie das Schweizerkreuz auf Rollen machen», schreibt eine Userin. Weitere Gegner argumentieren, andere Länder würden sich auch nicht der Schweiz anpassen.

Ebenfalls kritisch sieht es die Riehener SVP. Sie hat eine Petition an den Kanton Basel-Stadt lanciert. Für die Partei ist es «selbstverständlich, dass der Friedhof, wie die allermeisten Friedhöfe der Schweiz, christlicher Ausprägung ist». Nun gebe es offenbar Bestrebungen, «alles zu entfernen, was auch nur im Geringsten an den christlichen Glauben erinnert», heisst es im Petitionstext. Und: «Kreuze wegräumen, Bilder überhängen, alles neu bauen». Stand Donnerstagmittag wurden an die 2000 Unterschriften gesammelt, wie der Riehener SVP-Präsident Bernhard Rungger auf Anfrage von 20 Minuten sagt. Das Egerkinger Komitee habe aus der Bevölkerung davon erfahren und sei auf die SVP zugekommen. Es verschickt Aufrufe, die Petition zu unterschreiben.

Anteil Christen wird kleiner

Der Anteil der Schweizer Bevölkerung, die sich zum christlichen Glauben bekennt, wird kleiner. Während es im Jahr 1970 gemäss Daten des Bundesamts für Statistik noch 98 Prozent waren, zählte man vor zwei Jahren noch 62 Prozent. Entsprechend versuchen Friedhöfe, den unterschiedlichen Bedürfnissen der Trauergemeinden nachzukommen.

«Christlich, anderen die Hand zu reichen»

«Niemand hat verlangt, dass Kreuze vom Friedhof entfernt werden», sagt Anja Bandi, Leiterin der Friedhöfe Basel. Es gehe lediglich um die Gestaltung der Abdankungshallen bei den Feiern. Die Wandbilder etwa würden voraussichtlich bleiben, wirkten aber auch manchen Christen «zu schwer». Darum könne man sie auf Wunsch verdecken. Und der Umbau der Friedhofsgebäude habe nur am Rand mit dieser Debatte zu tun. Sie seien sanierungsbedürftig, und «wir können nicht an den Bedürfnissen der nutzenden Bevölkerung vorbeisanieren», so Bandi. Um herauszufinden, was diese Bedürfnisse sind, fänden nun Abklärungen statt, damit der Friedhof in die Zukunft geführt werden könne.

«Für uns steht an oberster Stelle, dass alle Trauernden gut in den Trauerprozess hineinfinden», sagt Bandi. Dieser beginne schon vor der Abdankung und gehe nach ihr weiter, die Feier sei aber ein wichtiger Zeitpunkt. «Wir wollen für alle da sein», hält die Friedhofsleiterin fest. Eine Verdrängung des Christentums sieht sie indes nicht: Laut Bandi ist die Schweiz «ein christlich geprägtes Land und wird es auch bleiben». Für sie gehört es aber auch zu den christlichen Werten, anderen in einer schwierigen Zeit die Hand zu reichen, damit sie sich so wohl wie möglich fühlen. 

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