In der Limmat ertrunken: «Niemand reagierte auf meine Hilferufe»
Aktualisiert

In der Limmat ertrunken«Niemand reagierte auf meine Hilferufe»

Der Badeplausch von Sandra B. mit ihrem Freund am Samstagabend nahm eine tragische Wende: Ihr Freund ertrank vor dutzenden Augenzeugen und niemand half, ihn zu retten.

von
Annette Hirschberg
Die Freundin des Verstorbenen an der Unfallstelle. (Bild: 20 Minuten/Regina Ryser)

Die Freundin des Verstorbenen an der Unfallstelle. (Bild: 20 Minuten/Regina Ryser)

Sandra B.* ist am Boden zerstört. Auch zwei Tage nach dem Vorfall kann sie nicht verstehen, wie ihr jamaikanischer Freund Josef R.* (28, Name von der Redaktion geändert) in der Limmat ertrinken konnte. Die beiden waren gegen sechs Uhr abends beim Dynamo in den Kanal gestiegen.

«Mein Freund sprang von der Drahtschmidlibrücke, ich ging über die Metalleiter hinein», erzählt sie. Beim Hineingehen habe eine Frau zu Sandra B. gesagt, dass das Wasser kalt sei. «Ich fands dann auch eisig und wollte gleich bei der nächsten Leiter wieder rausgehen. Josef wollte aber noch auf die andere Seite des Kanals rüber», erzählt Sandra B. Darum seien sie weitergeschwommen.

Plötzlich hatte Josef keine Kraft mehr

Auf halbem Weg habe Josef R. dann plötzlich gesagt, er habe keine Kraft mehr. «Ich schwamm sofort zu ihm und wir beide schrien um Hilfe. Ich versuchte ihn zu halten», sagt Sandra. Doch Josef ging bereits unter und zog seine Freundin mit sich. «Ich schaffte es, noch einmal mit ihm hochzukommen, nochmals schrien wir lauthals, dann stiess Josef mich von sich weg und verschwand in der Tiefe», sagt Sandra B.

Während sie sich ans Ufer rettete, schrie sie weiterhin ununterbrochen verzweifelt um Hilfe. «Aber niemand kam, um Josef zu helfen», erzählt sie kopfschüttelnd. Dabei sei die Limmat voller Leute gewesen. «Um mich herum sprangen Schwimmer ins Wasser, andere schwammen an mir vorbei oder sassen am Ufer, aber keiner reagierte», sagt sie ungläubig.

Nur zu ihr seien die Leute gekommen, hätten sie gehalten, getröstet. «Dabei hätte man meinen Freund retten sollen.» Es dauerte für Sandra eine Ewigkeit, bis ein Polizeitaucher kam. «Ich konnte ihm genau zeigen, wo Josef verschwunden war und er fand ihn auch gleich, aber es war zu spät.»

Hatte Josef einen Krampf?

Trotz Reanimation verstarb Josef R. am selben Abend im Spital. Sandra B. vermutet, dass er einen Krampf hatte und darum plötzlich nicht mehr schwimmen konnte. «Er war ein guter Schwimmer und sehr sportlich», erzählt sie. Der 28-Jährige studierte in Jamaika Informatik und Mathematik und hatte gerade Semesterferien. «Darum war er bei mir zu Besuch», sagt Sandra schluchzend. Jetzt muss sie seine Rückführung organisieren.

Was Sandra nicht wusste: An dieser Stelle in der Limmat zu schwimmen ist offiziell verboten. «Nur an den Badeanstalten der Frauenbadi, des Oberen und Unteren Letten und der Werdinsel darf man ins Wasser gehen», sagt Mediensprecher René Ruf von der Stadtpolizei Zürich. Ruf bestätigt aber auch, dass an dieser Stelle viele Leute ins Wasser springen. Hinweisschilder auf das seit über 30 Jahren geltende Verbot gebe es keine, so Ruf.

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Die richtige Rettung

Die Rettung eines Ertrinkenden ist nicht ungefährlich: Sollte die gefährdete Person in Panik geraten, kann er den Retter unter Wasser drücken. In erster Linie sollten deshalb Retter Ruhe bewahren und Hilfe verständigen – entweder selber oder durch Dritte. Lebensrettungsdienste empfehlen erst dann zur Rettung unter der Berücksichtigung folgender Grundsätze:

1. Jede Rettung eines Ertrinkenden sollte soweit möglich vom Ufer aus erfolgen. Am besten wirft man Rettungsmittel bzw. Schwimmhilfen zu.

2. Wenn die Umstände eine Hilfe vom Land aus nicht zulassen, wird grundsätzlich die Rettung mit einem Boot oder einem Rettungsbrett durchgeführt.

3. Ist eine Rettung durch Schwimmen nicht zu umgehen, sollte sich der Retter immer mit einem schwimmfähigen Hilfsmittel dem Ertrinkenden nähern. (Diese eignen sich nicht nur zur Rettung, sondern können auch zur Verteidigung, gegen die in Panik um sich schlagende ertrinkende Person verwendet werden.) Der Retter sollte ruhig hinschwimmen und seine Kräfte einteilen - weil der Rückweg auch Kräfte braucht. Am besten schwimmt man den Ertrinkenden zu zweit (oder mehr) an, wobei jeder Retter einen schwimmfähigen Gegenstand mit sich führen sollte.

Ausnahme vom 3. Grundsatz: Sind keine brauchbaren Hilfsmittel in der Nähe und befindet sich der Ertrinkende bereits in der Lähmungsphase und treibt reglos auf dem Wasser oder ist bereits untergegangen, sollte man ihn direkt anschwimmen. (Quelle: Deutsche Wasserwacht)

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